„Und wenn du jetzt auch nur anfängst, sie zu verteidigen, reich ich die Scheidung ein!“ schrie Anna und deutete auf das verwüstete Wohnzimmer

So ein unverzeihlich respektloses Chaos zerreißt mich.
Geschichten

von Klopapier. Und dort drüben, gleich neben dem Wäschekorb, liegt eine leere Kondompackung. Eine wirklich vorbildliche Prüfungsvorbereitung, nicht wahr? Wahrscheinlich haben die praktischen Anatomieübungen besonders anschaulich und mit vollem Körpereinsatz stattgefunden.

Lukas ist bei diesem widerlichen Gestank kreidebleich geworden und unwillkürlich einen Schritt zurück in den Gang gewichen, als könnte ihn schon der bloße Anblick der verschmierten Sanitäranlagen anstecken. Doch statt auch nur für eine Sekunde zuzugeben, dass sich seine Verwandte wie das letzte Trampel aufgeführt hatte, ist er sofort wieder in den Angriff übergegangen.

— Was sollen jetzt bitte die Kondome damit zu tun haben? Junge Leute feiern halt, sie hat ihre Grenzen nicht gekannt und beim Alkohol übertrieben! — fuhr er sie an und wandte den Blick demonstrativ vom Bad ab. — Als ob du in deiner Studienzeit eine Heilige gewesen wärst und dich nie auf irgendeiner Party angesoffen hättest! Sie steht unter einem Wahnsinnsdruck, erste Prüfungszeit an der Uni, die Vortragenden machen sie fertig, die Nerven liegen blank. Da ist sie halt einmal eingeknickt und wollte abschalten. Und diese Männer … vielleicht ist das Ganze ja nicht einmal von ihr ausgegangen! Vielleicht haben die sich selbst eingeladen, den Alkohol mitgebracht, und sie hat ihnen einfach nicht Nein sagen können. Sie ist eben weich, schüchtern, sie kann sich nicht durchsetzen!

— Schüchtern? — Anna verzog verächtlich den Mund und schaute ihren Mann an, als hätte er endgültig den Verstand verloren. — Deine schüchterne Schwester hat mich vor nicht einmal einer Viertelstunde mit Schimpfwörtern eingedeckt, bei denen einem Fiaker die Ohren abgefallen wären. Und diese Kerle hat sie ganz allein hier hereingelassen. In unsere Wohnung, Lukas. In ein Zuhause, das wir renoviert und eingerichtet haben — mit meinem verdienten Geld. Aber die Führung ist noch nicht vorbei. Komm, wir sind noch lange nicht fertig.

Sie ging den Gang entlang in Richtung Schlafzimmer. Lukas folgte ihr widerwillig, schlurfend, und spürte bei jedem Schritt, wie seine Sohlen am ruinierten Laminat kleben blieben. Im Schlafzimmer hat sich ihnen kein besseres Bild geboten.

— Das ist unser Bett, — sagte Anna langsam und hart, jedes einzelne Wort wie mit dem Messer herausgeschnitten, während sie auf die zerwühlte Bettwäsche deutete. Auf dem hellen Leintuch prangten riesige dunkle Bierflecken, dazwischen lagen Tabakbrösel verstreut, und schmierige Spuren von dreckigen Händen zogen sich über den Stoff. — Darauf haben fremde, ungewaschene Männer gelegen. Ich will mir nicht einmal ausmalen, was genau sie hier mit deiner minderjährigen Verwandten getrieben haben, während wir in der Arbeit oder auf Dienstreise waren. Im Kasten stinkt es, als hätte dort jemand drei Tage durchgehend geraucht, ohne ein einziges Mal das Fenster aufzumachen. Du kannst dich von mir aus sofort auf diese Matratze legen und den Duft von fremdem Schweiß genießen. Ich rühre diesen Dreck jedenfalls nicht einmal mit der Fingerspitze an.

Lukas’ Gesicht verzerrte sich vor Wut. Die zerstörten Sachen, die versauten Möbel, der Gestank — all das interessierte ihn nicht im Geringsten. Er sah nur eines: Seine Frau hatte es gewagt, etwas Heiliges anzutasten, nämlich seine Familie. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass sich die Muskeln an seinen Wangen deutlich abzeichneten.

