Sie bemerkte die dunklen Ränder unter den Augen ebenso wie die fest zusammengepressten Lippen und diesen Blick, der nicht mehr wirklich auf etwas gerichtet war, sondern irgendwo ins Leere lief.
„Theresa, was ist los mit dir?“, fragte sie, kaum dass sie ein paar Schritte weiter zum Fenster im Gang gegangen waren. „Du wirkst, als wärst du gar nicht da.“
Theresa schwieg zunächst. Dann zog sie, ohne recht zu wissen, warum, ihr Handy hervor und spielte Leonie die Aufnahme vom Vorabend vor. Leonie hörte zu. Währenddessen veränderte sich ihr Gesichtsausdruck langsam: erst Verwirrung, dann Entsetzen, schließlich offener Ekel.
„Das ist dein Mann?“, fragte sie leise. „Theresa, das ist doch nicht einfach ein Streit. Das sind Beschimpfungen, Demütigungen, psychische Gewalt. Und das auch noch vor deiner Mama? Ist dir klar, dass er dich systematisch fertig macht? Das ist Missbrauch in Reinform. Gaslighting. Er hat dich glauben lassen, mit dir stimme etwas nicht, dabei ist er derjenige, der sich wie ein Unmensch aufführt.“
„Ich weiß es nicht, Leonie“, murmelte Theresa. „Ich bin komplett durcheinander. Der Kredit für die Wohnung, die Gewohnheit … Mama sagt, ich soll gehen.“
„Natürlich sollst du gehen!“ Leonie sprach nur im Flüsterton, aber es klang beinahe wie ein Aufschrei. „Du bist klug, du schaust gut aus, beruflich geht bei dir alles nach oben, und dieser … nein, ich will nicht einmal über ihn reden. Hör zu, weißt du eigentlich, dass Sebastian dich gesucht hat? Er wollte dich dringend sprechen. Geh sofort zu ihm, das klingt wichtig.“
Sebastian, der Geschäftsführer der Firma, wartete bereits in seinem Büro auf sie. Theresa trat ein und bemühte sich, gefasst zu wirken. Er ließ keine Zeit mit höflichen Umwegen verstreichen.
„Theresa, wir haben ein ernstes Thema mit unserer Niederlassung in Floridsdorf“, begann er. „Du weißt ja selbst, seit Monaten verfehlen sie dort ihre Ziele, Kundinnen und Kunden springen ab, das Team bricht auseinander. Ich brauche jemanden, der den Bereich übernimmt und ihn wieder auf stabile Beine stellt. Ich beobachte deine Arbeit schon länger, und meiner Einschätzung nach bist du die beste Person dafür. Wenn du das schaffst – und ich gehe davon aus, dass du es schaffst –, gehört dir die Leitung dieser Niederlassung. Mit einem entsprechenden Gehalt natürlich. Was sagst du?“
Theresa sah ihn an und hatte einen Augenblick lang das Gefühl, sich verhört zu haben. Niederlassungsleiterin. Verantwortung. Ein eigener Standort. Das war eine Möglichkeit, von der sie sich nicht einmal zu träumen erlaubt hatte. Genau jene Chance, die bewies, dass ihr Abschluss nicht wertlos war, dass ihr Verstand zählte und dass ihre angeblich „ländliche Art“ niemanden daran hinderte, Karriere zu machen.
„Ich nehme an, Sebastian“, sagte sie fest. „Wann soll ich anfangen?“
„Am besten gestern“, erwiderte er mit einem kurzen Lächeln. „Die Unterlagen werden schon vorbereitet. Aber ich sage es dir gleich: Es wird kein Spaziergang. Du wirst fast täglich nach Floridsdorf hinausmüssen, es gibt schwierige Gespräche, mühsame Kunden, unzufriedene Mitarbeiter. Traust du dir das zu?“
Theresa lächelte schmal, fast überrascht über den Mut in ihrer eigenen Stimme.
