„Also mit deiner neuen Frau kann deine Mutter nicht unter einem Dach leben, mit der ehemaligen aber schon. Praktisch.“
„Sag das bitte nicht so. Mama ist wirklich ein guter Mensch. Es ist halt einfach zwischen den beiden vom Charakter her nicht gegangen.“
Anna ist zum Fenster hinübergegangen und hat hinausgeschaut. Unten hat ein Bub, vielleicht zehn Jahre alt, einem Ball nachgejagt, während seine Mutter auf einer Bank gesessen und gelesen hat. Eine ganz gewöhnliche Sommerszene. Friedlich, unaufgeregt, wie aus einem Leben, in dem die Schwierigkeiten anderer Leute keinen Platz hatten.
„Anna? Bist du noch dran?“, fragte Lukas.
„Ja.“
„Denk bitte wenigstens darüber nach. Sie wird dir nicht zur Last fallen. Maria ist sehr rücksichtsvoll, das weißt du doch.“
„Rücksichtsvoll“, wiederholte Anna langsam. „Die Frau, die mir jeden Tag erklärt hat, dass ich das Geschirr falsch abwasche?“
„Sie wollte doch nur helfen …“
„Lukas“, unterbrach sie ihn. „Meine Antwort lautet nein. Endgültig. Ich bin kein Auffanglager für deine Verwandtschaft.“
„Anna, jetzt sei doch menschlich!“, fuhr er auf einmal lauter dazwischen. „Was soll sie denn machen? Auf der Straße stehen?“
„Keine Ahnung. Vielleicht fragst du einmal Lena, warum sie es nicht schafft, mit deiner Mutter auszukommen.“
„Was hat Lena jetzt damit zu tun?“, fragte Lukas gereizt.
„Eine ganze Menge. Sie ist deine Frau. Dann soll sie sich auch um eure Familienangelegenheiten kümmern.“
„Anna, ich bitte dich ernsthaft …“
„Und ich antworte dir genauso ernsthaft: nein“, sagte Anna und beendete das Gespräch.
Kaum hatte sie das Handy vom Ohr genommen, begann es erneut zu läuten. Dieselbe Nummer. Anna wies den Anruf ab und sperrte den Kontakt. Danach ging sie noch einmal zur Wohnungstür und kontrollierte, ob beide Schlösser wirklich zugesperrt waren.
In der Wohnung wurde es still. Anna ließ sich in den Fauteuil sinken und blieb eine Weile reglos sitzen. Maria … Sieben Jahre lang war diese Frau so etwas wie eine zweite Mutter für sie gewesen. Oder hatte es zumindest versucht. Immer mit Ratschlägen, immer mit kleinen Bemerkungen, aber im Grunde gutherzig. Wenn Anna krank gewesen war, hatte sie Medikamente vorbeigebracht. Zu Feiertagen hatte sie nie vergessen, ihr etwas zu schenken. Und als Annas eigene Mutter gestorben war, war es ausgerechnet ihre Schwiegermutter gewesen, die ihr bei der Beerdigung zur Seite gestanden hatte.
Aber das war früher gewesen. Damals, als Anna noch Lukas’ Frau gewesen war. Jetzt war alles anders. Und es war nicht Annas Schuld, dass Maria mit der neuen Schwiegertochter Schwierigkeiten hatte.
Anna stand auf und ging zu dem Kasten, in dem ihre Kleider hingen. Morgen war ihr erster Arbeitstag. Verkaufsberaterin in einem Möbelhaus. Fünfhundertfünfzig Euro Fixum plus Provision. Kein Traumjob, gewiss nicht. Doch nach der Scheidung hatte Anna begriffen, dass sie ihr Leben gründlich umstellen musste. Früher hatte sie in einer kleinen Logistikfirma gearbeitet, schlecht bezahlt, dafür ruhig und vertraut. Jetzt brauchte sie ein Einkommen, von dem man tatsächlich leben konnte. Allein zu wohnen war teuer; jede Rechnung, jede Ausgabe, alles blieb an einer einzigen Person hängen.
Sie entschied sich für einen strengen dunkelblauen Hosenanzug und eine weiße Bluse. Klassisch, ordentlich, verlässlich. Wer im Verkauf arbeitete, musste einen soliden Eindruck machen. Am nächsten Tag würden neue Kolleginnen und Kollegen auf sie warten, Kataloge, Warengruppen, die ersten Kundengespräche. Ein anderes Leben. Andere Menschen. Andere Aufgaben.
Im Bad betrachtete Anna sich lange im Spiegel. Die Scheidung hatte Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Ihre Wangen wirkten schmäler, unter den Augen lagen dunkle Schatten. Vierunddreißig war sie, doch in diesem Licht hätte man sie mühelos auf vierzig geschätzt. Der Stress, die schlaflosen Nächte, die endlosen Auseinandersetzungen mit Lukas — all das hatte sich eingegraben.
Und trotzdem fehlte etwas, das sie in den letzten Monaten ihrer Ehe ständig begleitet hatte: dieser gehetzte, eingeschüchterte Blick. Als Anna von seinem Betrug erfahren hatte, war in ihr etwas zerbrochen. Jeder Tag war damals zu einer Prüfung geworden. Lukas war heimgekommen und hatte getan, als wäre nichts geschehen, während sie selbst zwischen dem Wunsch, endlich zu schreien, und der Angst, die Familie endgültig zu zerstören, hin- und hergerissen gewesen war.
Nun gab es diese Familie nicht mehr. Dafür gab es Ruhe. Und das Recht, selbst zu bestimmen, wie es weitergehen sollte.
Anna duschte, zog sich um und legte sich in das breite Bett, das jetzt nur noch ihr gehörte. Die Bettwäsche roch nach frischem Waschmittel. Gleich nach Lukas’ Auszug hatte sie alles abgezogen und gewaschen. Es war beinahe symbolisch gewesen: sämtliche Spuren des gemeinsamen Lebens wegspülen, bis nichts mehr davon übrig blieb.
Am Morgen wurde sie vom Wecker geweckt und nicht von Lukas’ lautem Schnarchen. Schon das fühlte sich wie ein kleiner Sieg an. Sie trank ihren Kaffee in Ruhe, suchte bequeme Schuhe aus und machte sich mit erstaunlich guter Laune auf den Weg.
Das Möbelhaus befand sich in einem Einkaufszentrum am Stadtrand. Ein großzügiger Schauraum, in dem Küchenblöcke, Schlafzimmer, Sofas und Sessel so angeordnet waren, als würden sie zu fertigen Wohnungen gehören. Der Geschäftsführer, Michael, empfing Anna freundlich und führte sie in ein kleines Büro.
„Haben Sie schon Verkaufserfahrung?“, fragte er und blätterte in ihren Unterlagen.
„Ein wenig“, antwortete Anna ehrlich. „Aber ich bin bereit, alles zu lernen.“
„Das Wichtigste ist, ein Gefühl für die Kundschaft zu entwickeln. Der Rest kommt mit der Zeit.“
Michael nahm sie anschließend mit durch den Schauraum und erklärte ihr die Besonderheiten der einzelnen Serien. Italienische Küchen, deutsche Schlafzimmer, österreichische Tische und Sessel. Die Preise reichten von hundertfünfzig Euro für einen einfachen Sessel bis zu dreitausend Euro für eine exklusive Küche.
„Die Leute sind sehr verschieden“, erklärte der Geschäftsführer. „Manche suchen einfach etwas möglichst Günstiges, andere sind bereit, für Qualität zu zahlen.“
