„Ich möchte zwei Schlösser. Damit ganz sicher ist, dass niemand einfach so hereinkommt.“ sagte Anna entschlossen, während sie mit den neuen Schlüsseln die Tür ihres neuen Lebens verriegelte

Diese neue Sicherheit fühlt sich befreiend und richtig
Geschichten

„Anna, ich versteh schon, dass du zornig bist“, sagte Lukas leiser. „Aber Mama kann doch nichts dafür. Sie hat dich immer behandelt, als wärst du ihre eigene Tochter.“

„Ja, das hat sie“, gab Anna ruhig zurück. „Aber ich bin nicht mehr deine Frau. Und ich bin nicht verpflichtet, die Familienprobleme eines Mannes zu lösen, der mich sitzen gelassen hat.“

Lukas schnippte die Zigarette weg und machte einen Schritt auf sie zu. Sofort stieg ihr der vertraute Geruch seines Rasierwassers in die Nase. Früher hätte sie dieser Duft vielleicht wehmütig gemacht. Jetzt wich sie unwillkürlich zurück.

„Anna, wohin soll Mama denn? Ihre Pension beträgt gerade einmal hundertsechzig Euro. Eine eigene Wohnung kann sie sich davon niemals leisten.“

„Ich weiß es nicht“, sagte Anna. „Vielleicht findet Lena ja einen Kompromiss. Oder du kümmerst dich um eine andere Unterkunft für deine Mutter.“

„Welche andere Unterkunft denn?“ Seine Stimme wurde schärfer. „Ich zahl den Kredit fürs Auto, die Wohnungsrate läuft auch noch, und Lena hat erst vor Kurzem zu arbeiten begonnen. Wir haben kein Geld.“

„Dann müsst ihr eben nach einer Lösung suchen. Aber nicht auf meine Kosten.“

„Anna, ich bitte dich doch nur …“

„Und ich sage dir: Nein. Endgültig.“

Sie drehte sich um und ging auf den Hauseingang zu. Lukas holte sie ein und packte sie am Handgelenk.

„Bleib stehen! Bist du wirklich so herzlos?“

Anna riss ihre Hand los und sah ihn kalt an. „Greif mich nicht an. Und wag es nicht, mir Herzlosigkeit vorzuwerfen. Wo war denn dein Herz, als du mich betrogen hast?“

„Das ist vorbei …“

„Für dich vielleicht. Für mich war es eine Lektion. Ich bin keine Wohnfläche, die man je nach Bedarf auf zwei Personen aufteilt, Lukas. Hast du das endlich verstanden?“

„Denk doch wenigstens an Mama. Maria trägt keine Schuld daran, was zwischen uns passiert ist.“

„Nein, sie ist nicht schuld“, sagte Anna und nickte langsam. „Aber sie ist auch nicht meine Verantwortung. Jetzt soll Lena schauen, wie sie mit deiner Mutter zurechtkommt. Oder eben nicht. Das sind eure Familienangelegenheiten.“

„Du weist mich also wirklich ab?“

„Ganz genau. Ich weise dich ab. Und komm bitte nie wieder mit so einer Bitte hierher.“

Anna betrat das Stiegenhaus und ging hinauf in ihre Wohnung. Vom Fenster aus sah sie später, wie Lukas noch gut eine Viertelstunde neben seinem Auto stand und rauchte. Dann stieg er ein, startete den Motor und fuhr davon.

Sie setzte Kaffee auf und ließ sich am Fenster nieder. Unten im Hof spielten die Nachbarskinder Verstecken. Ihr Lachen drang durch das offene Fenster herauf und vermischte sich mit dem Rascheln der Blätter im Wind. Ein ganz gewöhnlicher Sommerabend, an dem jeder Mensch seine eigenen Schwierigkeiten zu tragen hatte.

Eine Stunde später läutete ihr Handy. Lukas’ Nummer. Anna drückte den Anruf weg und blockierte den Kontakt erneut. Danach schrieb sie an dieselbe Nummer eine kurze Nachricht: „Ruf mich nicht mehr an. Meine Antwort bleibt nein.“

Am nächsten Tag verkaufte Anna eine komplette Kücheneinrichtung um zweitausend Euro. Ihre Provision betrug achtzig Euro. Michael drückte ihr die Hand und meinte, Verkäuferinnen wie sie müsse man erst einmal finden.

