— Junge Hausherrinnen sollten mit den Hähnen auf den Beinen sein! Und du liegst noch im Bett und lässt dich verhätscheln, während das Kind hungrig ist!
— Lena wacht nie hungrig auf, wir haben unseren festen Rhythmus, — entgegnete Anna und trat zum Herd. Ein Blick in den Topf genügte: Der Boden war hoffnungslos angebrannt. — Außerdem essen wir in der Früh keinen Buchweizen. Lena verträgt ihn nicht, sie bekommt davon Ausschlag.
Barbara schnaubte verächtlich.
— So ein Unsinn! Am Land essen die Kinder alles, was auf den Tisch kommt, und stellen sich nicht so an. Diese Allergien habt ihr Städter euch doch nur eingeredet.
Mit ihr zu diskutieren war zwecklos. Anna sagte nichts mehr, holte aus dem Kühlschrank ein Joghurt für ihre Tochter und begann, Obst kleinzuschneiden. Lukas war bereits in die Arbeit gefahren. Auf dem Küchentisch lag nur ein Zettel von ihm: Er komme zum Abendessen heim und bringe für alle etwas Gutes mit.
Der Tag zog sich quälend dahin. Obwohl Barbara am Vortag groß verkündet hatte, sie wolle mit ihrer Enkelin helfen, beachtete sie Lena kaum. Dafür schaffte sie es, gleich zweimal in den Supermarkt ums Eck zu gehen und jedes Mal mit vollgepackten Sackerln zurückzukommen.
— Ich habe eingelegte Sachen besorgt! — verkündete sie und stellte mehrere Gläser auf den Tisch. — Nicht diesen gekauften Giftkram, den ihr da dauernd esst. Irgendwelche komischen Früchte und sonstigen Mist!
— Danke, aber wir haben genug Vorräte. Auch Eingelegtes ist da, — erwiderte Anna, während sie zusah, wie ihre Schwiegermutter ohne zu fragen die Lebensmittel im Kühlschrank umräumte.
— Nicht das Richtige! — schnitt Barbara ihr das Wort ab. — So etwas kann ich nicht essen. Und mein Sohn übrigens auch nicht, ich kenn ihn schließlich. Überhaupt kochst du viel zu selten ordentlich daheim.
Anna biss die Zähne zusammen und schwieg. Sie hatte Lukas versprochen, ruhig zu bleiben und Geduld zu haben.
Nach dem Mittagessen, als Lena ihren Mittagsschlaf machte, setzte sich Barbara plötzlich mit einem Häferl Tee an den Küchentisch, direkt Anna gegenüber. Ihr Gesichtsausdruck war so entschlossen, dass Anna sofort ahnte: Jetzt kam nichts Gutes.
— Wir müssen reden, Anna, — begann Barbara in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. — Ich habe da nämlich etwas beschlossen.
— Was denn? — Anna hob den Blick von ihrem Laptop, auf dem sie gerade ihre beruflichen E-Mails kontrollierte.
— Ich werde zu euch ziehen. Für immer.
Anna blinzelte. Einen Moment lang war sie überzeugt, sich verhört zu haben.
— Wie bitte?
— Ich sehe keinen vernünftigen Grund, wieder zurück aufs Land zu fahren, — fuhr Barbara fort, als ginge es um den Wetterbericht. — Dort ist es fad, besonders im Winter. Hier gibt es alles: Geschäfte, Parks, ein bissl Leben. Und ich kann mich um Lena kümmern, während du und Lukas arbeitet.
— Aber… wir haben doch gar keinen Platz, — brachte Anna verwirrt hervor. — Die Wohnung ist für vier Personen viel zu klein.
— Geh bitte, red keinen Schmarrn! — Barbara machte eine wegwerfende Handbewegung. — Das Kinderzimmer passt wunderbar für mich. Lena kann ja bei euch schlafen oder im Wohnzimmer. Sie ist noch klein, die braucht nicht so viel Raum.
Anna spürte, wie in ihr die Wut hochstieg.
— Barbara, das geht nicht. Lena braucht ihr eigenes Zimmer. Und Lukas und ich haben nie darüber gesprochen, dass wir mit Ihnen zusammenwohnen werden.
— Mit wem? Mit seiner Mutter? — fiel Barbara ihr scharf ins Wort und kniff die Augen zusammen. — Ich hab’s ja gewusst, dass das von dir kommt. Du willst mich von meinem Sohn fernhalten. Lukas wollte immer, dass ich in seiner Nähe bin. Früher wollte er sogar wieder zurück aufs Land ziehen, aber dann bist du aufgetaucht. Und jetzt wieder dasselbe. Außerdem haben wir das mit ihm schon besprochen.
— Was? — Anna starrte sie fassungslos an. — Lukas hat mir kein Wort davon gesagt.
— Dann hat er sich halt vor deiner Reaktion gefürchtet! — erklärte Barbara triumphierend. — Aber die Entscheidung ist gefallen. Ich verkaufe mein Haus am Land und komme hierher. Lena wird sich eben an die neuen Verhältnisse gewöhnen müssen.
Ohne Annas Antwort abzuwarten, stand Barbara auf und ging zielstrebig zum Kinderzimmer. Anna folgte ihr sofort — und erstarrte, als sie sah, wie die ältere Frau begann, Kinderzeichnungen und Fotos von den Wänden zu nehmen.
— Was machen Sie da?! — rief Anna entsetzt und riss ihr einen Bilderrahmen aus der Hand. Darin war Lena an ihrem ersten Geburtstag zu sehen.
— Ich richte mein Zimmer ein, — sagte Barbara, völlig ungerührt. — Diese Kinderbilder müssen weg. Und das Gitterbett schieben wir zum Fenster. Oder besser, wir stellen es ganz hinaus. Es nimmt viel zu viel Platz weg.
— Barbara! — Anna zwang sich, ruhig zu sprechen, doch ihre Stimme zitterte bereits vor Zorn. — Sie können nicht einfach hereinspazieren und meiner Tochter ihr Zimmer wegnehmen. Lukas und ich haben das nicht beschlossen, und—
— Ich habe dir doch gesagt, Lukas ist einverstanden! — unterbrach Barbara sie wieder. — Du wirst dich damit abfinden müssen. Am Ende bin ich seine Mutter, und du bist nur seine Frau. Frauen kommen und gehen, aber eine Mutter bleibt für immer.
— Legen Sie Lenas Spielsachen sofort wieder zurück! — Jetzt machte Anna keinen Versuch mehr, ihre Empörung zu verbergen. Sie sah, wie Barbara die Sachen ihrer Tochter in eine große Schachtel stopfte, von der Anna nicht einmal wusste, wo sie plötzlich hergekommen war.
— Du hast mir gar nichts anzuschaffen! — gab Barbara kühl zurück. — Wenn du das Kind richtig erziehen würdest, würden die Spielsachen nicht überall im Zimmer herumliegen.
Anna holte tief Luft und versuchte, nicht die Beherrschung zu verlieren. Draußen begann es bereits dunkel zu werden, und von Lukas war noch immer nichts zu sehen.
