— Lukas, bei dir hat der Stress offenbar ein ordentliches Loch ins Gedächtnis gerissen. Diese Wohnung habe ich gekauft, bevor wir überhaupt verheiratet waren. Drei Jahre lang habe ich den Kredit dafür abgestottert, ohne freie Wochenenden, ohne Pause. Die Möbel, die Geräte, jeder einzelne Nagel in diesen Wänden ist von meinem Geld bezahlt worden. Du bist vor fünf Jahren mit einem alten Koffer hier eingezogen, in dem zwei ausgeleierte Pullover, ein Deo und eine Spielkonsole gelegen sind. Und glaub mir: Mit genau diesem Gepäck wirst du hier auch wieder hinausgehen.
— Droh mir nicht mit deinen depperten Papieren! — Lukas’ Stimme kippte plötzlich, ein hässlicher, verräterischer Ton brach aus ihm heraus. Mit einem Ruck richtete er sich auf; die gespielte Gelassenheit war in einem Augenblick von ihm abgefallen. Sein Gesicht bekam wieder rote Flecken. — Wir sind seit fünf Jahren verheiratet, das ist gemeinsames Eigentum! Ich habe auch etwas beigetragen! Bei der Renovierung habe ich mitgeholfen! Die Hälfte von dem ganzen Zeug hier gehört mir nach dem Gesetz!
— Beigetragen? Mit deiner Anwesenheit? Oder mit der Tapete, die du im Vorzimmer schief an die Wand gepickt hast? — Anna lachte leise auf, bitter und trocken, während sie den strengen Reißverschluss ihrer Reisetasche zuzog und den Riemen über die Schulter nahm. — Morgen in der Früh meldet sich mein Anwalt bei dir. Ich gebe dir genau vierundzwanzig Stunden, bis morgen Abend, damit du samt deiner „gebildeten“ Schwester aus meiner Wohnung verschwindest und deinen ganzen Kram mitnimmst. Und ich rate dir sehr dringend, auf eigene Kosten eine professionelle Reinigung zu organisieren und hier alles wieder in den ursprünglichen Zustand bringen zu lassen. Wenn ich auch nur einen Kratzer an einem Gerät finde, ein Brandloch im Parkett oder wenn diese Wohnung noch immer nach eurem Saustall stinkt, reiche ich eine Zivilklage auf Schadenersatz ein. Und du kannst mir glauben: Ich hole mir jeden einzelnen Cent von dir zurück.
— Geh doch zum Teufel, du Hexe! — brüllte Lukas, wich in den Gang zurück und machte ihr den Weg frei. — Glaubst du wirklich, ich halte dich auf? Wer braucht dich denn mit deinem sterilen Ordnungswahn, deinen ewigen Vorschriften und deinem eisigen Gesicht? Maria und ich kommen ganz wunderbar ohne dich zurecht. Wir finden schon eine normale Bleibe, wo uns keiner pausenlos auf die Nerven geht!
— Dann lebt halt so, — sagte Anna vollkommen ruhig.
Sie trat ins Vorzimmer hinaus und legte sich den leichten Kaschmirmantel um die Schultern. Maria hatte es inzwischen geschafft, mit schmutzigen Füßen auf das helle Sofa im Wohnzimmer zu kriechen, das ohnehin schon ruiniert und mit Bier durchtränkt war. Mit einem frechen, siegessicheren Grinsen schaute sie Anna nach, als wäre sie nun die rechtmäßige Herrin über dieses Chaos. Anna schenkte diesem Mädchen nicht einmal einen flüchtigen Blick. Sie ging zum kleinen Tischerl neben der Wohnungstür, holte aus ihrer Handtasche den Ersatzbund ihrer Schlüssel und ließ ihn mit einem lauten metallischen Klirren auf die Glasplatte fallen.
— Genießt eure familiäre Idylle in diesem Schweinestall, — sagte sie über die Schulter hinweg, sperrte entschlossen auf und trat hinaus ins Stiegenhaus.