„Sie haben wirklich ein Gespür dafür“, sagte der Geschäftsführer. „Die Leute vertrauen Ihnen.“

„Ich arbeite einfach ehrlich“, erwiderte Anna.

„Eben. Genau das ist heute selten geworden.“

Am Abend rechnete Anna ihre Einnahmen der vergangenen zwei Wochen zusammen. Mit dem Fixgehalt kam sie auf siebenhundertdreißig Euro. Das war mehr, als sie in der Logistikfirma in zwei Monaten verdient hatte. Ihr neues Leben schenkte ihr nicht nur innere Erleichterung, sondern zum ersten Mal seit Langem auch echte finanzielle Eigenständigkeit.

Anna kaufte sich ein neues Kleid und meldete sich in einem Fitnessstudio an. Es war Zeit, sich wieder um sich selbst zu kümmern. Um den Körper, der unter dem Stress der letzten Ehemonate gelitten hatte. Um neue Interessen. Um Menschen, die nicht nur nahmen, sondern auch etwas zurückgaben.

Im Fitnessstudio lernte sie Sophie kennen, eine Frau in ihrem Alter, die ebenfalls erst vor Kurzem geschieden worden war. In der Umkleide kamen sie ins Reden.

„Am Anfang hab ich mich fürchterlich gefürchtet“, erzählte Sophie, während sie ihre Sporttasche zumachte. „Ich hab geglaubt, allein schaff ich das nie. Und dann hab ich gemerkt: Ohne Mann geht es mir sogar besser.“

„Das kann ich gut nachvollziehen“, sagte Anna. „Keiner kommandiert einen herum, keiner nörgelt, keiner macht ständig neue Probleme.“

Sophie lachte trocken. „Mein Ex hat auch versucht, wieder anzuklopfen. Nicht, weil er die Familie vermisst hätte. Sondern weil ich wieder seine Schwierigkeiten ausbügeln sollte. Stell dir diese Frechheit vor.“

„Muss ich mir nicht vorstellen“, sagte Anna. „Bei mir war es ziemlich ähnlich.“

„Und?“

„Ich hab nein gesagt. Ein für alle Mal.“

„Richtig so. Sie sollen selber mit dem fertigwerden, was sie angerichtet haben.“

Anna nickte. In diesem Moment wurde ihr bewusst, wie wichtig es war, Menschen zu begegnen, die einen verstanden. Sophie hatte Ähnliches erlebt und schämte sich nicht dafür, Grenzen gezogen zu haben. Genau diese Selbstverständlichkeit tat Anna gut.

Zu Hause kochte sie sich ein Abendessen und drehte Musik auf. Jazz, den sie früher nur mit Kopfhörern gehört hatte, weil Lukas sich immer darüber beschwert hatte. Jetzt durfte er durch die ganze Wohnung klingen, ohne dass jemand die Stirn runzelte oder genervt seufzte.

Draußen wurde es langsam dunkel. Vor dem Fenster gingen die Straßenlaternen an, in den Wohnungen gegenüber flammte nach und nach Licht auf. Anna betrachtete diese ruhige Szene und dachte daran, wie sehr sich ihr Leben innerhalb eines einzigen Monats verändert hatte. Die Scheidung, die neue Arbeit, neue Pläne. Und vor allem die Erkenntnis, dass niemand mehr das Recht hatte, ihr die Verantwortung für fremde Entscheidungen aufzubürden.

Lukas hatte Lena gewählt. Also sollte nun Lena entscheiden, ob sie mit ihrer Schwiegermutter unter einem Dach leben konnte. Oder eben nicht. Anna hatte mit diesem Spiel nichts mehr zu tun.

Das Handy blieb still. Für Anna war genau das der beste Beweis, dass ihr ehemaliger Mann begriffen hatte: Druck brachte bei ihr nichts mehr. Sie wusste nun mit unerschütterlicher Klarheit, dass sie nie wieder jene retten würde, die sich ihre Probleme selbst geschaffen hatten.

Hedis Stube