„Ordnung ändert sich nicht“ — Theresa schnitt ihm das Wort ab und klopfte auf die rote Mappe

Diese selbstgerechte Ordnung ist schmerzhaft, zutiefst ungerecht.
Geschichten

— Maximilian, nehmen Sie doch vom Salat, nur keine Scheu, — Theresa schob die schwere Kristallschüssel näher zu ihrem Gast. — Den hab ich heute in der Früh selbst gemacht, ganz nach unserer Art, wie es sich in der Familie gehört.

— Danke, Theresa, — der Notar nickte höflich und legte sich die Serviette sorgfältig auf den Schoß.

Katharina saß am Rand des Tisches. Ihr Mann Florian starrte auf den Fernseher, in dem stumm die Nachrichten flimmerten. Gegenüber rückte Johanna, Florians Schwester, nervös an ihren Haaren herum.

— Ein Anlass ist es ja trotzdem, — Theresa ließ den Blick durch das Zimmer wandern. — Johannas Geburtstag. Neununddreißig. Schon eine erwachsene Frau.

— Mama, fang bitte nicht wieder an, — Johanna senkte den Blick.

— Was heißt da, ich soll nicht anfangen? — Theresas Stimme wurde schärfer. — Du hast nicht einmal ein eigenes Eck, nur eine Mietwohnung draußen in irgendeiner Siedlung.

— Und die Betriebskosten dort sind ein Wahnsinn, — warf Florian ein, ohne vom Bildschirm wegzuschauen.

— Eben! — Theresa hob triumphierend den Zeigefinger.

Katharina blickte auf die gedeckte Tafel. Zwischen der Platte mit Aufschnitt und dem Krug stand eine rote Plastikmappe. Eine ganz gewöhnliche Büro-Mappe. Theresa klopfte immer wieder mit der Hand darauf.

— Wir sind doch eine Familie, — sagte die Schwiegermutter und sah Katharina direkt an. — Da hilft man einander.

— Natürlich, — antwortete Katharina ruhig.

Diesen Ton kannte sie. Genau so klang Theresa immer, wenn sie Anweisungen verteilte.

— Ich hab mein ganzes Leben am Vermessungsamt gearbeitet, — wandte sich Theresa an den Notar. — In dieser Stadt kenn ich jedes Papierl. Und jeden Buchstaben vom Gesetz.

— Gesetze ändern sich, Theresa, — bemerkte Maximilian sanft.

— Ordnung ändert sich nicht, — schnitt sie ihm das Wort ab. — Ordnung bleibt Ordnung. Die Älteren entscheiden, die Jüngeren hören zu.

Wieder klopfte sie auf die rote Mappe.

— Unsere Johanna ist nach der Scheidung ganz allein dagestanden, — fuhr Theresa fort und schenkte Beerensaft ein. — Der Unterhalt ist ein Witz. Aufs Konto kommen gerade einmal ein paar Cent im Vergleich zu dem, was man zum Leben braucht.

— Dreißig Euro, — sagte Johanna leise.

— Siehst du! — Theresa schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. — Und irgendwo muss der Mensch wohnen. Man kann ja nicht ewig herumziehen.

Katharina nahm eine Serviette und wischte sich die Fingerspitzen ab.

— Johanna hat eine ordentliche Arbeit, — sagte sie beherrscht. — Sie ist Administratorin.

— Nennst du das Arbeit? — Theresa schnaubte. — Du dagegen bist Katastertechnikerin. Du hast Sicherheit. Und du bist Eigentümerin.

— Ja, — Katharina hielt ihrem Blick stand. — Das bin ich.

Theresa lächelte. Breit, aber ohne Wärme in den Augen.

— In einer Familie teilt man, Katharinchen.

Die rote Mappe lag vor ihnen auf dem Tisch. Katharina starrte sie an und spürte, wie sich in ihr wieder diese vertraute, eisige Feder zusammenzog. Sie hatte diese Mappe schon vor einer Woche gesehen. In ihrem eigenen Vorzimmer.

— Florian, schenk Maximilian etwas ein, — befahl Theresa.

Florian griff gehorsam nach der Flasche.

— Ich trinke nicht, danke, — sagte der Notar und deckte sein Glas mit der Hand ab.

— Aber wir feiern doch! — empörte sich Theresa. — Und heute haben wir sogar gleich zwei Gründe.

— Welchen zweiten? — fragte Florian.

— Das wirst du schon sehen, — Theresa zwinkerte Johanna zu.

Johanna wurde rot und nahm rasch einen Schluck Wasser. Katharina schwieg. Die Feder in ihr zog sich noch enger zusammen.

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Das Sammeln fremder Schlüssel

— Gib mir einen Ersatzschlüssel, — sagte Theresa vor einem Monat, als sie in Katharinas Gang stand.

— Wozu? — Katharina hielt bereits ihre Tasche in der Hand und war spät dran für die Arbeit.

— In der Siedlung gibt’s dauernd Probleme mit den Leitungen, — erklärte die Schwiegermutter hastig, aber mit fester Stimme. — Der Notdienst kommt nie rechtzeitig. Und dein Haus steht dort leer.

— Dort ist alles abgedreht.

— Und wenn doch etwas platzt? — Theresa verschränkte die Arme vor der Brust. — Ich schau nur nach dem Rechten. Einmal in der Woche kontrollier ich kurz.

Katharina war damals erschöpft gewesen. Ein schwieriger Auftrag, Unterlagen fürs Grundbuch, kaum Schlaf.

— Nehmen Sie ihn, — sagte sie und nahm den Schlüsselbund vom Haken.

— Na also, geht doch, — Theresa ließ die Schlüssel sofort in ihrer Tasche verschwinden.

Das war ein Fehler gewesen. Katharina hatte es im selben Augenblick gewusst. Aber zum Streiten fehlte ihr jede Kraft. Sie gab die Schlüssel zu ihrem kleinen Haus am Land her, nur um sich ein bisserl Ruhe zu erkaufen.

Eine Woche später begannen die Anrufe.

— Katharina, warum ist im Glashaus das Polycarbonat eingedrückt? — Theresas Stimme klang durch das Telefon vorwurfsvoll.

— Im Winter ist Schnee draufgelegen.

— Dann hätte man ihn eben wegräumen müssen! — regte sich Theresa auf. — Ich hab extra eine Nachbarin beauftragt.

Hedis Stube