Die schwere Metalltür fiel hinter ihr mit einem dumpfen, endgültigen Schlag ins Schloss. Dieser Klang trennte sie für immer von dem stinkenden Durcheinander und von dem Menschen, der sie verraten hatte. Im Stiegenhaus war es kühl; es roch nach feuchtem Verputz und Staub. Doch Anna kam dieser Geruch in diesem Moment wie der herrlichste Duft der Welt vor. Sie atmete tief und frei ein, rückte die Tasche auf ihrer Schulter zurecht und drückte den Knopf für den Lift. Fast körperlich spürte sie, wie eine gewaltige, erstickende Betonlast von ihr abfiel.
In der verwüsteten Wohnung blieb eine schwere, zähe Stille zurück. Nur das widerliche, gleichförmige Ticken der Wanduhr in der Küche und das gedämpfte Rauschen der Autos draußen vor dem Fenster durchbrachen sie. Lukas stand mitten im Gang, wie vom Blitz getroffen, und starrte stumpf auf die Schlüssel, die seine Frau zurückgelassen hatte. Im schwachen Licht der Glühbirne glänzten sie matt. Das Adrenalin, das ihm in der letzten halben Stunde durch die Adern geschossen war und ihn zu immer unsinnigeren Handlungen getrieben hatte, begann rasch zu verfliegen. An seine Stelle trat eine saugende, eiskalte Leere, begleitet von einer klebrigen, wachsenden Angst vor dem, was nun kommen würde.
Langsam ließ er den Blick durch das zerstörte Vorzimmer wandern: über die verschmierten Spiegel, die überall herumliegenden Zigarettenstummel, den zertrampelten Boden. Mit neuer Wucht schlug ihm der ekelerregende Gestank von fremdem Erbrochenem und sauer gewordenem Alkohol in die Nase. Ihm stieg ein Würgereiz in den Hals.
— Lukas, machst du mir vielleicht was zu essen? — drang plötzlich Marias quengelnde, verwaschene Stimme aus dem Wohnzimmer und zerriss die Stille. — Wir haben mit den Burschen nur Chips und so Knabberzeug gegessen, mir zieht’s vom Bier schon den Magen zusammen. Und Zigaretten haben wir auch keine mehr … Geh doch schnell zur Trafik ums Eck und kauf irgendwas Gescheites, ja?
Lukas schloss langsam die Augen, atmete laut durch die Nase aus und ballte die Fäuste so fest, dass sich die kurzen Nägel schmerzhaft in seine Handflächen bohrten. Erst jetzt, mitten in dieser abstoßenden, zerstörten kleinen Welt, begann ihm mit erschreckender Klarheit aufzugehen, was tatsächlich passiert war. Um den betrunkenen, egoistischen Launen seiner nichtsnutzigen Schwester nachzugeben, hatte er soeben mit eigenen Händen sein normales Leben unwiderruflich und endgültig zertrümmert.
Das Taxi bremste sanft vor der hell erleuchteten Glasfront eines Vier-Sterne-Hotels. Anna bezahlte den Fahrer, nahm ihre Reisetasche und ging mit festem Schritt in die weitläufige Lobby. Leise Jazzmusik lag in der Luft, dazu ein feiner, teurer Raumduft mit Noten von Sandelholz und Zitrus. Dieser Geruch war das genaue Gegenteil des widerlichen Gestanks, der sich unauslöschlich in die Wände ihres ehemaligen Familienlebens gefressen hatte.
Das Einchecken an der Rezeption dauerte nur wenige Minuten. Mit der schweren Schlüsselkarte in der Hand fuhr Anna in den siebten Stock und betrat ihr Zimmer.
Dort herrschte eine makellose, beinahe klingende Sauberkeit. Schneeweiße, gestärkte Bettwäsche lag ohne eine einzige Falte auf dem breiten Bett. Im Bad glänzten die verchromten Armaturen, die dicken Vorhänge schirmten die Unruhe der nächtlichen Stadt ab. Anna stellte die Tasche auf die Bank am Fußende, zog den Kaschmirmantel aus und setzte sich, ohne sich weiter umzuziehen, auf die Bettkante.
