Das ist doch eine ganz normale Feststellung! Und wenn deine Frau deswegen sofort zu schreien anfängt, dann wird sie wohl ein schlechtes Gewissen haben!
Lukas ist ins Wohnzimmer gegangen und hat sich schwer auf das Sofa fallen lassen. Er kam sich vor wie jemand, der plötzlich mitten in einem Minenfeld steht: Ein falsches Wort, eine unbedachte Bewegung, und alles konnte in die Luft fliegen.
— Mama, hör mir jetzt bitte gut zu … — hat er angesetzt und jedes Wort sichtbar abgewogen. — Ich liebe dich. Wirklich. Aber Anna ist meine Frau. Und Lena ist meine Tochter. Ich werde niemandem erlauben, meine Familie kaputtzumachen. Nicht einmal dir.
— Ich mache doch gar nichts kaputt! — hat Barbara empört ausgerufen. — Ich will doch nur zu euch gehören! Ich will euch helfen, euch unterstützen, für euch da sein! Was soll daran bitte falsch sein?
— Und warum hast du Anna dann erzählt, ich hätte deinem Einzug zugestimmt? — fragte Lukas ohne Umschweife. — Darüber haben wir nie gesprochen. Kein einziges Mal.
Barbara verstummte. Ihre Augen wichen seinem Blick aus.
— Na ja … nicht direkt gesprochen vielleicht … Aber du hast doch immer gesagt, dass du mich vermisst. Dass du möchtest, dass ich öfter komme …
— Zu Besuch, Mama! — stellte Lukas scharf klar. — Zu Besuch kommen ist nicht dasselbe wie bei uns wohnen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
In diesem Moment ist Anna aus dem Schlafzimmer gekommen. Auf dem Arm hielt sie Lena, die noch ganz verschlafen war und sich die Augen rieb. Als das Mädchen seinen Vater gesehen hat, streckte es sofort beide Arme nach ihm aus.
— Papa! Papa ist wieder da!
Lukas nahm seine Tochter zu sich und drückte den kleinen, warmen Körper fest an seine Brust. Lena legte den Kopf an seine Schulter, als wäre dort der sicherste Platz der Welt. Und gerade in diesem Augenblick war die Ähnlichkeit zwischen Vater und Tochter kaum zu übersehen: die Linie der Nase, der Schnitt der Augen, sogar die Art, wie sie die Stirn kraus zog, wenn sie müde war.
— Wie kannst du ernsthaft behaupten, sie sei mir nicht ähnlich? — fragte Lukas leise, ohne den Blick von seiner Mutter zu nehmen. — Sie ist doch mein Ebenbild.
Barbara presste die Lippen zusammen.
— Die Haare hat sie nicht von dir. Und den Charakter schon gar nicht.
— Die Haare hat sie von Annas Großmutter, — antwortete Lukas ruhig. — Und ihr Charakter ist eine Mischung aus uns beiden. Wobei die Sturheit eindeutig von mir kommt.
Er setzte Lena behutsam auf den Boden und strich ihr über den Kopf.
— Mein Schatz, geh bitte kurz in dein Zimmer und spiel ein bissl, ja? Papa muss mit der Oma reden.
Lena nickte gehorsam und tappte hinaus. Erst als die Kinderzimmertür hinter ihr halb zugefallen war, wandte Lukas sich wieder seiner Mutter zu. Sein Gesicht war hart geworden.
— Mama, ich liebe dich. Das weißt du. Aber was du hier aufgeführt hast, geht zu weit. Du greifst meine Familie an. Mein Zuhause. Mein Glück. Und ich verstehe nicht, warum du das tust.
— Ich greife niemanden an! — fuhr Barbara auf. — Ich will nur näher bei dir sein! Deine Frau hat mich vom ersten Tag an nicht leiden können. Sie redet dir doch ein, dass ich dein Feind bin. Sie hetzt dich gegen deine eigene Mutter auf!
— Anna hat nie schlecht über dich gesprochen, — sagte Lukas und schüttelte langsam den Kopf. — Nicht einmal dann, wenn du ihr gegenüber unfair warst. Nicht einmal, wenn du sie mit deinen Vorwürfen verletzt hast. Sie hat dich respektiert, weil du meine Mutter bist. Und du …
Er brach ab. Doch Barbara konnte in seinen Augen lesen, was er nicht aussprach: Enttäuschung. Tiefe, bittere Enttäuschung. Und die traf sie härter als jede Beschimpfung.
