„Geh, Anna!“ — Lukas winkte ab und stellte sich auf die Seite seiner Mutter

Diese scheinheilige Wärme ist schmerzhaft und unerträglich.
Geschichten

Die Lage glitt Anna immer mehr aus den Händen.

— Hören Sie mir jetzt einmal zu! — Anna bemühte sich, vernünftig und ruhig zu klingen. — Ich weiß nicht, was Sie Lukas erzählt haben und was er Ihnen darauf geantwortet hat. Aber wir beide haben ganz sicher nicht besprochen, dass Sie zu uns ziehen. Und erst recht werden wir unserer Tochter nicht ihr Zimmer wegnehmen!

Barbara richtete sich kerzengerade auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

— Aha, so ist das also? Dieses Kind ist dir wichtiger als die Mutter deines Mannes? Ganz typisch Schwiegertochter! Ich habe Lukas immer gesagt, dass du nicht zu unserer Familie passt!

— Lena ist nicht „dieses Kind“! — fuhr Anna sie an, während ihr das Blut in den Schläfen zu pochen begann. — Sie ist übrigens Ihre Enkelin!

— Enkelin? — Barbara lachte kurz auf, kalt und unangenehm. — Dann schau sie dir doch einmal ordentlich an! Mit unserer Familie hat sie überhaupt nichts gemeinsam. Weder mit Lukas noch mit mir. Wo du sie aufgetrieben hast, würde mich wirklich interessieren.

Anna erstarrte. Für einen Moment konnte sie nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Es war, als wäre die Luft im Zimmer schlagartig um mehrere Grade kälter geworden.

— Was haben Sie da gesagt? — fragte sie leise.

— Genau das, was du gehört hast! — Barbara hob überheblich das Kinn. — Ich bin ja nicht blind. Mein Sohn mag so etwas übersehen, aber in unserer Familie sind alle dunkelhaarig. Und diese deine Lena ist rothaarig! Die Augen sind nicht unsere, der Charakter auch nicht. Dieses Gezeter, diese Launen, diese Aufstände…

— Meine Großmutter hatte rote Haare! — presste Anna hervor. — Und Lenas Charakter ist eine Kopie von Lukas, als er klein war! Nur erinnern Sie sich offenbar nicht mehr daran, wie Ihr eigener Sohn als Kind gewesen ist, weil Sie sich viel zu selten wirklich mit ihm beschäftigt haben!

Barbara wurde vor Zorn kreidebleich.

— Wie wagst du es! Ich habe Lukas mein Leben lang so erzogen, wie ich nur konnte! Aber du… du bist doch nichts anderes als eine Mitgiftjägerin! Du hast meinen Sohn um den Finger gewickelt und ihm ein fremdes Kind untergeschoben! Glaubst du, ich weiß nicht, wie du in der Arbeit deinem Chef schöne Augen machst? Ihr seid doch alle gleich!

— Sind Sie jetzt völlig von Sinnen? Haben Sie zu viele Fernsehserien geschaut? — Anna wich unwillkürlich einen Schritt zurück. — Meine Vorgesetzte ist eine Frau. Und sie ist sechzig.

— Lüg mich nicht an! — Barbara wurde lauter. — Ich habe mich über dich erkundigt! Lukas ist zu gutherzig, zu vertrauensselig. Aber ich weiß ganz genau, wie solche Stadtmädchen wie du ticken!

In diesem Augenblick fiel im Vorzimmer die Wohnungstür ins Schloss, und Lukas’ Stimme war zu hören:

— Ich bin daheim! Wo sind denn meine Liebsten…

Er brach mitten im Satz ab. Vor ihm standen seine Frau und seine Mutter, beide mit geröteten Gesichtern, einander gegenüber wie zwei Menschen, die jeden Moment aufeinander losgehen würden.

— Was ist denn hier los? — fragte Lukas und sah erschrocken von der einen zur anderen.

— Mein Bub! — Barbara wechselte augenblicklich den Ton und eilte auf ihn zu. — Gott sei Dank bist du wieder da! Deine Frau… sie ist vollkommen durchgedreht! Sie wirft mich hinaus und beschimpft mich!

— Was? — Lukas blickte verwirrt zu Anna. — Anna, wovon redet sie?

— Deine Mutter hat behauptet, du hättest ihr erlaubt, für immer bei uns einzuziehen — erwiderte Anna trocken. — Und sie will Lenas Zimmer haben und unsere Tochter ins Wohnzimmer abschieben. Nachdem sie sie vorher auch noch… — Sie stockte, weil sie diese widerlichen Worte nicht vor Lukas aussprechen wollte.

— Mama, stimmt das? — Lukas wandte sich seiner Mutter zu.

— Natürlich nicht! — entrüstete sich Barbara sofort. — Ich habe nur vorgeschlagen, eine Weile bei euch zu wohnen und mit dem Kind zu helfen! Und sie hat daraus einen Skandal gemacht. Sie hat geschrien und mir gedroht!

— Sie lügt! — sagte Anna fest. — Und außerdem hat sie gesagt, Lena sei nicht deine Tochter. Dass ich… dass ich sie irgendwo nebenbei bekommen hätte.

Aus Lukas’ Gesicht wich jede Farbe. Langsam drehte er sich wieder zu seiner Mutter.

— Mama, hast du das wirklich gesagt?

— Mein Sohn, sie verdreht dir alles, sie manipuliert dich! — jammerte Barbara. — Ich habe doch nur bemerkt, dass das Mädchen unserer Familie nicht besonders ähnlich sieht. Und sie hat sofort zu schreien begonnen!

— Ich schreie nie vor Lena! — entgegnete Anna scharf. — Im Gegensatz zu Ihnen denke ich nämlich an das Kind!

Lukas wirkte, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch genau in diesem Moment drang aus dem Schlafzimmer ein leises Weinen. Lena war aufgewacht.

— Ich geh zu ihr! — Anna machte sich auf den Weg zu ihrer Tochter, blieb aber in der Tür noch einmal stehen und drehte sich um.

Lukas sah sie fragend an. Da sagte Anna, jedes Wort klar und eisig:

— Wenn deine Mutter morgen Früh nicht aus meiner Wohnung verschwunden ist, mein Lieber, dann suchst du dir gemeinsam mit ihr ein neues Zuhause.

Ihre Worte blieben im Raum hängen, als hätten sie plötzlich eine greifbare Gestalt angenommen. Lukas starrte seiner Frau mit offenem Mund nach und schien nicht fassen zu können, was er soeben gehört hatte.

— Siehst du, wie sie ist? — zischte Barbara sofort und klammerte sich an seinen Arm. — Ich habe dir immer gesagt, dass sie dich nicht liebt! Kaum läuft etwas nicht nach ihrem Willen, lässt sie dich fallen! Du und ich, wir waren immer zusammen, bis sie aufgetaucht ist!

Lukas löste ihre Finger langsam von seinem Arm. Sein Blick, mit dem er seine Mutter ansah, war plötzlich fremd und kalt.

— Mama, ich will jetzt die Wahrheit wissen. Sofort. Was genau hast du über Lena gesagt?

— Ach, doch nichts Besonderes… — Barbara versuchte, eine unschuldige Verwirrung vorzutäuschen. — Ich habe nur angemerkt, dass das Mädchen dir nicht besonders ähnlich sieht!

Hedis Stube