— Ich hab ihr fünf Euro aufs Handy geschickt, sie hat den Mist weggeräumt.
— Darum hab ich nicht gebeten.
— Wer soll denn sonst darum bitten? Ich bin die Mutter, ich kümmere mich um die Familie.
Danach ist die Sache mit den Rechnungen gekommen.
— Ich hab den Erlagschein aus dem Postkastl genommen, — erklärte Theresa eines Tages, als sie wieder einmal ohne Anmeldung vor der Tür stand. — Für die Müllabfuhr ist was offen. Drei Euro im Monat.
— Ich zahl das über die App, — sagte Katharina und zwang sich, ruhig zu atmen. — Einmal im Quartal.
— So was macht man monatlich! — Theresa legte den Zettel auf den Küchentisch. — Ich hab’s schon erledigt. Am Gemeindeamt war eine elendslange Schlange, aber ich bin halt angestanden.
— Warum gehen Sie wegen der Müllabfuhr aufs Gemeindeamt?
— Damit endlich Ordnung herrscht!
Katharina hat damals geschwiegen. Florian saß in der Küche und las Nachrichten am Handy.
— Mama, hast du wirklich nix Besseres zu tun? — brummte er.
— Doch, hab ich! — Theresa drehte sich sofort zu ihrem Sohn um. — Euer Haus steht leer und verfällt, Katharina. Ein Haus muss bewohnt werden, es muss atmen. Und du bist dauernd in der Arbeit. Ein Grund soll der Familie nützen und nicht mit Unkraut zuwachsen.
Seltsamerweise klang dieser Satz beinahe vernünftig. Katharina fuhr tatsächlich kaum noch hinaus. Vor drei Jahren hatte sie nach dem Tod ihres Vaters geerbt. Das Haus war solide, der Garten groß — rund tausend Quadratmeter.
— Im Sommer fahr ich hin, — sagte sie.
— Im Sommer! — Theresa warf die Hände in die Höhe. — Da ist es zu spät. Johanna und ich fahren am Wochenende. Wir machen den Anfang.
— Das ist mein Haus, Theresa.
— Wir sind doch eine Familie, — sagte die Schwiegermutter und lächelte. Dieses Lächeln war wieder leer. — Niemand nimmt dir etwas weg. Wir wischen nur ein bisserl Staub.
Katharina fuhr nicht hin, um nachzuschauen. Der nächste Fehler.
Vor zwei Wochen hat Johanna sie am Abend angerufen.
— Katharina, sag, wo habt ihr denn die Bettwäsche? — In der Stimme ihrer Schwägerin lag ein unsicherer, fast schuldbewusster Ton.
— Welche Bettwäsche?
— Na, im Schlafzimmer. Mama und ich sind hergefahren. Es ist ziemlich kalt hier, wir haben den Heizstrahler eingeschaltet.
— In der Kommode, — antwortete Katharina, während ihr innerlich kalt wurde.
— Danke. Mama räumt gerade Sachen im Kasten um.
— Welche Sachen?
— Die von deinem Papa.
Katharina beendete das Gespräch sofort. In fünf Minuten war sie angezogen, rief ein Taxi und fuhr hinaus aufs Land. Die Fahrt kostete sie sechs Euro.
Als sie mit ihrem eigenen Schlüssel aufsperrte, stand Theresa mitten im Zimmer und hielt einen schwarzen Müllsack in der Hand.
— Was machen Sie da? — Katharina schrie nicht. Ihre Stimme war leise.
— Ich werf den alten Krempel weg, — sagte Theresa, ohne auch nur zusammenzuzucken. — Hier kann man ja kaum atmen.
— Das sind die Sachen meines Vaters.
— Er ist tot, Katharina. Die Lebenden brauchen Platz.
— Legen Sie den Sack hin.
Theresa sah sie an. Prüfend. Kalt.
— Du bist egoistisch, Katharina.
— Legen Sie den Sack hin.
Die Schwiegermutter ließ den schwarzen Kunststoff auf den Boden fallen.
— Johanna hat weder eine eigene Ecke noch einen brauchbaren Mann, — sagte Theresa plötzlich leise. — Ich bin ihre Mutter. Solange ich lebe, muss ich schauen, dass meine Tochter versorgt ist. Du hast es leicht, du hast einen Beruf. Sie zieht von einer Mietwohnung in die nächste.
In diesen Worten steckte echter, schwerer Schmerz. Der Schmerz einer älter werdenden Mutter um ihre haltlose Tochter. Katharina hat ihn gehört. Und genau deshalb hat sie die beiden an diesem Abend nicht hinausgeworfen. Sie ließ sie über Nacht bleiben.
Am nächsten Morgen fuhr sie mit dem Regionalzug zurück. Das war ihr dritter Fehler.
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Die Papierspur
Ein paar Tage vergingen. Katharina kam früher als sonst von der Arbeit heim.
Im Vorzimmer roch es nach einem fremden Parfum.
— Florian? — rief sie.
Keine Antwort. Ihr Mann war in der Arbeit.
Katharina ging in die Küche. Auf dem Tisch lag eine rote Plastikmappe. So etwas hatte sie in ihrer Wohnung noch nie gesehen. Die Mappe war dick, mit weißen Bändern zugeschnürt, wie man sie aus alten Amtsarchiven kannte.
Sie trat näher. Die Bänder waren offen. Darinnen lag ein alter technischer Planakt. Ihrer. Genau jener, den ihr Vater in den Neunzigern hatte anlegen lassen.
— Wo kommt das her? — sagte Katharina laut in die leere Wohnung hinein.
Sie begann, die Blätter durchzugehen. Ein Auszug aus dem Meldeverzeichnis. Eine Kopie der Sterbeurkunde ihres Vaters. Ein alter Lageplan, noch von Hand gezeichnet.
All das hatte im unteren Fach ihres Schreibtisches im Arbeitszimmer gelegen.
Da klickte das Schloss der Wohnungstür. Katharina blieb am Tisch stehen.
Theresa kam in die Küche. In der Hand trug sie ein Billa-Sackerl.
— Oje, — sagte die Schwiegermutter und blieb wie angewurzelt stehen. — Du bist aber früh da.
— Was ist das? — Katharina deutete auf die Mappe.
— Unterlagen, — sagte Theresa.
