„Und du hast deine Frau einfach abhauen lassen? Sag einmal, bist du ein Mann oder was? Wer ist überhaupt dieser bärtige Kerl? Und wo, bitte schön, bist du gewesen, während sie ihre Sachen zusammengepackt hat?“
„Ich hab getrunken.“
„Na freilich! Was frag ich überhaupt noch? Natürlich hast du getrunken. Und sie hat derweil die Beine in die Hand genommen und ist mit ihrem Gspusi in die Wärme abgedampft. Die kennt ja gar nix Heiliges. Und du hockst da wie ein nasses Hendl. Pfui, Lukas! Steh sofort auf, fahr ihr nach, such sie!“
„Wozu denn, Mama?“ Lukas verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Sie hat doch klar geschrieben: ‚Leb wohl.‘ Da gibt’s nix mehr zu deuten. Außerdem … sie hat jetzt alles: Geld, Reisepass und vermutlich sogar ihr Glück.“
„Ach, Lukas, Lukas … so ein Depp bist du. Und ich erst, eine alte Närrin.“ Elisabeth ließ sich schwer auf den Hocker sinken und starrte auf den Küchenboden. „Ich hab das alles verbockt. Euch beiden hätte ich die Reise zahlen sollen, dir und Anna. Nicht mir.“
Ein Monat ist vergangen. Anna ist nicht zurückgekommen.
Über die Fotos in den sozialen Netzwerken hat Elisabeth erfahren, dass Anna gar nicht in der Türkei war, sondern auf Zypern. Danach in Rom. Später in Paris. Auf jedem Bild hat sie gestrahlt, gelacht, posiert — einmal sogar vor dem Eiffelturm, in einem Kleid in der Farbe von geräuchertem Lachs. Der bärtige Mann hieß Sebastian: geschieden, Unternehmer, lebte irgendwo in Europa.
Unter eines der Bilder hat Anna geschrieben: „Wenn eine Frau aufhört, vom Ehemann ein Wunder zu erwarten, findet sie ihr Wunder eben selbst.“
Kurz darauf sind die Scheidungspapiere gekommen. Lukas hat sie nicht einmal richtig gelesen. Er hat einfach unterschrieben, wie ein Automat, und die Unterlagen wieder zur Post gebracht.
In der Küche ist Elisabeth gesessen, in diesen Wochen sichtbar gealtert, als wäre ihr das Haar über Nacht grau geworden. Leise hat sie vor sich hin gemurmelt:
„Ich hab doch nur gewollt, dass es meinem Sohn gut geht … Und jetzt sitzt er allein da. So dringend hab ich ans Meer wollen, und übrig geblieben sind Einsamkeit und Scham.“
Noch einmal sind zwei Wochen vergangen. Dann hat es eines Tages an der Wohnungstür geläutet.
Lukas machte nur widerwillig auf. Vor ihm stand Anna — schön, gepflegt, in einer schicken Bluse, die Haut leicht gebräunt von der Mittelmeersonne. Einen Moment lang war er sicher, dass ihm seine Augen einen Streich spielten.
„Servus, Lukilein“, sagte sie und trat in die Wohnung, als wäre sie nie verschwunden gewesen. „Ich muss nur ein paar Sachen holen. Alte Fotos, ein paar Dokumente. Ist das eh in Ordnung?“
Er nickte stumm. Eine Weile blieb er stehen, sagte nichts, dann brachte er die Frage doch heraus:
„Bist du … bist du glücklich mit diesem Sebastian?“
„Ja. Sogar sehr. Aber das Wichtigste ist: Er respektiert mich. Du hast mich nie respektiert.“
„Weil ich damals Mama die Reise bezahlt hab und nicht dir?“
„Nein, Lukas.“
