Dann ist er zum Kasten hinübergestolpert — und dort hat ihn der nächste Schlag getroffen: Die Hälfte ihrer Sachen war weg. Vom Schminktisch fehlten das Parfum, die Cremen und sogar dieser neue Badeanzug, den sie extra für den Urlaub gekauft hatte.
Es war, als hätte Anna in dieser Wohnung nie gelebt.
Am nächsten Tag ist eine Nachricht gekommen: „Pfiat di, Lukas. Wenn du mir das Meer schon nicht ermöglichen kannst, dann sorg ich als schöne Frau eben selber dafür. Vermiss mich nicht zu sehr und sauf nicht allzu viel — nüchtern bist du nämlich auch kein Geschenk. Anna.“
Darunter war ein Foto. Anna stand vor einem türkisblauen Meer, mit einem breitkrempigen Hut am Kopf, in einem kurzen Kleid mit einem ziemlich frechen Ausschnitt, einen Cocktail in der Hand. Neben ihr ein großer Mann mit Bart, im schneeweißen Hemd. Beide strahlten, als wären sie frisch verliebt und rundum glücklich.
Lukas hat auf den Bildschirm gestarrt und es nicht zusammengebracht, das alles zu begreifen. Was sollte das bitte heißen? War sie einfach mit irgendeinem Kerl abgehauen? Und was war mit dem Zuhause, mit der Ehe, mit dem Trauschein — mit allem, was doch zählen sollte?
Drei Tage lang ist er in der Wohnung gesessen und hat getrunken. Zuerst Bier, dann Wodka, und irgendwann zum Schluss irgendein dunkles Zeug aus einer Plastikflasche; er wusste selber nicht mehr, was er da gekauft hatte. Der Fernseher blieb aus. In der ganzen Wohnung war es still, nur die hungrige Katze hat jämmerlich gemiaut und sich von dem ernährt, was sie vom Tisch stehlen konnte, während ihr Herrl wieder einmal bewusstlos herumlag.
Anna war verschwunden, als hätte sie sich einfach in Luft aufgelöst.
Am siebten Tag ist Elisabeth zurückgekommen — braun gebrannt, frisch, voller Energie, mit Sonnenbrille im Haar und einem Magneten in Kamel-Form in der Handtasche.
„Mein Bub, ich bin wieder da!“, hat sie fröhlich in den Vorraum gerufen. „Du glaubst ja nicht, wie herrlich es dort war! Das Meer glasklar, das Essen wie in einem feinen Lokal. Gut, ich hab zu viele Weintrauben erwischt und bin dann einen ganzen Tag im Zimmer gehockt, aber was für ein Zimmer! Der Blick auf den Pool, ein Traum. Übrigens, wo ist denn unsere Anna?“
Lukas saß im Sessel: unrasiert, aufgedunsen, nur in Unterhose und einem ausgewaschenen Leiberl. Vor ihm standen eine leere Flasche und eine Schüssel mit kalten Nudeln.
„Anna ist … am Meer“, hat er heiser hervorgebracht. „Mit ihrem Liebhaber abgerauscht. Am zweiten Tag nach deiner Abreise, Mama, war sie weg. Sie hat mir geschrieben, ich hätte ihr kein Meer bieten können, also hätte sie es sich selber besorgt. Und dann das Foto … sie hängt dort mit irgendeinem Bärtigen herum, beide mit Cocktail und großem Glück im Gesicht.“
Elisabeth blieb stehen, als hätte man sie am Boden festgenagelt. Eine ganze Minute brachte sie keinen Ton heraus. Dann riss sie die Augen auf und brüllte los:
„Was soll denn das bitte heißen?! Was ist denn das für ein vollkommener Hundskrampf?!“
