„Anna, dein Urlaub fällt aus“, verkündete Lukas beim Abendessen — Anna blieb stumm und lächelte merkwürdig gelassen

Ihre ruhige Nachgiebigkeit war seltsam gütig und erschütternd.
Geschichten

„Weil du dich immer für deine Mutter entschieden hast und nie für mich. Wirklich immer. Beim Auto, bei der Reise, sogar dann, wenn ich dich gebeten hab, nur einen Abend zu zweit mit mir zu verbringen – am Ende ist doch wieder deine Mama mit am Tisch gesessen.“

Lukas hat den Mund geöffnet, als wollte er sich verteidigen. Doch kein Wort ist herausgekommen. Zu deutlich hat er gespürt, dass sie recht hatte. Jedes einzelne Beispiel.

Anna hat ihn einen Moment lang angesehen, dann ist ein leises, fast trauriges Lächeln über ihr Gesicht gehuscht.

„Weißt du eigentlich, warum ich damals keinen Aufstand gemacht hab? Als du mir gesagt hast, dass meine Reise gestrichen ist?“

Lukas hat den Blick gesenkt. Irgendwo tief in ihm hat er die Antwort schon geahnt.

„Weil mir in dem Augenblick klar geworden ist: Wenn ein Mann zwischen seiner Frau und seiner Mutter nicht wählen kann, dann muss die Frau eben selbst gehen. Ohne Geschrei. Ohne Drama. Einfach mit Würde.“

Sie hat das alte Fotoalbum an sich gedrückt, noch einmal zu ihm hinübergeschaut und ganz ruhig gesagt:

„Also dann … leb wohl, Lukas.“

Dann ist sie gegangen.

Er ist im Vorzimmer stehen geblieben, als hätte jemand die Zeit rund um ihn angehalten.

In der Küche ist Elisabeth gesessen. Sie war nicht herausgekommen, weil sie gehofft hatte, die beiden würden vielleicht doch noch miteinander reden, sich versöhnen, irgendetwas retten.

„Bub … ich hab nicht gelauscht“, hat sie mit brüchiger Stimme gesagt. „Was ist? Wie ist es ausgegangen?“

Lukas hat müde die Schultern gehoben.

„Gar nicht. Wir haben uns nur verabschiedet.“

Elisabeth hat beide Hände vors Gesicht geschlagen.

„Mein Gott … wär ich damals bloß nie an dieses verfluchte Meer gefahren.“

Ein halbes Jahr ist vergangen. Lukas ist stiller geworden, verschlossener. Mit dem Trinken hat er aufgehört. Irgendwann hat er begriffen, dass kein Alkohol der Welt einen Menschen ersetzen kann, den man aus Dummheit verloren hat.

Er hat sich mit seiner Mutter in den neuen Alltag gefügt. In der Früh ist er in die Arbeit gegangen, am Abend ist er oft am Fenster gesessen und hat zugesehen, wie die Sonne hinter den Dächern verschwunden ist.

Anna hingegen hat in einem fernen Land ein anderes Leben begonnen. Mit Sebastian ist sie in die Berge gefahren und ans Meer, sie haben fremde Gerichte probiert, Tangostunden genommen und darüber gesprochen, sich einen Hund zuzulegen.

Eines Abends hat Sebastian sie gefragt:

„Sag, bereust du manchmal, dass alles so gekommen ist?“

Anna hat den Kopf geschüttelt.

„Nein. Ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal in meinem Leben hab ich gespürt, dass ich Liebe verdiene. Nicht Pflichten, nicht Kompromisse, nicht dieses ewige Zurückstecken. Sondern echte Liebe.“

Sie sind Hand in Hand die Promenade entlanggegangen. Das Meer hat gerauscht und die Küste sanft umspült. Die Luft war warm, und alles hat sich leicht angefühlt.

Fast so wie an jenem Tag, an dem diese unglückselige Reise ihr endlich den Anlass gegeben hatte, eine Einladung anzunehmen, die schon lange in ihrem Herzen gelegen war – die Einladung eines Mannes, der sie heimlich geliebt hatte und nur darauf gewartet hatte, dass sie irgendwann Ja zu einem neuen Leben sagte.

Und der Anlass war ganz von selbst gekommen.

Hedis Stube