„Und wenn du jetzt auch nur anfängst, sie zu verteidigen, reich ich die Scheidung ein!“ schrie Anna und deutete auf das verwüstete Wohnzimmer

So ein unverzeihlich respektloses Chaos zerreißt mich.
Geschichten

— Deine Schwester hat irgendwelche Kerle in unsere Wohnung geschleppt und hier ein Saufgelage veranstaltet, während wir nicht da waren! Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat! Ich hab ihr die Schlüssel abgenommen und sie hinausgeworfen! Soll sie sich für ihre Partys gefälligst ein anderes Platzerl suchen! Und wenn du jetzt auch nur anfängst, sie zu verteidigen, reich ich die Scheidung ein! — schrie Anna und deutete auf das verwüstete Wohnzimmer.

Lukas blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen. Den rechten Schuh hatte er noch gar nicht ausgezogen, da rutschte ihm schon die schwere Ledertasche aus den kraftlos gewordenen Fingern und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf den schmutzigen Fliesen im Vorzimmer auf. Sein Blick irrte durch den Raum, als müsste er erst begreifen, was hier überhaupt geschehen war. Die Wohnung, die Anna sonst mit beinahe pedantischer Genauigkeit sauber und ordentlich gehalten hat, sah nun aus wie eine billige Bahnhofskaschemme nach einer Woche Dauerrausch. In der Luft hing ein dicker, fast greifbarer Gestank nach sauer gewordenem Bier, Alkoholfahne, festgefressenem Zigarettenrauch und ungewaschenen Körpern. Über den hellen Laminatboden zogen sich klebrige Lachen unbekannter Herkunft, großzügig bestreut mit grauer Asche, zertrampelten Erdäpfelchips und Schalen von Sonnenblumenkernen.

Das teure helle Sofa, das sie erst vor ein paar Monaten gekauft hatten, war mit fettigen Flecken übersät. Überall lagen Zigarettenstummel, die die ungebetenen Gäste offenbar ganz gemütlich direkt auf den Armlehnen ausgedrückt hatten. Im Teppich klafften schwarze Brandlöcher, und neben dem Fernseher lag ein umgekippter Aschenbecher, dessen Inhalt sich wie eine gleichmäßige Schicht über die gesamte Elektronik verteilt hatte. Auf dem gläsernen Couchtisch türmte sich ein Berg aus leeren Flaschen, schmutzigen Plastikbechern mit Resten von Paradeisersaft und zerknüllten Servietten.

— Ich bin von der Dienstreise einen Tag früher heimgekommen, — Annas Stimme schnitt kalt und metallisch durch die Wohnung. — Ich hab extra nicht angerufen. Ich dachte mir, das Mädel lernt für ihre Prüfungen, da stör ich sie lieber nicht. Ich komm also herauf, steh vor unserer Tür, und die Wohnungstür ist einfach nur angelehnt. Jeder hätte hereinspazieren können. Ich stoß die Tür auf, geh hinein und seh diesen ganzen Tiergarten. Auf unserem Sofa schnarcht irgendein Kerl wie ein Bär, mit komplett verdreckten Turnschuhen. In der Küche sitzen noch zwei, trinken Wodka direkt aus der Flasche, rauchen beim offenen Fenster und grölen herum. Und deine kostbare Schwester, die gebettelt hat, hier wohnen zu dürfen, weil sie angeblich Ruhe für die Prüfungszeit braucht, hängt dem vierten Typen um den Hals und bringt kaum noch ein verständliches Wort heraus. Sie konnte nicht einmal mehr ordentlich stehen. Sie hat mich bloß mit glasigen Augen angestarrt und blöd gekichert.

Lukas verzog das Gesicht, als würde er aus einer Starre erwachen. Er zog den Mantel aus, warf ihn achtlos über seine Tasche und streifte endlich den Schuh ab. Dann machte er einen unsicheren Schritt ins Zimmer, und die Sohle seines Sockens klebte mit einem widerlichen Schmatzen am Boden fest.

— Anna, wart einmal, — sagte Lukas und runzelte die Stirn, während er angewidert auf ein aufgeweichtes Stück Essen blickte, das an seinem Socken hing. — Was für Kerle? Was für ein Saufgelage? Maria hat doch für die Prüfungen gelernt. Sie hat mich gestern Abend selbst angerufen und gesagt, sie sitzt bis über beide Ohren in Mitschriften. Vielleicht waren das Studienkollegen, die ihr beim Stoff geholfen haben?

