— Schon gut — sagte Anna und begleitete sie zur Tür.
Etwa einen Monat später ist Anna im Supermarkt Florian über den Weg gelaufen. Er hat abgenommen, sein Gesicht war blass, die Schultern hingen ihm müde herunter.
— Anna! — In seiner Stimme lag echte Freude. — Wie geht’s dir?
— Es geht. Und dir?
— Na ja … — Er machte eine hilflose Handbewegung. — Stefanie ist weg. Sie hat meine Lügereien und meinen Geiz nicht mehr ausgehalten.
Anna sagte nichts.
— Weißt du, damals … damals waren wir wirklich grauslich zu euch. Als Katharina und ich einfach bei euch aufgetaucht sind. Wir haben uns aufgeführt wie die letzten Schweine.
— Es ist passiert.
— Hast du Lukas in letzter Zeit gesehen?
— Nein. Und ich habe auch nicht vor, das zu ändern.
— Besser so. Er ist komplett abgestürzt. Die Arbeit hat er verloren, trinken tut er auch. Und das junge Mädel ist verschwunden, kaum war kein Geld mehr da. Jetzt hängt er seiner Mutter auf der Tasche.
Anna nickte nur. Mitleid regte sich keines in ihr.
— Ich muss weiter — sagte sie und wandte sich zum Ausgang.
— Anna! — rief Florian ihr nach. — Es war richtig, dass du gegangen bist. Wirklich richtig.
Annas Leben hat sich nach und nach geordnet. In der Arbeit wurde sie befördert, sie meldete sich für einen Französischkurs an, ging wieder ins Theater. All das hatte sie an Lukas’ Seite jahrelang vor sich hergeschoben.
Eines Abends, als sie heimkam, bemerkte sie vor dem Haus eine vertraute Gestalt. Lukas. Eingesunken, mager, unrasiert, in zerknitterter Kleidung.
— Anna … — Er eilte auf sie zu. — Anna, bitte, verzeih mir!
— Geh, Lukas.
— Ich hab alles verstanden! Ich war ein Trottel! Bitte, verzeih mir!
— Lukas, es ist zu spät. GEH.
— Aber ich liebe dich doch!
Anna blieb stehen und sah ihn von oben bis unten an.
— Nein, Lukas. Du liebst nur dich selbst. Und jetzt suchst du jemanden, der dich wieder bedient. Das werde nicht ich sein.
— Anna, gib mir noch eine Chance!
— Ich habe dir hundert gegeben. Du hast jede einzelne weggeworfen. VERSCHWINDE!
Er versuchte, sie am Arm zu packen, doch Anna riss sich sofort los.
— Greif mich ja nicht an! Sonst rufe ich die Polizei!
— Du bist herzlos! — brüllte Lukas. — Kalt bist du! Wegen dir habe ich alles verloren!
— Nicht wegen mir — antwortete Anna ruhig. — Wegen dir selbst. Wegen deiner Gier, deinem Egoismus und weil du Menschen von oben herab behandelst. Du hast genau das bekommen, was du verdient hast.
Sie ging an ihm vorbei und sperrte die Haustür auf. Lukas blieb draußen stehen, während der Regen einsetzte.
Ein Jahr später lernte Anna Tobias kennen, einen Kollegen aus der Nachbarabteilung. Er war aufmerksam, ging respektvoll mit ihr um und verlangte nie Dinge, die unmöglich oder entwürdigend gewesen wären.
Als sie heirateten, kam sogar Katharina zur Feier. Sie freute sich ehrlich über Annas Glück. Florian schickte eine Ansichtskarte aus der Stadt, in die er nach seiner Scheidung gezogen war.
Von Lukas … von Lukas hörte Anna nie wieder etwas. Man erzählte, er habe irgendwo Arbeit gesucht, doch nirgends habe er lange durchgehalten. Seine Habgier, seine Überheblichkeit und seine Geringschätzung anderen gegenüber kamen überall früher oder später zum Vorschein.
Manchmal, wenn Anna im warmen Wohnzimmer ihres neuen Zuhauses saß, dachte sie an jenen Tag zurück, an dem Lukas ihr befohlen hatte, seine Verwandten aus leeren Kästen heraus zu bewirten. Genau dieser Tag war der Wendepunkt ihres Lebens gewesen: der Tag, an dem sie Nein gesagt hatte zu Erniedrigung und Respektlosigkeit. Der Tag, an dem sie sich selbst gewählt hatte.
— Woran denkst du? — fragte Tobias, setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.
— Nur daran, wie das Leben manchmal spielt — sagte Anna und lächelte.
— Sollen wir Pizza bestellen? Oder kochen wir was?
— Kochen wir. Zusammen.
— Zusammen also — sagte Tobias und küsste sie auf den Scheitel.
Anna schmiegte sich an ihn. Ihr Leben war endlich in die richtige Richtung gegangen. Und irgendwo weit hinten, in einer dunklen Ecke der Vergangenheit, blieb ein Mensch zurück, der nie begriffen hatte: Liebe und Respekt kann man nicht erzwingen. Man muss sie sich verdienen.
