„Und wenn du jetzt auch nur anfängst, sie zu verteidigen, reich ich die Scheidung ein!“ schrie Anna und deutete auf das verwüstete Wohnzimmer

So ein unverzeihlich respektloses Chaos zerreißt mich.
Geschichten

Du hast eine fremde Wohnung verwüstet! Wegen deiner besoffenen Party ist meine Frau gegangen! Und du liegst da und verlangst Mineralwasser?! Steh auf und räum gefälligst den Dreck weg, den du angerichtet hast!

— Was schreist du mich eigentlich so an?! — Marias weinerlicher Ton war mit einem Schlag verschwunden. Ruckartig setzte sie sich auf dem Sofa auf. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Wut, und plötzlich trat genau jene grobe, freche Art zutage, die Anna von der ersten Minute an gespürt hatte. — Ich bin immerhin deine Schwester! Du hast doch selbst gesagt, dass diese Zicke dich gar nicht verdient, dass sie nur an ihren Fetzen und ihrer perfekten Ordnung hängt! Und jetzt willst du mir alles in die Schuhe schieben? Geh doch zum Teufel, Brüderchen! Morgen ruf ich Mama an und erzähl ihr ganz genau, wie du mit mir umspringst!

Lukas blieb wie angewurzelt stehen. Diese offene, schamlose Dreistigkeit traf ihn so hart, dass ihm für einen Moment die Luft wegblieb. In diesem Augenblick riss der Schleier, der ihm so lange die Sicht vernebelt hatte. Vor ihm saß nicht mehr die „arme Studentin unter Stress“, die er vor allen Unannehmlichkeiten beschützen musste, sondern eine verzogene, selbstsüchtige junge Frau, der Anna vollkommen egal gewesen war — und er im Grunde ebenso. Maria hatte ihn benutzt: als bequemen Schutzschild, als kostenlosen Dienstleister, als jemanden, der ihre Probleme abfing, bevor sie überhaupt bei ihr ankamen. Und für diese Frau hatte er seine Ehe zertrampelt.

Mit zitternder Hand griff er in die Hosentasche, zog sein Handy heraus, suchte in den Kontakten Annas Nummer und drückte auf Anrufen. Das eintönige, lange Freizeichen hallte in der ruinierten Wohnung wider, als würde es von den nackten Wänden zurückgeworfen. Jeder Ton zog sich endlos in die Länge und schnitt ihm schärfer ins Ohr als jeder Schrei.

Im makellos stillen Hotelzimmer vibrierte das Handy auf dem Nachtkastl nur kurz. Ein kaltes, bläuliches Licht breitete sich über die Dämmerung aus. Anna löste den Blick von den flimmernden Lichtern der nächtlichen Stadt hinter der Fensterscheibe und schaute auf das Display. Dort stand ein Wort, das ihr bis vor kurzem noch körperlich wehgetan hätte: „Ehemann“.

Noch gestern hätte ihr Herz bei diesem Namen sofort einen Sprung gemacht. Was hatte er diesmal vergessen einzukaufen? Mit wem hatte er sich wieder angelegt? Welcher der unzähligen Verwandten musste nun dringend gerettet, getröstet, gefüttert oder irgendwo abgeholt werden? Doch jetzt regte sich in ihr nichts. Kein Triumph. Keine Traurigkeit. Nicht einmal das Bedürfnis, ihm all das ins Gesicht zu sagen, was sich über Jahre in ihr angesammelt hatte.

Da war nur eine glatte, kühle, beinahe heilende Leere.

Langsam streckte Anna die Hand aus. Mit zwei sicheren Bewegungen am Bildschirm setzte sie seine Nummer auf die Sperrliste. Danach aktivierte sie den Flugmodus. Keine nächtlichen Ausbrüche mehr. Keine verspäteten Entschuldigungen. Keine hohlen Versprechen, die schon beim Aussprechen nach Lüge klangen. Dieses Schauspiel war endgültig vorbei.

— Der Teilnehmer ist derzeit nicht erreichbar, bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton … — Die mechanische, völlig gleichgültige Stimme aus dem Lautsprecher klang für Lukas wie der dumpfe Schlag eines Richterhammers.

Er ließ den Arm sinken. Das Handy glitt aus seinen feuchten, kraftlosen Fingern und fiel mit einem matten Klacken auf den mit Bier verschmierten Parkettboden. Maria saß noch immer auf dem verdorbenen Sofa, die Arme vor der Brust verschränkt, in ihrem viel zu großen T-Shirt. Doch in ihrem trüben Blick zeigte sich bereits ein erstes, kaltes Begreifen: Das gewohnte, verlässliche Familienspiel, bei dem sie am Ende immer geschützt und entschuldigt wurde, war diesmal an einem Punkt angelangt, an dem nichts mehr funktionierte.