— Studienkollegen? — Anna stieß ein kurzes, bellendes Lachen aus, in dem nicht die geringste Spur von Heiterkeit lag. — Deine „Studienkollegen“ haben ausgeschaut, als wären sie gerade frisch aus dem Häfen entlassen worden. Einer war sicher um die fünfunddreißig, ein richtig versoffenes G’sicht, auf den Fingerknöcheln irgendwelche Knast-Tätowierungen. Glaubst du ernsthaft, die haben hier Festigkeitslehre diskutiert? Ich sag dir noch was: Als ich in unser Schlafzimmer geschaut hab, lagen auf unserem Bett leere Bierflaschen, dreckige Socken und verstreuter Tabak. Die haben unser Zuhause innerhalb von zwei Tagen in einen Schweinestall verwandelt.

Anna trat einen Schritt auf ihren Mann zu. Jede ihrer Bewegungen wirkte hart, kontrolliert und entschieden; das Knirschen des Mülls unter den Sohlen ihrer Schuhe ignorierte sie völlig.

— Ich hab gar nicht erst angefangen, mit denen höflich zu plaudern oder herauszufinden, wer sie sind. Ich bin in die Küche, hab die schwere Metallpfanne genommen und ihnen gesagt, wenn dieses Gesindel nicht binnen einer Minute aus meiner Wohnung verschwunden ist, fang ich an, ihre hohlen Schädel einzuschlagen. Deine Schwester hat versucht, irgendetwas zu lallen, wollte auf wichtig machen und hat mit schwerer Zunge Respekt für ihre Gäste verlangt. Ich hab ihr die Schlüssel aus der Bauchtasche ihres Hoodies gerissen, sie am Kragen gepackt und sie hinter ihren Saufkumpanen hinaus ins Stiegenhaus befördert. In Socken und einem ausgeleierten T-Shirt. Ich hab sie nicht einmal mehr Schuhe anziehen lassen. Ich hab diese betrunkene Drecksgöre einfach über die Schwelle geschoben, während sie noch versucht hat, sich ihre Jacke überzustreifen.

Lukas wurde augenblicklich kreidebleich, doch gleich darauf schoss ihm die Röte ins Gesicht. Die ruinierten Möbel, der mit Alkohol übergossene Boden, die vom Rauch verseuchten Wände — all das schien ihn überhaupt nicht zu berühren. Seine ganze Reaktion, seine gesamte Wut, konzentrierte sich einzig und allein auf den letzten Satz seiner Frau. Demonstrativ stieg er über eine leere Flasche hinweg und rückte aggressiv auf Anna zu.

— Sie ist noch jung, sie hat einen Fehler gemacht! — brüllte Lukas, wobei ihm Speichel aus dem Mund spritzte, während er wild mit den Armen fuchtelte. — Ja, sie hat Mist gebaut. Ja, sie hat irgendwelche Leute mitgebracht und nicht nachgedacht. Aber das ist noch lange kein Grund, meine eigene Schwester auf die Stiege zu setzen! Du hattest kein Recht, sie mitten in der Nacht hinauszuwerfen! Du bist eine Egoistin, die nur an ihre sauberen Böden denkt und nicht an Menschen! Draußen ist Oktober, es ist saukalt! Wohin soll sie denn in der Nacht gehen, in einer Stadt, in der sie kaum jemanden hat?

— Es ist mir vollkommen wurscht, wohin sie geht, — schnitt Anna ihm das Wort ab, ohne auch nur einen Millimeter zurückzuweichen. — Zum Bahnhof, ins Studierendenheim, in irgendeinen Keller zu ihren heruntergekommenen Freunden. Das ist ausschließlich ihr Problem. Ich hab sie nur dir zuliebe hereingelassen, weil du mir wochenlang die Ohren vollgejammert hast mit der armen Studentin, die wegen lauter Mitbewohnerinnen nicht lernen kann. Sie hat hoch und heilig versprochen, von früh bis spät über den Büchern zu sitzen. Und was ist herausgekommen? Ein Saustall, vor dem mir graust, wenn ich nur hineinschau.

