„Du erwartest jetzt ernsthaft, dass ich deine Verwandtschaft durchfüttere?“ fragte Anna fassungslos und warf einen Blick auf die leeren Fächer im Küchenkasten

Diese Rücksichtslosigkeit ist unerträglich und zutiefst beschämend.
Geschichten

Katharina schoss aus dem Wohnzimmer herein.

— Was ist denn hier los? — fuhr sie Anna vorwurfsvoll an. — Lukas, hast du deine Frau überhaupt nicht mehr im Griff?

Anna wandte langsam den Kopf zu ihr.

— Noch ein einziges Wort — sagte sie kalt — und ich erzähle deinem Sebastian von deinen „Besprechungen“ mit Daniel aus dem Nachbarhaus.

Katharina wurde kreidebleich und wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

— Du…

— Ich weiß mehr, als dir lieb ist. — Anna griff nach ihrer Tasche. — Und jetzt entschuldigt mich. Ich gehe.

— Wohin willst du? — Lukas stellte sich ihr in den Weg.

— Zu meiner Mutter. Dort verlangt wenigstens niemand von mir, aus leerer Luft ein Abendessen für eine ganze Sippe herzurichten.

— Wenn du jetzt gehst, brauchst du gar nicht mehr zurückzukommen! — brüllte Lukas.

Anna blieb stehen. Ganz langsam drehte sie sich noch einmal zu ihm um.

— Weißt du was, Lukas? Das ist das beste Angebot, das du mir im ganzen letzten Jahr gemacht hast.

Ihre Mutter nahm sie auf, ohne eine einzige Frage zu stellen. Elisabeth zog ihre Tochter nur fest an sich und führte sie dann in die kleine Küche.

— Erzähl — sagte sie knapp und goss Tee ein.

Anna berichtete alles. Von den leeren Kästen. Von den unverschämten Verwandten. Von Lukas’ Forderungen, als wäre sie verpflichtet, Wunder zu vollbringen.

— Und du bist gegangen? — Ihre Mutter nickte anerkennend. — Gut so. Wie lang hättest du diesen Nichtsnutz denn noch aushalten wollen?

— Mama, ich hab ihn geliebt…

— Geliebt — wiederholte Elisabeth ruhig. — Vergangenheitsform. Ohne Achtung hält sich keine Liebe lange.

In diesem Moment begann Annas Handy zu läuten. Auf dem Display stand Lukas. Sie drückte den Anruf weg.

— Geh nicht ran — riet ihre Mutter. — Soll er sich einmal selber um seine liebe Verwandtschaft kümmern.

Das Telefon vibrierte noch mehrere Male, dann kamen Nachrichten. Anna öffnete keine einzige davon.

— Weißt du — Elisabeth schenkte ihr noch Tee nach — ich hab es dir nie gesagt, aber Lukas war mir von Anfang an nicht geheuer. Er hat immer so getan, als wäre nur für ihn Platz auf der Welt. Für die anderen blieb nichts übrig.

— Warum hast du damals nichts gesagt?

— Hättest du auf mich gehört? Verliebte Menschen hören selten auf den Hausverstand.

Anna lächelte traurig. Ihre Mutter hatte recht.

Inzwischen spielte sich in Annas und Lukas’ Wohnung ein richtiges Theater ab. Florian lief im Zimmer auf und ab und echauffierte sich lautstark:

— Hast du das gesehen? Hast du gesehen, wie deine Frau sich aufführt? Nicht einmal etwas zu essen hat sie den Gästen hingestellt!

— Flo, jetzt beruhig dich endlich — sagte Lukas gereizt. Er hetzte zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her und suchte verzweifelt nach irgendetwas Essbarem.

— Ich hab dir gleich gesagt, dass sie nicht zu dir passt — warf Katharina ein. — Erinnerst du dich? Von Anfang an hab ich gesagt: Diese Anna ist nichts für dich.

— ES REICHT! — fuhr Lukas sie an. — Wenn ihr alle so gescheit seid, dann geht halt ins Hotel!

— Ins Hotel? — Florian starrte ihn an. — Du willst deinen eigenen Bruder ins Hotel schicken? Ich bin extra zu dir gekommen, weil ich gedacht hab, wir verbringen einen gemütlichen Familienabend.

— Einen Familienabend — murmelte Lukas bitter und riss die Kühlschranktür auf. — Hier gibt’s außer Ketchup und einem abgelaufenen Joghurt genau gar nichts.

— Das ist alles die Schuld deiner Anna — ließ sich Katharina auf das Sofa fallen. — Eine ordentliche Ehefrau hat immer Vorräte daheim.

— Eine ordentliche Ehefrau hat auch einen ordentlichen Mann — platzte es Lukas heraus, bevor er selbst begriff, was er da sagte.

Die Geschwister sahen einander fassungslos an.

— Du verteidigst sie jetzt ernsthaft? — fragte Florian ungläubig. — Sie ist davongelaufen, zu ihrer Mama heim, und du nimmst sie noch in Schutz?

Lukas sank auf einen Sessel. Erst jetzt traf ihn wirklich, was passiert war. Anna war weg. Sie hatte einfach ihre Tasche genommen und war gegangen. Und tief in sich wusste er: Sie hatte recht gehabt.

— Wisst ihr was — sagte er schließlich und hob den Kopf — geht heim. Ich muss nachdenken.

— Heim?! — Florian riss entsetzt die Augen auf.

Hedis Stube