— Ruf deine Mama an, Maria, — sagte Lukas leise. Seine Stimme klang tot, fremd, als käme sie nicht aus ihm selbst. Er sah nicht sie an, sondern durch sie hindurch. — Nimm sofort dein Handy und beschwer dich, wie schrecklich man dich hier behandelt. Vergiss nur eine Kleinigkeit nicht zu erwähnen: Morgen vor Einbruch der Nacht stehen wir beide mit unseren Koffern auf der Straße.

— Was heißt, auf der Straße? — Maria blinzelte unsicher. Die freche Maske, hinter der sie sich eben noch verschanzt hatte, bekam einen tiefen Riss. — Du hast doch immer herumgeschrien, dass das eure gemeinsame Wohnung ist! Dass du hier renoviert hast! Dass euch alles zur Hälfte gehört!

— Ich hab das hinausposaunt, woran ich selbst glauben wollte, damit ich vor deinen „gebildeten“ Saufkumpanen nicht wie der letzte Versager dastehe, — erwiderte Lukas mit einem bitteren, brüchigen Lachen. Dieses Lachen entstellte sein Gesicht, machte ihn auf einmal um zehn Jahre älter. — Die Wohnung gehört ihr. Ganz. Bis zum letzten Nagel und bis zur letzten Sockelleiste. Wir haben einen knallharten Ehevertrag, den ich vor der Hochzeit selbst unterschrieben habe — stolz wie ein Trottel, weil ich mich als edler, uneigennütziger Ritter aufspielen wollte. Und wenn wir hier bis morgen Abend nicht alles wieder so sauber haben, dass es glänzt wie am ersten Tag, wird sie uns mit Schadenersatzforderungen eindecken. Glaub mir, Anna hat genug Geld für die besten Anwälte der Stadt.

— Die blufft doch nur! Die will sich wichtigmachen! — kreischte Maria. Aber in ihrer kippenden Stimme klang bereits echte Panik mit, blank und unüberhörbar.

— Nein, Maria. Geblufft hab ich. Mein ganzes armseliges Leben lang. — Lukas bückte sich schwerfällig, hob die gelben Handschuhe auf, die er zuvor hingeworfen hatte, und schleuderte sie seiner Schwester entgegen. Nass klatschten sie ihr direkt auf den Schoß. — Sie dagegen macht immer genau das, was sie sagt. Also heb deinen Hintern hoch, nimm Kübel und Bürste und fang an, deine Kotze von den Fliesen zu kratzen. Ich werde inzwischen Wohnungsanzeigen durchforsten und irgendeine möglichst billige Mietbude am Stadtrand suchen, für die paar Euro, die noch auf meiner Gehaltskarte übrig sind. Und bete zu allem, woran du glaubst, dass es wenigstens für die Kaution reicht.

Der nächste Morgen war von einer beinahe schmerzhaften Klarheit. Draußen lag frostige Helligkeit über der Stadt. Anna wachte Punkt sieben auf, ohne Wecker, ohne dieses übliche schwere Dröhnen im Kopf, das sie sonst nach Nächten in stickiger, von Zigarettenrauch und fremden Stimmen durchtränkter Luft gequält hatte. Auch dieses zähe Gefühl klebriger Erschöpfung, das sie so oft schon beim Aufschlagen der Augen niederdrückte, blieb aus.

Sie duschte lange und mit sichtlichem Genuss. Danach bestellte sie sich ein warmes Frühstück direkt aufs Zimmer. In einem schneeweißen Bademantel saß sie im Fauteuil beim Fenster, trank eine Tasse kräftigen, duftenden Kaffee und beobachtete, wie die ersten Sonnenstrahlen über die Glasfassaden der Hochhäuser glitten. Die Welt draußen wirkte kühl, klar und auf eine unerwartete Weise freundlich.

Exakt um neun Uhr klappte Anna ihren Laptop auf und wählte die Nummer ihres Anwalts.

— Tobias, guten Morgen, — sagte sie. Ihre Stimme klang frisch, gesammelt und geschäftlich präzise. — Ja, ich rufe wegen einer privaten Angelegenheit an. Ich möchte unverzüglich das Scheidungsverfahren einleiten. Genau, so rasch wie möglich. Vermögensstreitigkeiten wird es keine geben, unser Ehevertrag ist vollständig gültig. Außerdem brauche ich heute noch eine verlässliche Firma: In meiner Wohnung müssen nach neunzehn Uhr sämtliche Schlösser ausgetauscht werden. Die Adresse schicke ich Ihnen gleich zusätzlich per Nachricht.

