„Die Vorstellung ist nur zu Ende. Ich hab dir den Zugriff auf mein Konto gesperrt“ sagte Anna ruhig, ohne den Blick vom Laptop zu heben

Rücksichtslos und befreiend zugleich, eine unerwartete Entscheidung.
Geschichten

— Kannst du mir bitte einmal ganz normal erklären, was das gerade sein soll? — Lukas hat gleich im Vorzimmer seine Bankomatkarte auf den Tisch geschleudert. Sie ist gegen die Zuckerdose geknallt und unter den Hocker gerutscht. — Ich steh beim Interspar mit einem vollen Einkaufswagen, die Frau an der Kassa schaut mich an, hinter mir schnaufen die Leute schon genervt, und am Terminal steht: „Zahlung abgelehnt“. Was ist das für ein Theater?

— Kein Theater, — hat Anna ruhig gesagt, ohne den Blick vom Laptop zu heben. — Die Vorstellung ist nur zu Ende. Ich hab dir den Zugriff auf mein Konto gesperrt.

— Wie bitte, gesperrt? Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Und wovon soll ich Lebensmittel kaufen? Was ist mit den Medikamenten für meine Mutter? Mit dem Sprit fürs Auto? Denkst du überhaupt noch nach?

— Ja. An mich. Stell dir vor, zum ersten Mal seit zwei Jahren. Fühlt sich erstaunlich gesund an.

— Du willst mich doch verarschen, oder? — Er hat den Stuhl zurückgerissen und sich so heftig hingesetzt, dass das Holz geächzt hat. — Machst du das absichtlich, damit ich die Nerven wegschmeiße? Ich bin, nur damit das klar ist, kein Faulenzer. Ich hab Möglichkeiten gesucht. Ich hab überlegt, was ich anfangen könnte. Ich geh sicher nicht irgendeinen stumpfsinnigen Job machen für ein paar Euro, nur damit ich mit vierzig merke, dass ich mein Leben verschwendet hab.

— Und jetzt rettest du dein Leben, indem du bis elf liegen bleibst und von einem „Projekt“ redest, das einmal ein Blog ist, dann wieder ein Kaffeehaus, dann ein Kanal über männliche Psychologie, — Anna hat nun doch zu ihm hinaufgeschaut. — Du suchst nicht dich selbst. Du suchst nur den bequemsten Hals, auf dem du sitzen kannst.

— Aha, da haben wir’s wieder. Dein Spezialton. Du schaffst es immer, dass ich dasteh wie der letzte Dreck.

— Lukas, Dreck trägt man wenigstens regelmäßig hinaus. Diesen Nutzen hast du in den letzten Monaten nicht einmal mehr gehabt.

— Jetzt übertreib nicht.

— Ich übertreibe? War ich es, die behauptet hat, sie fährt zu einem Bewerbungsgespräch, und in Wahrheit bei der Mutter gesessen ist, um sich darüber zu beklagen, dass die eigene Frau sie nicht versteht? War ich es, die von meiner Karte Geld „für Medikamente“ abgehoben und dann mit einer neuen Angel heimgekommen ist? War ich es, die zwei Jahre lang vom großen Durchbruch geredet hat, während Miete, Strom, Essen, die Autoreparatur, der Zahnarzt und deine Kreditkartenraten von meinem Gehalt und vom Gewinn meines Studios bezahlt worden sind?

— Du wirfst jetzt absichtlich alles in einen Topf! — Lukas hat den Zeigefinger gehoben. — Und wenn wir schon bei der Wahrheit sind: Eine Ehefrau hat ihren Mann zu unterstützen. Genau dafür ist Familie da. Heute hat der eine Schwierigkeiten, morgen der andere.

— Bei dir sind das keine Schwierigkeiten. Bei dir ist das ein gemütliches Geschäftsmodell. Und damit ist Schluss.

— Und meine Mutter? — Er hat sich ruckartig zu ihr vorgebeugt. — Hast du an sie gedacht? Sie hat Blutdruck, kaputte Gelenke und eine lächerliche Pension. Du weißt ganz genau, dass ich ihr helfe.

— Nein, — hat Anna scharf erwidert. — Ich hab deiner Mutter geholfen, über dich. Und du hast auf meine Kosten den edlen Sohn gespielt. Eine rührende Inszenierung, wirklich. Eintrittskarten hätte man gar keine verkaufen müssen.

— Wie kannst du überhaupt so über sie reden? Sie hat dir nie ein böses Wort gesagt.

— Natürlich nicht. Sie hat nur bei jedem zweiten Besuch gefragt, wann ich endlich „zur Vernunft“ komme und aufhöre, mich wie eine Geschäftsfrau aufzuspielen. Außerdem hat sie mir geraten, die Wohnung auf meinen Mann zu überschreiben, damit im Haus „eine echte männliche Stütze“ vorhanden ist. Ich hab das alles nicht vergessen. Mein Gedächtnis funktioniert ausgezeichnet. Darum ist die Karte auch nicht im Affekt gesperrt worden.

— Du bist echt frech geworden, Anna.

— Und du hast es dir viel zu bequem gemacht, Lukas.

— Und was stellst du dir jetzt vor? Soll ich als Möbelpacker arbeiten? Als Lieferant? Als Wachmann? Nur damit du noch ein Stück weiter von oben auf mich herunterschauen kannst?

— Ich stelle mir vor, dass ein erwachsener, gesunder Mann endlich von seinem eigenen Geld lebt. Egal womit. Vorübergehend, wenn es sein muss. Und ohne diese dramatische Stimme dazu.

— Du redest dich leicht. Du warst immer kalt. Bei dir ist alles eine Tabelle: Einnahmen, Ausgaben, Abrechnung. Menschen sind für dich auch nur Zeilen in irgendeiner Datei.

— Nein. Ich bin nur müde davon, Bankomat, Küche, Waschküche und gratis Psychotherapeutin für jemanden zu sein, der panische Angst vor dem Wort „Arbeit“ hat.

— Du bist doch… — Er brach ab, riss sein Handy an sich und tippte wütend auf dem Display herum. — Gut. Wenn du es im Guten nicht verstehen willst, dann machen wir es eben anders.

Hedis Stube