„Schon wieder so ein bäuerlicher Fraß“ fauchte Florian und schob den Teller von sich, während Theresas Mutter betroffen schweigend am Herd blieb

Diese heimelige Normalität ist tröstlich und unerträglich zugleich.
Geschichten

als hätte genau dieser Blick von außen noch Öl ins Feuer gegossen. Plötzlich hatte er eine Bühne, und Florian schien sie zu brauchen.

„Schaut’s euch das an!“, brüllte er ins Stiegenhaus hinaus. „So schaut also eine Ehefrau aus! Kommt mitten in der Nacht heim, völlig fertig, und tut so, als hätte sie gearbeitet. Wer braucht dich denn mit deinem Provinzzeugnis? In deinem Büro sitzt du herum, schiebst ein paar Akten von links nach rechts, und daheim schaut’s aus wie nach einem Einbruch!“

Theresa zog sich ohne Hast die Schuhe aus, hängte den Mantel ordentlich auf den Haken und drehte sich dann zu ihm um. Sie wich seinem Blick nicht aus. In ihren Augen lag keine Angst mehr, kein Flehen, nicht einmal Erschöpfung. Nur eine kalte, klare Ruhe.

„Florian“, sagte sie leise, aber so deutlich, dass jedes Wort im Vorzimmer stand. „Du schreist mich gerade vor den Nachbarn an. Du demütigst mich vor meiner Mutter. Du hast das Häferl zerschlagen, das sie gekauft hat. Du nennst mich wertlos. Und weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du hast Angst. Angst davor, dass ich erfahre, was du selbst längst über dich weißt. Nur ist es dafür zu spät. Ich weiß es bereits. Morgen reden wir darüber.“

Dann ging sie ins Wohnzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Florian schrie ihr noch irgendetwas nach, doch die Worte verschwammen zu einem heiseren Lärm. Theresa setzte sich auf das Sofa, nahm ihr Handy und öffnete ein Foto, das Leonie ihr ein paar Tage zuvor geschickt hatte. Darauf war Florians Garage zu sehen, jener Ort, in den er nie jemanden hineinließ und von dem er immer behauptete, dort lägen „Werkzeug und lauter alter Krempel“. In der Vorwoche hatte Theresa zum ersten Mal hineingeschaut, während er nicht daheim gewesen war. Und dort hatte sie gefunden, was den letzten Rest in ihr zerbrochen hatte.

In einer Ecke der Garage stand eine Holzkiste mit Eingemachtem: Gläser mit Essiggurkerln, Marmelade, hausgemachtem Fleisch im Glas. Obenauf lag ein handgeschriebener Brief mit Absender: Oberösterreich, ein Dorf bei Linz, Pavlova Irene Nikolaevna. „Florian, vergiss deine Wurzeln nicht. Deine Mama hat dich lieb. Komm doch wenigstens für einen Tag vorbei, ich warte auf dich.“

Theresa hatte diesen Brief immer wieder gelesen, und jedes Mal hallten seine eigenen Worte in ihrem Kopf nach: „dumme Hinterwäldlerin“, „dein Abschluss ist keinen Cent wert“, „Bauerntrampel“. All das hatte er ihr entgegengeschleudert, doch in Wahrheit hatte er sich selbst gemeint. Den Buben aus einem oberösterreichischen Dorf, der nach Wien gekommen war, sich ein gefälschtes Diplom besorgt hatte und seither ununterbrochen so tat, als wäre er jemand anderer.

Sie machte an diesem Abend keinen Krach. Sie stellte ihn nicht zur Rede, nicht sofort. Stattdessen stürzte sie sich mit doppelter Kraft in ihre Arbeit. Die neue Niederlassung verlangte alles von ihr, und Theresa gab alles. Sie fuhr von Termin zu Termin, führte harte Gespräche, verhandelte mit Partnern, trennte sich von Mitarbeitern, die nicht mitziehen wollten, und holte neue Leute ins Team. Sie kam spät heim, fiel ins Bett und stand noch vor Tagesanbruch wieder auf. Elisabeth beobachtete sie dabei oft mit besorgtem Gesicht und schüttelte nur den Kopf. Aber sie sagte nichts. Sie spürte, dass ihre Tochter einen Plan hatte.

Florian dagegen wurde von Tag zu Tag nervöser. Er merkte, dass Theresa sich veränderte. Sie weinte nicht mehr. Sie entschuldigte sich nicht mehr für Dinge, die sie nicht getan hatte. Sie bemühte sich auch nicht länger, ihm alles recht zu machen. Sie lebte innerlich bereits an einem Ort, zu dem er keinen Zutritt mehr hatte. Genau das machte ihn rasend. Er war es gewohnt gewesen, sie als sein Eigentum zu betrachten: als Blitzableiter, als Fußabstreifer, als jemanden, an dem er jede schlechte Laune auslassen konnte. Nun glitt sie ihm aus den Händen, und er fand kein Mittel dagegen.

An einem Abend inszenierte er eine Eifersuchtsszene. Theresa war gerade von der Arbeit zurückgekommen, müde, aber zufrieden. Sie hatte einen wichtigen Vertrag abgeschlossen, und Sebastian hatte ihr persönlich eine Nachricht geschickt, in der er sich für ihren Einsatz bedankte. Sie stand im Bad und wusch sich das Gesicht, als Florian hereinstürmte und sie grob an der Schulter packte.