Sie wartete darauf, dass nun der Zusammenbruch kommen würde. Dass ihr ein bitterer Klumpen aus Kränkung in den Hals steigen, dass sie von Selbstmitleid und von Tränen um die fünf verlorenen Ehejahre überrollt werden würde. Doch in ihr blieb es still. Dort, wo früher die Sorge um Lukas, um ihre Beziehung und um die Rettung dieses eingebildeten häuslichen Friedens gepulst hatte, breitete sich nun eine endlose, ruhige Fläche aus, kalt und glatt wie ein zugefrorener See.
Plötzlich erkannte sie mit messerscharfer Deutlichkeit, dass sie in den letzten Jahren nicht gelebt, sondern funktioniert hatte: als geräuschloser Puffer zwischen dem kindischen Lukas, seiner rücksichtslosen Verwandtschaft und der wirklichen Welt. Und diese Funktion, die alles abgefedert hatte, was auf sie eingestürzt war, war nun abgeschaltet. Für immer.
Anna zog sich aus, stellte sich unter die heißen, kräftigen Strahlen der Dusche und schrubbte ihre Haut lange und beinahe wütend mit einem rauen Waschlappen, als wollte sie nicht nur den Geruch der verrauchten Wohnung loswerden, sondern auch jede Erinnerung an Lukas von sich abreiben. Als sie schließlich im flauschigen weißen Bademantel aus dem Bad kam, bestellte sie sich ein leichtes Abendessen und ein Glas guten trockenen Wein aufs Zimmer.
Sie setzte sich in den tiefen Sessel am Panoramafenster und nahm einen kleinen Schluck. Der Wein brannte angenehm in ihrer Kehle. Morgen in der Früh würde sie Tobias, ihren Anwalt, anrufen. Die Scheidung würde rasch erledigt sein. Zu teilen gab es nichts: Der Ehevertrag, auf dem sie noch vor der Hochzeit bestanden hatte, schützte ihre Wohnung und ihre Konten zuverlässig. Anna lächelte ihrem Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe zu.
Sie war frei.
Zur selben Zeit spielte sich in der verwüsteten Wohnung am anderen Ende der Stadt ein wahres Höllenspektakel ab.
— Lukas, wie lang brauchst du denn noch? Mir kommt gleich wieder alles hoch! — jammerte Maria, zugleich kläglich und fordernd, während sie sich auf dem mit Bierflecken übersäten Sofa herumwälzte. — Bring mir Mineralwasser, ich hab einen Geschmack im Mund, als hätten Katzen reingemacht! Und mach das Fenster auf, man kann ja gar nicht atmen!
Lukas stand mitten im Bad. In den Händen hielt er eine Rolle Küchenpapier und eine Flasche beißendes Putzmittel. Über seine Finger waren gelbe Gummihandschuhe gezogen, die von Anna übrig geblieben waren. Er starrte auf das eingetrocknete Erbrochene, das Waschbecken und Spiegel bedeckte, und spürte, wie sich sein eigener Magen in einem Übelkeitskrampf zusammenzog. Jede Bewegung kostete ihn ungeheure Kraft.
Während er versuchte, den festgefressenen Schmutz wegzureiben, erinnerte er sich unwillkürlich daran, wie Anna jedes Wochenende durch diese Wohnung gegangen war, schnell, still, selbstverständlich, und alles in jener perfekten Ordnung gehalten hatte, die er immer für gegeben genommen hatte.
— Halt den Mund, Maria! Halt einfach endlich den Mund! — schrie Lukas plötzlich, für sich selbst völlig unerwartet, und schleuderte das dreckige Küchenpapier direkt auf den nassen Boden. Wie ein Geschoss stürmte er aus dem Bad in den Gang, keuchte schwer und riss sich die verhassten Handschuhe von den Händen. — Begreifst du überhaupt, was du angerichtet hast?!