— Du hast sie immer gehasst! — brüllte Lukas und stach mit einem zitternden Finger in Annas Richtung. — Vom ersten Tag an hast du nur auf einen Grund gewartet, um sie fertigzumachen! Menschen sind dir doch völlig wurscht, Hauptsache, deine verdammten Zierpolster liegen schön gerade! Maria steht draußen im Stiegenhaus und friert in Socken, und du hältst mir hier Vorträge über Flecken auf einer Matratze und Erbrochenes im Waschbecken. Ich hole sie jetzt sofort wieder herein, und du, Anna, wirst dich bei ihr entschuldigen. Dafür, dass du sie angegriffen und wie einen streunenden Hund vor die Tür gesetzt hast!

— Wenn du jetzt die Wohnungstür aufmachst und sie wieder hereinlässt, — Annas Stimme ist plötzlich völlig kalt geworden, glatt und undurchdringlich, — dann wirst du jeden einzelnen Quadratzentimeter von diesem Saustall mit deinen eigenen Händen putzen. Ohne Reinigungsfirma. Ohne meine Hilfe. Ich nehme mir dann einfach ein Zimmer in einem ordentlichen Hotel. Und ihr zwei könnt hier gemeinsam hausen, zwischen Dreck, Flaschen und Zigarettenstummeln.

— Ich habe gesagt, sie schläft hier! Das ist auch meine Wohnung! — knurrte Lukas, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte schnellen Schrittes in den Vorraum zur Eingangstür. Im Schloss knackte trocken das Metall, dann schwang die Tür mit einem leisen Quietschen auf und ließ kühle Luft aus dem Stiegenhaus in den verrauchten Vorraum strömen.

Lukas riss die Wohnungstür weit auf. Auf dem Betonpodest stand Maria, an die Wand gelehnt, die Arme fest um die eigenen Schultern geschlungen. Ihre eben noch so mutigen Saufkumpane hatten sich offenbar bei den ersten Anzeichen echter Gefahr vernünftigerweise die Stiege hinunter verdrückt und ihre Kampfgefährtin ihrem Schicksal überlassen. Die Studentin bot einen zugleich erbärmlichen und abstoßenden Anblick: Die billige Wimperntusche war in schmutzigen schwarzen Schlieren über ihre Wangen verlaufen, das ausgeleierte Männerleiberl, das offensichtlich nicht ihr gehörte, bedeckte kaum ihre Oberschenkel, und an ihren Füßen klebten dünne Nylonsocken, die vom Staub des Stiegenhauses grau-schwarz geworden waren; einer davon war beim großen Zeh aufgerissen. Als Maria ihren Bruder erblickte, verwandelte sie sich augenblicklich. Die elende, gekrümmte Haltung verschwand wie weggewischt, sie richtete den Rücken durch, und in ihren vom Alkohol trüben Augen blitzte plötzlich ein freches, siegessicheres Funkeln auf. Sie hatte verstanden: Der Schutz war da. Jetzt konnte sie ohne Risiko zum Gegenangriff übergehen.

— Komm rein, Maria, hab keine Angst, — sagte Lukas fürsorglich, legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie zurück in den verqualmten Vorraum. Dabei warf er seiner Frau demonstrativ hasserfüllte, vernichtende Blicke zu. — Niemand fasst dich noch einmal an, und niemand wirft dich auf die Straße. Geh ins Wohnzimmer, setz dich aufs Sofa, ich bring dir gleich etwas Warmes zum Anziehen. Und diese Hysterikerin soll sich meinetwegen schleichen, wenn ihr ein Stück Schaumstoff in einem Möbel und ein sauberer Boden wichtiger sind als ein lebender Mensch.