„Ich komme vom Land“, sagte sie. „Schwere Arbeit schreckt uns nicht so schnell.“
Sebastian lachte und reichte ihr eine Mappe mit den ersten Informationen. Als Theresa sein Büro verließ, trug sie ein Gefühl in sich, das sie beinahe vergessen hatte: den Geschmack eines Sieges. Noch war er klein, noch bestand er nur aus Papier, Zahlen und einer Zusage. Aber es war ein Sieg.
Am Abend kam sie früher heim als Florian. Ihre Mutter hatte etwas zum Essen hergerichtet, und danach setzten sie sich zu zweit an den Tisch und tranken Tee. Das neue Häferl stand vor Theresa – sie hatte eines gekauft, das dem zerschlagenen sehr ähnlich sah. Doch diesmal hielt sie es mit einer seltsam besonderen Aufmerksamkeit in den Händen, als wäre es nicht bloß Geschirr, sondern ein Zeichen dafür, dass sich etwas nicht wiederholen musste.
Florian ließ auf sich warten, und das war ihr recht. Elisabeth erzählte von den Nachbarn, vom kleinen Garten, von den Preisen, die heuer wieder gestiegen waren, und davon, wie schwer es für Pensionistinnen und Pensionisten draußen am Land geworden war. Theresa hörte zu, doch in Gedanken war sie immer wieder woanders. Sie dachte daran, wie merkwürdig das Leben gebaut war: Der Mann, den sie einmal geliebt hatte, war zu ihrem Peiniger geworden. Und die Arbeit, die sie früher für eine Übergangslösung gehalten hatte, entpuppte sich plötzlich als Sprungbrett.
Florian kam spät, ungefähr gegen elf. Theresa hörte, wie er im Vorzimmer mit den Schuhen polterte. Dann ging er direkt ins Schlafzimmer, ohne auch nur ins Wohnzimmer hineinzuschauen. Es berührte sie kaum. Zum ersten Mal seit vielen Monaten war es ihr gleichgültig, wo er gewesen war und mit wem. Ihre Gedanken waren bei der neuen Aufgabe. Noch vor dem Schlafengehen klappte sie den Laptop auf und begann, die Unterlagen zur Niederlassung durchzugehen: Umsatzberichte, Kundenlisten, Personalübersichten. Die Arbeit zog sie hinein, und sie blieb bis ein Uhr nachts sitzen, bis ihr die Augen zufielen.
In den darauffolgenden Tagen bekam ihr Leben einen anderen Rhythmus. Theresa fuhr früh in der Früh nach Floridsdorf und kam erst spät am Abend wieder zurück. Sie arbeitete sich in die Abläufe ein, hielt Besprechungen ab, sortierte Zuständigkeiten neu, prüfte das Personal, suchte nach neuen Kundschaften und versuchte, alte zurückzugewinnen. Es war anstrengend, teilweise beinahe erbarmungslos. Und trotzdem gefiel es ihr. Zum ersten Mal seit Langem spürte sie, dass sie etwas Echtes tat. Etwas, das Wirkung hatte. Etwas, bei dem ihre Mühe nicht ins Leere lief.
Florian schwieg anfangs. Aber sein Schweigen war nicht friedlich, sondern schwer und aufgeladen, als könne es jederzeit explodieren. Bald begann er, an ihr herumzunörgeln. Wo sie denn wieder herumgetrieben sei. Warum kein Abendessen fertig sei. Wieso sie so müde ausschaue. Theresa antwortete knapp und ruhig. Sie ließ sich nicht in seine Streitereien hineinziehen, und genau das machte ihn nur wütender. Er brauchte ihre Rechtfertigungen, ihre Tränen, ihr Flehen um Verzeihung. Nur dann fühlte er sich überlegen. Doch diesen Gefallen tat sie ihm nicht mehr. Sie wandte sich ihrer Arbeit zu, und Florian blieb allein mit seiner Wut zurück.
