— Und wie viele Tage hat deine Mutter eigentlich vor, bei uns zu bleiben? — Anna wickelte nervös eine Haarsträhne um den Finger und sah dabei zu, wie ihr Mann das Gästezimmer fertig herrichtete, das sonst als Kinderzimmer für ihre dreijährige Tochter Lena diente.
Lukas zuckte nur mit den Schultern und strich die frisch bezogene Bettwäsche glatt.
— Mama hat gemeint, sie möchte ein paar Tage bei uns sein. Sie hat uns halt vermisst! Ich denk, am Wochenende fährt sie wieder heim ins Dorf. Sie hat dort ja ihre Wirtschaft, lang kann sie ohnehin nicht wegbleiben.
Anna nickte, brachte aber kein Wort heraus. In ihrem Inneren zog sich alles zusammen. Das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter war seit den ersten Tagen ihrer Ehe mit Lukas angespannt gewesen. Barbara sprach es zwar nie offen aus, doch mit jeder Geste und jedem Blick gab sie Anna zu verstehen, dass sie als Schwiegertochter ihren Vorstellungen nicht entsprach.
— Bitte sag ihr nur vorher, dass sie im Bad meine Kosmetiksachen in Ruhe lassen soll, ja? — fügte Anna hinzu, während ihr die früheren Besuche wieder einfielen. — Beim letzten Mal hat sie die halbe Gesichtscreme aufgebraucht und dann gesagt, sie wolle halt einmal wissen, wofür ich das Geld ihres Sohnes ausgebe.

— Geh, Anna! — Lukas winkte ab. — Dann hat sie halt was davon genommen. Für sie ist es ganz normal, Sachen zu teilen. Aber gut, ich red mit ihr.
Anna begann keine Diskussion. Nach drei Jahren Ehe hatte sie längst begriffen, dass Lukas immer zuerst seine Mutter verteidigen würde, egal, wie verletzend diese sich seiner Frau gegenüber benahm.
Barbara kam Punkt zwölf Uhr mittags an. Lukas war da bereits in der Arbeit und hatte Anna allein zurückgelassen, um den Besuch zu empfangen. Als es an der Tür läutete, klang es für Anna wie die Ankündigung eines Gewitters.
— Grüß Gott, Anna! — Die Schwiegermutter begrüßte sie kühl und hielt ihr die Wange für einen pflichtschuldigen Kuss hin. Ihr Gesicht war unter einer dicken Schicht Make-up und Puder beinahe maskenhaft.
Hinter Barbara standen zwei riesige Koffer und eine prall gefüllte Tasche mit Mitbringseln.
— Grüß Gott, Barbara! — Anna zwang sich zu einem Lächeln. — Kommen Sie nur herein, das Zimmer ist schon vorbereitet.
— Ja, ja, schon gut. Lukas hat mir gesagt, dass ihr mir einstweilen das Kinderzimmer gebt. Ich hoffe, es ist dort nicht zu eng? — Barbara ließ den Blick kritisch durch den Vorraum schweifen. — Und mein Sohn ist noch immer in der Arbeit? Er hat sich nicht einmal freinehmen können, um seine eigene Mutter abzuholen?
Anna half ihr, die Koffer in die Wohnung zu bringen.
— Lukas hat eine Besprechung, die konnte er nicht absagen. Er hat versprochen, früher heimzukommen.
— Verstehe. Die Arbeit ist also wichtiger als die Mutter, — brummte Barbara und ging ins Wohnzimmer, wo die kleine Lena gerade mit ihren Puppen spielte.
Als das Kind die fremde Frau sah, hielt es verunsichert inne. Barbara schenkte ihrer Enkelin kaum mehr als einen flüchtigen Blick.
— Das ist also die Lena. Groß ist sie geworden, — sagte sie nebenbei und steuerte sofort auf das Kinderzimmer zu. — Zeig mir lieber, wo ich schlafen soll.
Den ganzen Tag über sprach Barbara kein einziges Mal direkt mit Lena. Selbst als das kleine Mädchen ihr schüchtern das liebste Stofftier entgegenstreckte, verzog die Schwiegermutter nur das Gesicht.
— Räum das weg, Anna. Ich mag keine Plüschtiere. Die fangen doch nur Staub.
Am Abend kam Lukas heim, müde, aber sichtbar glücklich, seine Mutter zu sehen. Lena lief ihm quietschend entgegen, und er hob sie auf die Arme, drehte sich mit ihr durchs Zimmer.
— Na, wie geht’s meinen Lieblingsfrauen? Habt ihr euch eh nicht gelangweilt? — Er küsste Anna auf die Wange und umarmte danach seine Mutter.
— Alles bestens, mein Sohn! — Barbara lächelte plötzlich warm und verwandelte sich im selben Augenblick in die fürsorglichste Mutter und Großmutter. — Deine Frau war den ganzen Tag beschäftigt, also haben die kleine Lena und ich uns eben miteinander unterhalten.
Anna hob überrascht die Augenbrauen, sagte aber nichts. In Wahrheit hatte Barbara den ganzen Tag entweder mit Freundinnen telefoniert oder vor dem Fernseher gesessen, ohne ihrer Enkelin auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.
Nach dem Abendessen, als Lukas Lena auf der Klappliege in ihrem Schlafzimmer schlafen legte, ging Anna ins Kinderzimmer, um den Pyjama der Tochter zu holen. Auf der Schwelle blieb sie wie angewurzelt stehen. Barbara räumte gerade sorgfältig ihre eigenen Sachen in die Laden der Kommode, in der sonst Lenas Kinderkleidung lag. Die kleinen Kleidungsstücke hatte sie einfach herausgenommen und in einem Stapel auf einen Sessel gelegt.
— Barbara, was machen Sie da? — fragte Anna vorsichtig.
— Ich richte mich ein, — antwortete die Schwiegermutter schlicht und füllte weiter eine Lade nach der anderen mit ihren zahlreichen Blusen und Kleidern. — Ich kann ja wohl nicht aus dem Koffer leben.
— Aber Sie bleiben doch nur kurz …
Barbara richtete sich auf und sah Anna lange und scharf an.
— Das wird sich zeigen, Anna. Das wird sich alles noch zeigen.
Der zweite Tag von Barbaras Besuch begann mit dem Geruch von angebranntem Brei. Anna fuhr aus dem Bett hoch, sog erschrocken die Luft ein und eilte in die Küche. Dort stand ihre Schwiegermutter in einem bunten Hausmantel am Herd und rührte in einem Topf Buchweizen herum.
— Guten Morgen, — sagte Anna und bemühte sich, ihren Ärger nicht hören zu lassen. — Normalerweise mache ich das Frühstück für die Familie selbst.
— Dann wäre es höchste Zeit, dass du lernst, früher aufzustehen, — gab Barbara zurück, ohne sich auch nur zu ihr umzudrehen.
