„Die Vorstellung ist nur zu Ende. Ich hab dir den Zugriff auf mein Konto gesperrt“ sagte Anna ruhig, ohne den Blick vom Laptop zu heben

Rücksichtslos und befreiend zugleich, eine unerwartete Entscheidung.
Geschichten

Niemand schlurfte mehr durch den Flur. Niemand schnaufte, riss Laden auf und zu oder rief aus dem Nebenzimmer: „Anna, borgst du mir bis morgen einen Hunderter?“

Sie ist zum Laptop zurückgegangen, hat das Firmenbanking geöffnet — und ist erstarrt. Auf dem Bildschirm blinkte eine Meldung: „Anmeldeversuch von einem neuen Gerät.“ Gleich darunter lag ein vorbereiteter Zahlungsauftrag über eine beträchtliche Summe. Empfängerin: Theresa S.

„Du elender Hund“, sagte Anna laut. Nicht hysterisch, nicht schrill. Beinahe ruhig.

Das Telefon hatte sie im selben Augenblick schon in der Hand.

„Support? Dringend. Es geht um ein Firmenkonto. Unbefugter Loginversuch. Ja, das Codewort nenne ich Ihnen. Ja, den Token bitte sofort sperren. Alle Sitzungen beenden. Passwörter zurücksetzen. Und vermerken Sie unbedingt den versuchten Zahlungsauftrag, das ist wichtig.“

Der Mitarbeiter stellte Frage um Frage, Anna antwortete knapp, sachlich und ohne zu stocken. Erst nachdem das Gespräch beendet war, fiel ihr wieder ein, wie Lukas überhaupt an den Zugang gekommen sein konnte. Vor einem halben Jahr hatte sie mit Fieber im Bett gelegen, kaum imstande aufzustehen, während eine Lieferantenrechnung dringend bezahlt werden musste. Damals hatte sie ihm das Passwort diktiert und ihm den Token in die Hand gedrückt. Für zehn Minuten. Offenbar hatte das gereicht.

Am nächsten Morgen ging sie in die Bäckerei ums Eck, nur wegen Brot und Kaffee. Ihr Schädel dröhnte, aber in ihr war eine merkwürdige Klarheit, so wie nach einem schweren Gewitter, wenn die Luft plötzlich wieder atmen lässt.

„Wie immer?“, fragte die Verkäuferin.

„Ja. Und bitte auch das Roggenbrot mit Kümmel.“

Da flog die Tür so heftig auf, dass das Glöckchen darüber giftig schepperte, fast wie ein Fluch.

„Aha. Da steckst du also.“ Lukas kam mit schnellen Schritten zur Theke. Sein Gesicht war fahl, die Augen glasig, die Jacke hastig und schief zugezogen. „Ich ruf dich an und ruf dich an, überall blockierst du mich. Warum hast du den Zugang gesperrt?“

„Weil es meine Konten sind. Und weil du versucht hast, dich am Geld meiner Firma zu bedienen.“

„Lüg hier nicht so laut herum“, zischte er. „Ich wollte mir nur holen, was mir zusteht. Für zwei Jahre. Für meine Nerven. Für meine Zeit. Für alles, was ich in dich investiert habe.“

„Was genau hast du denn in mich investiert? Die Luft in meiner Wohnung? Den Strom für den Fernseher? Oder deine tiefschürfenden Reden darüber, wie schwer es ist, sich zwischen offenen Stellen selbst zu finden?“

„Spiel dich nicht vor fremden Leuten auf!“, fuhr er sie an. „Du hast wirklich jedes Maß verloren. Mich stellst du als Trottel hin, meine Mutter als Bettlerin. Glaubst du, nur weil du Geld hast, darfst du Menschen kaputtmachen?“

„Nein, Lukas. Geld macht niemanden kaputt. Kaputt macht einen die Gewohnheit, ohne Folgen durchs Leben zu kommen.“

„Du schuldest mir etwas!“ Er trat näher an sie heran. „Ich hab mit dir zusammengelebt. Ich hab deinen Charakter ausgehalten. Dein ewiges Arbeiten. Deine Berichte mitten in der Nacht. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie das ist, neben so einer wie dir zu leben?“

„Ja. Ziemlich bequem. Man kann nichts hackeln und gleichzeitig so tun, als würde man furchtbar leiden.“

„Halt den Mund.“

„Sonst was?“

„Sonst wird’s ungemütlich.“

„Ungemütlich war es schon. Zwei Jahre lang. Jetzt wird es gerade besser.“

Die Menschen in der Schlange verstummten. Die Verkäuferin kam langsam hinter der Kassa hervor, griff aber nicht ein.

„Ich sag’s dir ein letztes Mal“, flüsterte Lukas, und gerade dieses leise Drohen machte es noch widerlicher. „Du machst den Zugang wieder auf. Sonst richte ich dir ein Leben her, dass du am Ende angekrochen kommst.“

„Und ich antworte dir auch ein letztes Mal: Noch ein einziger Schritt in Richtung meiner Konten, und du erklärst das einem Ermittler. Der Überweisungsversuch ist protokolliert. Die Gerätenummer ist da. Die Uhrzeit ist da. Und die Empfängerin ist deine Mutter. Sehr familiär. Wirklich rührend.“

„Geh doch zum Teufel!“ Er zuckte vor und stieß sie gegen die Schulter.

Der Stoß war ungeschickt, aber kräftig. Anna prallte mit der Seite gegen das hölzerne Regal mit den Semmeln, schnappte nach Luft und hatte sich gerade erst wieder aufgerichtet, als hinter der Verkäuferin eine Männerstimme zu hören war:

„Hände weg. Sofort.“

In diesem Moment traten bereits zwei Polizisten in den Verkaufsraum. Wie sich herausstellte, war die Bäckerei an einen Sicherheitsdienst angeschlossen, und der Alarmknopf war schon bei den ersten Schreien gedrückt worden.

„Das ist privat!“, brüllte Lukas und wich ruckartig zurück. „Das klären wir selber!“

„Privat kriegst du es daheim offenbar nicht hin“, sagte Anna und hielt sich die Seite.

Hedis Stube