„Du erwartest jetzt ernsthaft, dass ich deine Verwandtschaft durchfüttere?“ fragte Anna fassungslos und warf einen Blick auf die leeren Fächer im Küchenkasten

Diese Rücksichtslosigkeit ist unerträglich und zutiefst beschämend.
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— Du erwartest jetzt ernsthaft, dass ich deine Verwandtschaft durchfüttere? — fragte Anna fassungslos und warf einen Blick auf die leeren Fächer im Küchenkasten.

— Du willst also wirklich, dass ich deine Leute verköstige? — wandte sie sich ungläubig an ihren Mann und zeigte auf die gähnende Leere. — Lukas, siehst du nicht, dass HIER NICHTS DA IST?

Lukas stand mit verschränkten Armen im Türrahmen der Küche. Hinter ihm drängten sich sein Bruder Florian und seine Schwester Katharina.

— Anna, mach bitte kein Theater. Geh schnell ins Geschäft und kauf irgendwas. Wir haben Gäste.

— Gäste? — Anna machte die Kastentür langsam zu. — Deine Familie platzt ohne jede Vorwarnung herein, du hast dein ganzes Gehalt für deine Spielereien hinausgeworfen, und jetzt soll ich aus Luft und Liebe ein Essen herzaubern?

Florian schob seinen Bruder zur Seite und trat in die Küche. Sein rundes Gesicht glänzte vor Schweiß, obwohl es draußen kühl war.

— Annalein, geh bitte! Wir sind doch keine Fremden. Wird es so schwer sein, irgendwas auf den Tisch zu stellen? — Er ließ sich auf ein kleines Stockerl fallen, das unter seinem Gewicht beleidigt ächzte.

Auch Katharina kam herein und ließ den Blick abschätzig über die bescheidene Einrichtung gleiten.

— Lukas hat erzählt, du wärst eine ausgezeichnete Hausfrau — bemerkte sie und fuhr mit dem Finger über die Arbeitsplatte. — Wobei, wenn man sich die leeren Kästen so anschaut …

— Schluss jetzt! — Anna hob die Hand. — Erstens hat Lukas ganz genau gewusst, dass wir kein Geld mehr haben. Zweitens war ihm genauso klar, dass im Haus kein Essen ist. Und drittens hat er mir mit keinem Wort gesagt, dass ihr auftaucht.

— Na und? — Lukas zuckte mit den Schultern. — Dann borg dir halt was bei den Nachbarn.

Nach drei Jahren Ehe begann Anna in diesem Moment wirklich zu begreifen, an wen sie ihr Leben gebunden hatte.

— Bei den Nachbarn? Lukas, erinnerst du dich vielleicht daran, dass wir den Mosers noch immer zwanzig Euro schulden? Und Frau Theresa auch noch zehn?

— Du übertreibst immer maßlos — winkte Lukas ab. — Florian, Katharina, wartet im Wohnzimmer. Ich regel das gleich.

Kaum waren die beiden widerwillig hinausgegangen, kam Lukas dicht an seine Frau heran.

— Anna, blamier mich nicht. Sie sind extra aus einer anderen Stadt angereist. Was sollen sie denn von mir denken?

— Und was hast du von mir gedacht, als du unser letztes Geld für eine neue Konsole verpulvert hast? — Anna wich einen Schritt zurück. — Lukas, in meiner Geldbörse sind noch zwei Euro. Genau das bleibt uns bis zu deinem nächsten Gehalt.

— Kauf Nudeln und ein paar Würstel. Lass dir halt was einfallen.

— Nein.

Lukas blinzelte, als hätte er sich verhört.

— Was heißt da „nein“?

— Es heißt, dass ich mich vor deiner Familie nicht erniedrigen werde, indem ich so tue, als wäre alles in bester Ordnung. Wenn du sie satt bekommen willst, dann fütterst DU sie.

In diesem Augenblick tauchte Florian wieder in der Küchentür auf.

— Bruder, wir haben Hunger. Die Fahrt war lang.

— Florian, gleich … nur noch eine Minute — Lukas fuhr sich nervös durchs Haar.

— Will Anna nicht kochen? — Florian grinste breit. — Da hast du dir ja eine feine Ehefrau ausgesucht. Meine Stefanie würde sich so etwas nie erlauben.

— Deine Stefanie — sagte Anna kühl — bekommt von dir Geld für den Haushalt. Von Lukas bekomme ich nur Versprechen.

Florian lief rot an, drehte sich um und stürmte hinaus, wobei er die Tür wütend hinter sich zuknallte.

— Bist du jetzt zufrieden? — zischte Lukas. — Du hast mich vor meinem Bruder lächerlich gemacht!

— Ich? — Anna lachte kurz und bitter auf. — Lukas, du machst dich jeden einzelnen Tag selbst lächerlich. Jedes Mal, wenn du mit irgendeinem neuen, unnützen Krempel heimkommst, statt Lebensmittel zu kaufen. Jedes Mal, wenn du etwas versprichst und dann nichts davon hältst. Jedes Mal, wenn du mich belügst — und dich selbst gleich mit.

— HALT DEN MUND! — brüllte Lukas so laut, dass Katharina im Wohnzimmer erschrocken zusammenfuhr.

Hedis Stube