Lukas ballte die Fäuste und atmete schwer und laut. Sein rasender Blick sprang zwischen seiner Frau und dem zerstörten Wohnzimmer hin und her, als suchte er krampfhaft nach irgendeinem Argument, das seine Haltung retten könnte. Das Ausmaß des angerichteten Schadens blendete er dabei vollständig aus.

— Begreifst du überhaupt, was du da getan hast? — zischte er und kam Anna noch näher. — Du hast ein junges Mädel ohne Geld, ohne warme Kleidung, ohne Ausweise vor die Tür gesetzt! Und wenn ihr etwas passiert? Wenn diese Typen ihr im Stiegenhaus nachstellen? Hast du auch nur eine Sekunde dein Hirn eingeschaltet, bevor du sie hinausgeworfen hast? Sie ist meine Familie!

— Deine Familie steht vermutlich gerade unten im Stiegenhaus und wartet darauf, dass du ihr wieder die Nase putzt, — erwiderte Anna mit eisiger Stimme und verschränkte die Arme vor der Brust. — Sie ist kein Kind. Sie ist neunzehn. Sie weiß ganz genau, wie man Flaschen aufmacht, wie man fremde Männer in eine fremde Wohnung schleppt und wie man den eigenen Bruder am Telefon wegen angeblicher Mitschriften anlügt. Also erspar mir bitte deine Predigt über das schwere Schicksal deiner Schwester. Wenn du sie verteidigen willst, bitte sehr — der Weg ins Stiegenhaus steht dir genauso offen.

— Bist du mit deinen Ultimaten jetzt komplett durchgedreht? — knurrte Lukas, machte noch einen Schritt und trat mit einem ekelhaften Platschen mitten in eine klebrige Alkohollache. — Worum geht’s hier überhaupt bei diesem ganzen Theater? Um ein bisserl Mist und ein paar Flecken am Sofa? Morgen früh rufen wir eine Reinigungsfirma, die putzen dir deine ach so kostbare Wohnung wieder auf Hochglanz, und du kannst danach weiter mit deinem Wischmopp herumrennen und jedes Staubkörnchen anblasen. Aber einen Menschen auf kalten Beton hinauszuwerfen, das ist einfach niederträchtig, Anna! Sie ist mein eigenes Blut, sie ist Studentin, und du benimmst dich wie eine herzlose Maschine, die nur ans Putzen denkt!

— Ein bisserl Mist? — Anna lächelte giftig, ohne dass sich sonst auch nur ein Muskel in ihrem Gesicht regte. Sie begann nicht zurückzuschreien. Im Gegenteil, ihr Ton blieb tödlich ruhig und gleichmäßig, was Lukas offensichtlich noch mehr reizte. — Komm mit, Lukas. Nachdem dir wegen deiner wahnsinnigen Geschwisterliebe offenbar plötzlich das Augenlicht ausgefallen ist, geb ich dir jetzt eine private Führung durch diese Außenstelle der städtischen Mülldeponie. Geh mir nach. Ruhig mit deinen Schuhen, schlimmer kannst du es hier ohnehin nicht mehr machen.

Anna drehte sich abrupt um und ging in Richtung des kleinen Badezimmers mit WC. Lukas stapfte hinter ihr her, schnaubte verärgert und murmelte Flüche vor sich hin. Unterwegs zerdrückte er mit der Sohle einen leeren Plastikbecher. Kaum standen sie vor der offenen Badezimmertür, schlug ihnen ein konzentrierter, ekelerregender Geruch nach Magensäure, unverdautem Essen und billigem Fusel entgegen.

— Schau genau hin, — sagte Anna und deutete mit einem perfekt manikürten Finger angeekelt zum Waschbecken. — Dein neunzehnjähriges Mädchen, das sich offenbar beim Lesen dicker Lehrbücher überarbeitet hat, hat uns das ganze Waschbecken und den Spiegel vollgekotzt. Meine weißen Frotteehandtücher liegen jetzt auf den nassen Fliesen, und den braunen Schlieren nach zu urteilen hat irgendwer versucht, genau diese Sauerei damit wegzuwischen. Das Klo ist komplett verstopft, voll mit Zigarettenstummeln und irgendwelchen aufgeweichten Fetzen.

Hedis Stube