— Ich glaube, es ist besser, wenn du fährst, — sagte Lukas nach einer kurzen Pause. — Jetzt gleich. Ich bestelle dir ein Taxi zum Bahnhof und besorge dir ein Ticket heim. Morgen in der Früh bist du wieder bei dir.
— Du wirfst mich hinaus? — In Barbaras Stimme lag echte Kränkung, doch Lukas ließ sich diesmal nicht beirren.
Er atmete tief durch.
— Anna ist meine Frau. Lena ist meine Tochter. Ich lasse nicht zu, dass jemand sie beleidigt oder Lügen über sie verbreitet. Auch du nicht.
Dann ging er ins Kinderzimmer, wo Barbara bereits einen Teil ihrer Sachen ausgebreitet hatte, und begann, alles wieder in den Koffer zu legen.
— Was soll das werden?! — rief sie fassungslos.
— Ich helfe dir beim Packen, — erwiderte Lukas mit ruhiger Stimme. — Das Taxi ist in einer halben Stunde da.
Als Barbara begriff, dass ihr Sohn seine Meinung nicht ändern würde, fiel ihre gekränkte Maske schlagartig von ihr ab. Von verletzter Mutterliebe blieb nichts übrig. Plötzlich stand vor ihm eine Frau, die nicht mehr bat, sondern angriff.
— Wie kannst du es wagen, Lukas?! Diese Frau hat dich um den Finger gewickelt! Sie hat dich völlig benebelt! Sie hat dir ein fremdes Kind untergeschoben, und du Trottel glaubst ihr auch noch! Ihr Männer seid doch alle gleich — ihr denkt nur mit dem falschen Körperteil!
Lukas antwortete nicht. Wortlos legte er ihre Kleider, ihre Kosmetiktasche und die übrigen Sachen in den Koffer. Jede weitere Diskussion hätte nur neues Gift in die Wohnung gebracht.
Als das Taxi unten wartete, trug er die Koffer hinaus und begleitete seine Mutter zum Wagen. Er wollte ihr noch Geld für die Fahrt und das Zugticket geben, doch sie nahm es nicht an. Sie schaute an ihm vorbei, als wäre er ein Fremder.
— Mama, — sagte er schließlich, während sie bereits im Auto saß. — Wenn du bereit bist, dich bei meiner Frau zu entschuldigen und meine Tochter als meine Tochter anzunehmen, dann melde dich. Bis dahin kommst du nicht mehr hierher.
Barbara drehte den Kopf weg. Die Autotür fiel zu, und kurz darauf fuhr das Taxi davon.
Lukas blieb noch einen Moment vor dem Haus stehen. Die kühle Luft tat ihm gut, doch sie konnte den Druck in seiner Brust nicht lösen. Dann ging er wieder hinauf in die Wohnung.
Anna saß in der Küche, ganz still, die Hände um ein Häferl mit längst kalt gewordenem Tee gelegt. Sie hob den Blick, als er hereinkam, sagte aber nichts.
— Sie ist weg, — sagte Lukas und setzte sich neben sie. — Ich hätte nie gedacht, dass sie zu so etwas fähig ist.
Anna sah ihn müde an.
— Was hast du erwartet? Ich habe dir doch gesagt, wie sie sein kann. Selbst nachdem sie all diese Dinge ausgesprochen hat, wolltest du noch glauben, dass sie es nicht so meint.
— Ich weiß, — sagte er leise. — Aber versteh mich auch: Sie ist meine Mutter. Ich wollte nicht sehen, was direkt vor mir liegt.
Er nahm Annas Hand und drückte sie fest.
— Aber eines musst du wissen: Du und Lena, ihr seid mein Leben. Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich ihr wahres Gesicht nicht früher erkannt habe.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Es war kein leichtes Schweigen, aber zum ersten Mal an diesem Abend fühlte es sich ehrlich an. Danach standen sie gemeinsam auf und gingen zu Lena.
Das Mädchen hatte von dem ganzen Drama nur wenig verstanden. Strahlend hielt sie ihnen ein Blatt Papier entgegen. Darauf waren drei Figuren gemalt, ungelenk und bunt, aber eindeutig: Mama, Papa und sie selbst. Alle drei hielten einander an den Händen.
Ihre kleine Familie. Nicht perfekt. Nicht frei von Schmerz. Aber echt.