„Wo bist du gewesen?“, fuhr er sie an. „Ich hab dich fünfmal angerufen! Fünfmal! Und du hebst einfach nicht ab!“

„Ich war in einer Verhandlung“, antwortete Theresa und tupfte sich ruhig mit dem Handtuch das Gesicht trocken. „Das weißt du doch. Ich arbeite an dem Projekt.“

„An dem Projekt, ja natürlich!“ Er verzog verächtlich den Mund. „Ich kenn deine Projekte. Du machst mit irgendwelchen Männern herum und erzählst mir dann Märchen. Glaubst du, ich bin blind? Glaubst du, ich seh nicht, wie glücklich du jedes Mal heimkommst?“

„Florian, hör auf“, sagte sie und wollte an ihm vorbei aus dem Bad gehen. Doch er stellte sich breit in den Türrahmen.

„Nein, du bleibst da. Jetzt erklärst du mir einmal, was das für ein wunderbares Projekt sein soll, bei dem du strahlst wie ein Christbaum. Hast du dort einen Liebhaber? Oder bereitest du vielleicht schon die Scheidung vor, damit du zu ihm ziehen kannst?“

Theresa sah ihn lange an. Auf einmal hätte sie beinahe gelacht. Vor ihrem inneren Auge erschien das junge Mädchen von damals, das mit einem einzigen Koffer und einem ausgezeichneten Abschluss einer Pädagogischen Hochschule nach Wien gekommen war. Sie erinnerte sich daran, wie einsam sie sich in den Nächten gefühlt und wie oft sie geweint hatte. Sie erinnerte sich an den schönen, selbstbewussten Mann, den sie kennengelernt hatte und dem sie geglaubt hatte. Und daran, wie sie seine Kränkungen ertragen hatte, weil sie dachte, vielleicht müsse Ehe eben so sein. Jetzt stand dieses Mädchen als erwachsene Frau vor ihrem Mann, und in ihr war nichts mehr als Verachtung.

„Ich habe keinen Liebhaber“, sagte sie mit gleichmäßiger Stimme. „Ich habe eine Arbeit. Und morgen ist ein wichtiger Tag für mich. Wenn du willst, komm hin. Es wird eine Bekanntgabe geben.“

Florians Augen verengten sich. „Was für eine Bekanntgabe?“

„Komm, dann erfährst du es.“

Am nächsten Tag wurde in der Zentrale der Firma eine kleine Mitarbeiterversammlung einberufen. Sebastian versammelte das gesamte Team und gab bekannt, dass Theresa zur Leiterin der Niederlassung bestellt worden war. Er sprach über ihre Erfolge, darüber, wie sie einen defizitären Bereich aus der Krise geführt hatte, über ihre Fachkenntnis, ihre Ausdauer und ihre Loyalität gegenüber dem Unternehmen.

„Und wissen Sie, was daran besonders bemerkenswert ist?“, fügte Sebastian hinzu. „Theresa kommt nicht aus einem privilegierten Umfeld. Sie hat nicht an einer großen Wiener Universität studiert, sondern ihren Weg über eine regionale Hochschule gemacht. Trotzdem haben sich ihr Wissen, ihre Disziplin und ihr Fleiß als stärker erwiesen als viele glänzende Lebensläufe. Sie ist der Beweis dafür, dass echtes Können und ein ehrlich erworbener Abschluss mehr zählen als Beziehungen und große Sprüche.“

Theresa stand vorne, sah in den Raum und begegnete erstaunten, warmen, aufrichtig erfreuten Gesichtern. Sie sah Leonie, die über das ganze Gesicht grinste und ihr den Daumen hochstreckte. Und sie sah auch Florian. Er stand bei der Tür, in einem zerknitterten Sakko, und mit jedem Satz des Geschäftsführers wurde sein Gesicht länger und fahler. Er war gekommen, um seine Frau vor allen zurechtzuweisen. Stattdessen war er Zeuge ihres Triumphs geworden.

Nach der Versammlung gab es ein kleines Buffet. Theresa nahm Glückwünsche entgegen, lächelte, stieß mit Kolleginnen und Kollegen an und versuchte, den Moment bewusst zu genießen. Florian wartete, bis sie für einen Augenblick allein dastand, dann trat er dicht an sie heran.

„Na, bist du jetzt zufrieden?“, zischte er. „Du hast mich vor allen bloßgestellt. Du hättest diese Stelle ablehnen müssen. Wer braucht dich denn dort in dieser Niederlassung? In einem Monat ist der Laden zugesperrt, und dich werfen sie mit Schimpf und Schande hinaus.“

„Da irrst du dich“, entgegnete Theresa ruhig. „Die Niederlassung schreibt bereits schwarze Zahlen. Und ich bin jetzt die Leiterin. Mit einem Gehalt, das dreimal so hoch ist wie deines, und mit einer Dienstwohnung. Aber deswegen habe ich dich nicht hergebeten.“

Sie öffnete ihre Tasche, zog eine Mappe heraus und reichte sie ihm. Darin lagen Ausdrucke: seine Nachrichten an die Geliebte, eine Kopie seines gefälschten Diploms, das Foto des Briefes aus der Garage und die Adresse seiner Mutter in Oberösterreich, nahe Linz.

Florian wurde kreidebleich. Hastig blätterte er die Seiten durch, und sein Gesicht wechselte von Wut zu blankem Entsetzen.

„Woher hast du das?“, stieß er hervor.

„Das spielt keine Rolle“, sagte Theresa. „Wichtig ist etwas anderes. Du bist ein Hochstapler, Florian. Dein ganzes Leben lang hast du verheimlicht, wer du wirklich bist. Du hast dich für die Mutter geschämt, die dich zur Welt gebracht hat. Du verachtest das Dorf, in dem du aufgewachsen bist. Du hast dir ein Diplom gekauft und spielst den großstädtischen Erfolgsmenschen. Dabei bist du innen leer. Und ich habe noch niemandem erzählt, woher du tatsächlich kommst. Stell dir vor, was passiert, wenn deine Kollegen das erfahren.“

Hedis Stube