— Wir sind doch grad erst gekommen! — empörte sich Katharina.
— Ich hab gesagt: HEIM! — Lukas ist aufgesprungen. — Verschwindet aus meiner Wohnung. Sofort!
Anna ist drei Tage lang bei ihrer Mutter geblieben. In dieser Zeit hat Lukas sie pausenlos angerufen, ihr eine Nachricht nach der anderen geschrieben und ist schließlich sogar bei Elisabeth vor der Tür gestanden. Doch die hat ihn nicht hineingelassen.
— Anna will dich nicht sehen — sagte sie nur durch die geschlossene Tür. — Fahr heim, Lukas.
Am vierten Tag beschloss Anna, noch einmal in die Wohnung zu fahren, um ihre Sachen zu holen. Sie war überzeugt, Lukas sei in der Arbeit. Aber er saß in der Küche, als hätte er die ganze Zeit nur auf sie gewartet.
— Anna! — Er fuhr vom Sessel hoch. — Du bist wieder da!
— Nur wegen meiner Sachen — antwortete sie kühl.
Ohne ein weiteres Wort ging Anna ins Schlafzimmer und begann, ihre Kleidung zusammenzulegen. Lukas blieb im Türrahmen stehen und schaute ihr zu.
— Anna, bitte, lass uns reden …
— Worüber? Darüber, wie du mich vor deiner Verwandtschaft bloßgestellt hast? Oder darüber, dass du das Geld beim Fenster hinauswirfst und ich dann aus dem Nichts ein Essen zaubern soll?
— Ich hab’s begriffen. Wirklich. Ich hab alles verstanden. Ich war ein Trottel.
Anna hielt inne und sah ihn an.
— „Ein Trottel“? Lukas, du machst nicht einmal einen Fehler. Du machst immer wieder denselben. Das ist kein Ausrutscher, das ist bei dir ein System.
— Ich ändere mich!
— Nein. — Anna schüttelte langsam den Kopf. — Das hast du schon gesagt, als du einen Fernseher gekauft hast, obwohl wir einen Kühlschrank gebraucht hätten. Dann wieder, als du deine Prämie mit deinen Spezln vertrunken hast. Und dann, als …
— Es reicht! — Lukas schlug mit der Faust gegen den Türstock. — Wie lang willst du mir das noch vorhalten?
— Solange, bis die Vergangenheit aufhört, unsere Gegenwart zu sein. Aber das wird sie nicht. Das war unser Leben, Lukas. Oder besser gesagt: das, was davon übrig geblieben ist.
Anna zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu und ging in den Vorraum. An der Tür blieb sie noch einmal stehen.
— Übrigens hat mich dein Bruder Florian gestern angerufen. Er hat sich entschuldigt. Er hat gesagt, ich hätte recht gehabt. Und er hat mir noch etwas Interessantes erzählt.
— Was? — Lukas wurde sichtbar steif.
— Dass du dir vor einem Monat hundert Euro von ihm ausgeborgt hast. Und dass du das Geld für irgendeinen Spielkram ausgegeben hast. Mir hast du erzählt, dein Gehalt komme später.
Lukas wurde kreidebleich.
— Das … das war nicht so …
— Es ist schon egal, Lukas. Leb, wie du willst. Aber ohne mich.
Leise zog Anna die Wohnungstür hinter sich zu.
Zwei Monate vergingen. Anna mietete sich eine kleine Garçonnière in der Nähe ihrer Arbeit. Die Scheidung lief bereits; Lukas stellte sich nicht quer, als hätte auch er begriffen, dass es keinen Weg zurück mehr gab.
Eines Abends stand jedoch unerwartet Katharina vor ihrer Tür.
— Darf ich kurz reinkommen? — fragte sie vom Gang aus.
Anna trat wortlos zur Seite.
— Magst einen Tee? — fragte sie höflich.
— Ja, gern. — Katharina setzte sich in die kleine Küche. — Anna, ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen.
Anna hob überrascht die Augenbrauen.
— Wofür?
— Für alles. Dafür, dass ich mich eingemischt hab. Dafür, dass ich Lukas gegen dich aufgestachelt hab. Und dafür, dass ich mich aufgeführt hab wie das Allerletzte.
— Was ist denn mit dir passiert, Katharina? Woher kommt auf einmal diese Ehrlichkeit?
Katharina senkte den Blick.
— Sebastian hat von Daniel erfahren. Keine Ahnung, wie, aber er hat es herausgefunden. Er hat die Scheidung eingereicht. Und weißt du, was er zu mir gesagt hat?
— Was?
— Dass ich genau das bekommen hab, was ich verdient hab. Dass man nicht die Familie anderer Leute zerstören kann und dann glaubt, darauf sein eigenes Glück aufzubauen.
Anna goss schweigend den Tee ein.
— Und noch etwas — fuhr Katharina nach einer Weile fort. — Lukas lebt jetzt mit irgendeinem jungen Mädel zusammen. Zehn Jahre jünger als er. Die nimmt ihn komplett aus. Sein Auto hat er auch schon verkauft, nur damit er ihr einen Pelz kaufen kann.
— Mir tut er nicht leid — sagte Anna schlicht.
— Soll er dir auch nicht. Er hat sich seinen Weg selbst ausgesucht. Genau wie ich meinen.
Ein paar Minuten saßen sie schweigend einander gegenüber. Dann stand Katharina auf.
— Danke, dass du mir zugehört hast. Und noch einmal: Entschuldigung.