Zur selben Zeit herrschte in der Wohnung am anderen Ende der Stadt eine niederschmetternde, nach Schweiß und Putzmitteln riechende Verzweiflung. Lukas kroch auf den Knien über den Boden. Seine Augen waren rot und entzündet vom Schlafmangel, die Knöchel an seinen Händen aufgeschürft und blutig. Mit einem beißenden Fleckenentferner versuchte er verzweifelt, eine tief eingezogene Spur von Rotwein aus dem hellen Holz zu bekommen.

Im Nebenzimmer rieb Maria hysterisch an den Sockelleisten herum. Wütende Tränen liefen ihr über das bleiche Gesicht und mischten sich mit Seifenschaum. Immer wieder schniefte sie, fluchte, schrubbte weiter, ließ die Bürste fallen, hob sie wieder auf. Die Luft war dick vom stechenden Geruch nach Chlor, billigem Fichtenduft aus einem Raumspray und einer Hoffnungslosigkeit, die sich schwer auf jede Oberfläche gelegt zu haben schien.

Im Vorraum, dicht neben der Eingangstür, standen zwei riesige karierte Reisetaschen und ein alter, abgewetzter Koffer. Sie wirkten verloren und armselig, als hätten sie sich aneinandergepresst, um nicht ganz so erbärmlich auszusehen. Das war der gesamte Besitz, den Lukas nach fünf Jahren Ehe tatsächlich mitnehmen konnte — und vielleicht auch alles, was er verdient hatte.

Mühsam richtete er sich auf. Seine Beine zitterten vor Anstrengung, die Knie brannten. Er stützte sich kurz an der Wand ab und schaute in den Gang. Dort, wo noch gestern ihr einziges Hochzeitsfoto in einem silbernen Rahmen gehangen war, blieb nur ein nackter Metallnagel zurück. Anna hatte das Bild schon am Abend mitgenommen. Auf der Tapete war lediglich ein kaum sichtbares, helleres Rechteck geblieben, sauberer als der Rest der Wand.

Gerade dieser leere Fleck traf ihn härter als die zerstörten Möbel, härter als das Bier auf dem Boden, härter als Marias Gejammer aus dem Nebenzimmer. Als er auf dieses helle Quadrat starrte, begriff Lukas endlich, mit einer körperlichen Wucht, die ihm die Brust zuschnürte, was er verloren hatte.

Es war nicht bloß eine bequeme Wohnung gewesen. Nicht nur ein warmes Abendessen, ein geordneter Haushalt, frische Wäsche und ein Leben, das wie von selbst funktioniert hatte. Er hatte mit eigenen Händen eine Frau verletzt, gedemütigt und schließlich verloren, die ihn trotz allem geliebt hatte. Eine Frau, die jeden Tag etwas aus ihm gemacht hatte, das einem anständigen Menschen zumindest ähnlich sah. Ohne sie blieb nur das übrig, was er jetzt im Spiegel des verwüsteten Vorzimmers sah: ein armseliger Mann, der fremden Launen nachgegeben hatte, bis er sein eigenes Leben in den Dreck gestoßen hatte.

Am Abend stieg Anna vor dem glänzenden Businesscenter, in dem ihr Büro lag, aus dem Taxi. Sie trug einen tadellos geschnittenen Anzug in einem warmen Kaffeeton. Ein dezentes Make-up verbarg die Spuren des gestrigen Tages, und in ihren Augen lag keine Härte, sondern eine ruhige, unerschütterliche Zuversicht.

In ihrer Handtasche gab das Smartphone ein leises Signal von sich. Eine kurze Nachricht von Tobias war eingetroffen. Sachlich teilte ihr der Anwalt mit, dass die Schlüssel einem zuverlässigen Kurier übergeben worden waren, die neuen Schlösser bereits eingebaut seien und sich in der Wohnung keine unbefugten Personen mehr befänden.

Anna blieb einen Augenblick stehen und atmete die kühle Abendluft tief ein. Dann lächelte sie — leicht, ehrlich und ganz für sich allein. Sie rückte die Tasche auf ihrer Schulter zurecht und ging mit raschen, sicheren Schritten auf die Drehtüren des Businesscenters zu.

Ihr Leben war an jenem unglückseligen Abend nicht zerbrochen.

Ganz im Gegenteil.

Es hatte gerade erst begonnen — klar, frei und endlich nur ihr selbst gehörend.

Hedis Stube