Eines Tages bat Leonie sie, nach Dienstschluss noch kurz mit ihr auf einen Kaffee zu gehen. Sie setzten sich in ein kleines Café unweit des Büros. Leonie rührte in ihrem Cappuccino, wirkte unruhig und sah Theresa schließlich ernst an.
„Theresa, ich habe da etwas über deinen werten Gatten erfahren“, begann sie. „Bitte fall mir jetzt nicht gleich vom Sessel. Erstens: Er ist bei seiner internen Beurteilung in der Firma durchgefallen. Es geht das Gerücht um, dass er demnächst abgebaut werden könnte. Und zweitens – das ist der spannende Teil – er hat gar keinen Hochschulabschluss.“
Theresa erstarrte.
„Wie, keinen? Er hat mir doch seinen Abschluss von dieser angeblich renommierten Wiener Uni gezeigt.“
„Gefälscht“, sagte Leonie und senkte die Stimme. „Ich bin zufällig auf eine ehemalige Kollegin von ihm gestoßen, die ihn noch von früher kennt. Kurzfassung: Das Diplom ist gekauft. Er hat zwar einmal studiert, ist aber nach dem zweiten Jahr geflogen. Danach hat ihm ein Onkel einen Job im Vertrieb verschafft, und den Abschluss hat er sich über irgendwelche Kontakte besorgt. Und noch etwas: Er ist kein Wiener, Theresa. Er kommt aus einem winzigen Kaff irgendwo bei Linz. Beim Umzug nach Wien hat er den Nachnamen seiner Mutter angenommen, damit niemand nachhakt. Kannst du dir das vorstellen?“
Theresa wurde schwindlig. In ihrem Kopf stiegen all die Sätze wieder auf, mit denen Florian sie jahrelang verletzt hatte. Seine Sprüche über „Bauernmanieren“, über ihren Abschluss, über das „Mädel vom Acker“. Sie erinnerte sich daran, wie verächtlich er über Zugezogene und einfache Leute gesprochen hatte. Sie sah wieder seinen Blick vor sich, mit dem er Elisabeth gemustert hatte, als wäre ihre Mutter ein Mensch zweiter Klasse.
Und nun lag die Wahrheit da, klar und grausam. Er stammte selbst vom Land. Er hatte selbst keinen echten Abschluss. Er war ein Hochstapler, der nichts so sehr fürchtete wie Entlarvung. Deshalb hatte er alles niedergetreten, was ihn an seine eigene Herkunft erinnerte.
„Danke, Leonie“, sagte Theresa und stand langsam auf. „Du hast keine Ahnung, was du mir damit gerade gegeben hast.“
Auf dem Heimweg war ihr Herz schwer. Das Begreifen hatte Erleichterung gebracht, aber zugleich einen neuen Schmerz. Vier Jahre hatte sie mit einem Mann gelebt, der sein Leben auf Lügen und Selbsthass aufgebaut hatte. Er hatte sie für das angeschrien, was er an sich selbst verachtete. Er hatte ihre Mutter erniedrigt, weil er sich für seine eigene Herkunft schämte. Er hatte sich über ihren Abschluss lustig gemacht, weil er selbst sein Studium nicht beendet hatte. Und die ganze Zeit hatte er sie kleinhalten wollen, damit sie nicht aufblickte und nicht erkannte, wer hier tatsächlich vor wem Angst hatte.
Am nächsten Tag inszenierte Florian den nächsten Streit. Diesmal, weil Theresa erst gegen acht Uhr abends von der Arbeit heimkam. Er erwartete sie schon im Vorzimmer, das Gesicht rot vor Zorn, und schleuderte ihr entgegen, sie treibe sich weiß Gott wo herum, habe sich sicher längst irgendwen nebenbei angelacht und sei überhaupt eine jämmerliche Ehefrau.
Die Nachbarin aus der Wohnung gegenüber öffnete einen Spalt breit die Tür und schaute erschrocken heraus. Florian bemerkte es sofort, und die fremde Aufmerksamkeit schien ihn nur noch weiter anzustacheln.
