— Jetzt kommt meine Mutter her. Die wird dir schon erklären, wie man in einer Familie miteinander redet.
— Ruf sie ruhig an. Ich bin sogar neugierig, welches Genre heute dran ist. Tragödie? Gerichtsverhandlung? Flüche? Oder wieder der Vortrag darüber, dass eine Frau ihren Mann inspirieren muss, während er am Sofa liegt und Kräfte sammelt?
Eine Stunde später krachte im Vorzimmer die Tür so heftig zu, als wäre nicht eine Frau im Mantel hereingekommen, sondern eine Kontrolle der Staatsanwaltschaft.
— Anna! — Theresa stapfte in die Küche, ohne auch nur die Stiefel auszuziehen. — Sag einmal, was bildest du dir eigentlich ein? Du hast meinen Sohn vor dem ganzen Geschäft bloßgestellt!
— Bloßgestellt hat er sich selbst. Ich habe nur aufgehört, diese Vorstellung zu finanzieren.
— Du darfst nicht immer nur an dich denken! Du hast geheiratet, du bist nicht in ein Studentenheim gezogen! Einen Ehemann stützt man, den erdrückt man nicht.
— Ich habe ihn gestützt. Fünfundzwanzig Monate lang. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen sogar den Kalender.
— Eine anständige Ehefrau zählt so etwas nicht nach! — Die Schwiegermutter warf theatralisch die Hände in die Höhe. — Gerade in einer schwierigen Phase braucht ein Mann Vertrauen. Und du trittst noch auf ihn hin. Er ist ein feinfühliger Mensch.
— Feinfühlig vielleicht. Aber sein Hals ist ziemlich kräftig. Und fremde Hände haben es sich darauf erstaunlich bequem gemacht. Meine übrigens auch.
— So redest du nicht! — Lukas fuhr hoch. — Mama, hörst du das? Sie hat ja überhaupt kein Maß mehr.
— Ich höre es, — schnitt Theresa ihm das Wort ab und wandte sich wieder Anna zu. — Und ich sehe auch, dass du dir eindeutig zu viel einbildest. Glaubst du, nur weil du Geld verdienst, darfst du andere Menschen in den Dreck treten? Was wärst du denn ohne Familie? Du würdest allein zwischen deinen Ordnern hocken.
— Das hat jetzt beinahe wie eine Drohung geklungen. Und beinahe zählt nicht.
— Ich drohe nicht, ich warne dich. Alles, was in der Ehe erworben wurde, wird geteilt. Einkommen genauso. Wenn du weiter die Gescheite spielen willst, gehst du halt vor Gericht. Dort wird man dir deinen Hochmut schon austreiben.
Anna stand wortlos auf, ging zum Buffet, nahm eine dicke, durchsichtige Mappe heraus und legte sie auf den Tisch.
— Hier sind die Unterlagen zur Wohnung. Gekauft vier Jahre vor der Ehe. Hier die Anmeldung meines Einzelunternehmens und danach die Gründungsunterlagen der GmbH, ebenfalls alles vor der Ehe. Hier liegen die Kontoauszüge. Hier die Steuererklärungen. Und hier, damit das Bild vollständig ist, die Überweisungen von meinem Konto auf die Karte Ihres Sohnes in den letzten eineinhalb Jahren. Sie können gern blättern. Wischen Sie sich nur vorher die Hände ab, draußen ist Gatsch.
— Du willst also sagen, Lukas ist hier gar nichts? — Die Stimme der Schwiegermutter wurde plötzlich dünner.
— In meinem Vermögen: ja. Bei meinen Ausgaben: sehr wohl etwas. Er war es zumindest.
— Und was hast du jetzt vor? — Lukas kniff die Augen zusammen. — Willst du mich auf die Straße setzen?
— Nein. Ich habe es nicht „vor“. Ich habe es schon entschieden. Morgen reiche ich die Scheidung ein.
— Wegen Geld? — Er lachte kurz auf, doch sein Mundwinkel zuckte. — Im Ernst? So kleinlich bist du?
— Nicht wegen des Geldes. Wegen der Lügen. Wegen deiner Angewohnheit, auf meine Kosten zu leben. Und wegen deiner Überzeugung, ich müsste das alles endlos schlucken. Das Geld ist nur ein sehr praktischer Weg, die Wahrheit ohne Schminke zu sehen.
— Das wirst du noch bereuen, — sagte Theresa leise. — Eine Frau allein merkt sehr schnell, was ihr Stolz wert ist.
— Kann sein. Aber dann bereue ich es wenigstens in Ruhe und auf eigene Rechnung.
— Lukas, pack deine Sachen, — presste seine Mutter hervor. — Hier wird unsere Familie offenbar nicht mehr respektiert.
— Ich will hier eh nicht bleiben, — warf er hin. Trotzdem ging er ins Zimmer mit der Miene eines Menschen, dem man soeben den Thron weggenommen hatte und nicht bloß das Sofa.
Während im Schlafzimmer Kastentüren knallten und Sackerl raschelten, klappte Anna den Laptop zu, setzte sich wieder hin und starrte ein paar Sekunden lang einfach in das dunkle Fenster.
— Zufrieden? — Lukas blieb mit einer Tasche in der Küchentür stehen. — Glaubst du jetzt, du hast gewonnen?
— Nein. Ich habe nur aufgehört zu verlieren.
— Du bist grausam.
— Und du hast dich daran gewöhnt, dass Sanftmut bedeutet, dich zu erhalten und dabei den Mund zu halten.
— Das werde ich dir heimzahlen.
— Davon gehe ich aus. Ohne Vergangenheit kannst du ja gar nicht leben. Die Gegenwart verlangt dir zu viel ab.
Als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen ist, ist es in der Wohnung auf einmal so still geworden, dass Anna das Brummen des Kühlschranks gehört hat. Im ersten Moment hat sie gar nicht begriffen, was sich verändert hatte. Dann erst wurde ihr klar, was fehlte.