— Lukilein, sie ist doch komplett wahnsinnig, sie hätte mich fast die Stiege hinuntergestoßen! — jammerte Maria mit tränenerstickter Stimme, zog theatralisch die Nase hoch und verschmierte dabei die Reste ihrer billigen Schminke noch weiter über ihr Gesicht, wo sie sich bereits in schwarzen Streifen in die Haut gefressen hatte. — Ich hab mit den Burschen nur Mitschriften für Wirtschaft besprochen, wir haben jeder eine Dose Bier getrunken, wirklich nur zum Entspannen, damit der Kopf von den ganzen Zahlen eine Pause bekommt. Und dann stürmt sie plötzlich in die Wohnung wie eine Furie, schreit herum wie am Spieß, flucht, fuchtelt mit einer Pfanne herum! Meine Freunde waren völlig schockiert, das sind anständige Leute aus guten, gebildeten Familien! Und sie hat mich an den Haaren gepackt und in die Kälte hinausgeworfen, nicht einmal meine Jacke hat sie mich nehmen lassen! Ich wäre da draußen fast erfroren!

Anna sagte kein einziges Wort. Sie stand im Gang, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und beobachtete stumm diese widerliche, billige Theateraufführung. In ihr war in diesem Moment keine Wut mehr, keine Kränkung und auch kein Drang, laut zu werden. Dort, wo noch vor einer Stunde Liebe zu ihrem Mann und die Hoffnung auf eine gemeinsame, glückliche Zukunft geglimmt hatten, breitete sich nun eine eisige Leere aus, die jede Regung in ihr ausbrannte. All die Jahre hatte sie versucht, über seine offenkundige Unreife hinwegzusehen, über dieses krankhafte Bedürfnis, für all seine zahlreichen, dreisten Verwandten der „gute“ und „richtige“ Kerl zu sein. Sie hatte ihre unangekündigten Besuche ertragen, ihnen Geld geborgt, das niemals zurückkam, und schweigend hinter ihnen hergeräumt. Heute aber waren ihre letzten Illusionen endgültig zerbrochen — zersplittert auf dem klebrigen Boden, zwischen nach Rauch stinkenden Wänden und diesem unverhohlenen, zynischen Verrat.

Wortlos drehte sie sich um und ging mit festen, sicheren Schritten ins Schlafzimmer. Der saure Gestank von Alkoholatem und schmutziger Wäsche schlug ihr wieder entgegen, aber sie nahm ihn kaum noch wahr. Vom obersten Fach des Einbaukastens holte sie eine kleine Reisetasche aus festem Stoff herunter, wischte die daran klebende Asche ab, warf sie auf den Rand der verdorbenen Matratze und begann, ohne eine einzige überflüssige Gefühlsregung, ihre Sachen einzupacken. Dokumente. Die Mappe mit Arbeitsverträgen. Laptop. Ladekabel. Ein kleines Kästchen mit Schmuckstücken, die sie sich selbst gekauft hatte. Die nötigste Kosmetik aus dem Bad. Zwei Garnituren sauberer Bürokleidung.

Als Lukas das scharfe Ratschen des Metallreißverschlusses hörte, tauchte er im Türrahmen des Schlafzimmers auf. Seine Aggression, die plötzlich keinen gewohnten Widerstand mehr von ihr bekam, begann sichtbar in Unsicherheit umzuschlagen. Doch sein aufgeblasenes Ego, sein falscher Stolz und die Tatsache, dass seine Schwester im Nebenzimmer als Publikum anwesend war, verhinderten, dass er zurückruderte oder auch nur versuchte, normal mit Anna zu reden.

— Was soll denn dieser billige Zirkus jetzt werden? — fragte er mit offener Häme, lehnte sich lässig mit der Schulter gegen den Türstock und verschränkte die Arme vor der Brust. — Spielst du jetzt die beleidigte Unschuld und läufst zu deiner Mama unter den Flügel? Na los, pack deine Siebensachen, hau ab. Aber merk dir eines: Wenn du jetzt über diese Schwelle gehst und uns sitzen lässt, brauchst du hier nicht mehr anzutanzen. Ich dulde in meinem Zuhause keine Frau, die die Hand gegen meine kleine Schwester erhebt und sie auf die Straße wirft.

— In deinem Zuhause? — Anna hielt für einen Augenblick inne, legte gerade eine Seidenbluse sorgfältig über die Dokumente in der Tasche und hob dann langsam den Kopf. Sie sah Lukas mit einem vollkommen kalten, gleichgültigen Blick an.

Hedis Stube