Theresa stellte das Sackerl hastig auf einen Sessel.
— Ich hab nur nachgeschaut, ob alles in Ordnung ist.
— Sie haben in meinem Schreibtisch herumgewühlt?
— Ich hab die Stromrechnungen gesucht! — Theresa ging augenblicklich zum Angriff über. — Bei euch findet man ja nie irgendwas!
— Geben Sie mir die Wohnungsschlüssel.
— Katharina, jetzt übertreibst du aber.
— Die Schlüssel.
Theresa presste die Lippen zusammen. Langsam zog sie aus ihrer Handtasche einen Schlüsselbund und warf ihn auf den Tisch. Das Metall schlug klirrend auf den Plastikdeckel der roten Mappe.
— Ich hab’s nur gut gemeint, — zischte sie.
Dann drehte sie sich um und ging. Die Wohnungstür fiel krachend ins Schloss.
Katharina blieb vor der Mappe stehen. Nach einer Weile nahm sie die alten Unterlagen, ordnete sie zusammen und legte alles wieder in das untere Fach ihres Schreibtisches. Nur die rote Mappe blieb zurück. Theresa hatte sie nicht mitgenommen.
Am Abend klappte Katharina ihren Arbeitslaptop auf. Als Vermessungstechnikerin hatte sie Zugang zu den einschlägigen Datenbanken. Sie tippte die alte Grundstücksnummer ein, die auf den Papieren gestanden war.
Das System meldete: Objekt aus dem Verzeichnis gelöscht. Grenzverlauf aufgehoben.
Katharina atmete langsam aus. Vor drei Jahren hatte sie selbst die Neuvermessung gemacht. Sie hatte die Grundstücksgrenzen geändert und das Grundstück mit einem benachbarten, verwilderten Stück Grund zusammengelegt, das sie der Gemeinde abgekauft hatte. Die alte Bezeichnung „Parzelle 42“ war verschwunden. Stattdessen gab es nun eine neue Adresse: Waldgasse 7.
Die alten Unterlagen vom Bauamt waren damit nicht mehr wert als Altpapier.
Katharina schloss den Laptop. Sie wusste nicht, wozu Theresa den alten technischen Plan gebraucht hatte. Aber eines wusste sie genau: Ihre Schwiegermutter tat nie etwas ohne Grund.
— Mama hat angerufen, — sagte Florian beim Abendessen. — Sie ist beleidigt. Sie sagt, du hast sie hinausgeworfen.
— Sie hat in meinen Unterlagen geschnüffelt.
— Sie ist halt eine ältere Frau. Sie macht sich Sorgen wegen dem Erbe.
— Das ist nicht ihr Erbe.
— Wir sind doch eine Familie, — seufzte Florian.
Es waren die Worte seiner Mutter, nur aus seinem Mund. Katharina sagte nichts. Sie wusch schweigend den Teller ab. Der Schwamm quietschte über das Porzellan.
Dabei fiel ihr ein, wie stolz Theresa immer auf ihre alten Kontakte im Vermessungsamt gewesen war. „Jedes Papier krieg ich über meine früheren Kolleginnen geregelt, ganz ohne Digitales Amt“, hatte sie gern gesagt.
Katharina trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab. Dann sah sie zu der leeren roten Mappe hinüber, die sie immer noch nicht weggeworfen hatte.
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Fehler im Grundbuch
Und nun lag genau diese rote Mappe auf dem festlich gedeckten Tisch. Zwischen Erdäpfelsalat und kaltem Aufschnitt.
— Johanna, — Theresa stand auf und hob ihr Glas mit Johannisbeersaft. — Du hast genug durchgemacht. Aber deine Mutter lässt dich nicht im Stich.
Am Tisch wurde es still. Florian hörte auf zu kauen. Der Notar Maximilian legte höflich seine Gabel zur Seite.
— Ich hab lange darüber nachgedacht, — sagte Theresa, und ihre Stimme bebte vor feierlichem Ernst. — Eine Familie muss zusammenhalten. Und Besitz soll denen dienen, die ihn am dringendsten brauchen.
Sie legte ihre Hand auf die rote Mappe.
— Heute schenke ich dir das Haus.
Johanna schnappte nach Luft und hielt sich die Hand vor den Mund.
— Mama … meinst du das ernst?
— Vollkommen ernst, — sagte Theresa und löste die weißen Bänder der Mappe. — Hier sind die Unterlagen. Der Schenkungsvertrag.
Sie zog ein festes weißes Blatt heraus und reichte es ihrer Tochter.
Katharina saß reglos da. In ihr war es auf einmal völlig still.
— Aber wie soll das gehen? — murmelte Florian. — Das ist doch Katharinas Haus.
— Das ist das Haus unserer Familie! — schnitt Theresa ihm das Wort ab. — Ich hab alles über meine alten Wege erledigt. Beim Bauamt und beim Grundbuch hab ich noch immer Verbindungen. Ich war damals selbst dabei, als dieses Grundstück erfasst worden ist. Ich hab ein Recht darauf!
— Du bist nicht die Eigentümerin, Mama, — sagte Florian leise.
— Ich bin die Mutter! Und ich weiß, wie man Dinge rechtlich sauber macht! — Theresa sah Katharina triumphierend an. — Nimm’s mir nicht übel, Katharina. Aber du brauchst dieses Haus nicht. Das Mädchen hat nirgends ein Zuhause.
Johanna nahm das Papier mit zitternden Händen entgegen. Tränen standen ihr in den Augen.
— Meine Schwiegermutter hat mein Haus ihrer Tochter geschenkt, — sagte Katharina ruhig, beinahe Silbe für Silbe.
— Ja, das hab ich, — erwiderte Theresa und hob stolz das Kinn.
— Darf ich es sehen? — Katharina streckte die Hand aus.
Johanna warf ihrer Mutter einen unsicheren Blick zu.
— Gib es ihr ruhig, — erlaubte Theresa. — Soll sie sich überzeugen. Da ist alles offiziell. Sogar der Stempel ist drauf.
Katharina nahm das Blatt.
Es war tatsächlich ein Schenkungsvertrag. Sauber ausgedruckt, auf gutem Papier. In der Zeile „Schenkende Partei“ stand: Theresa Osipova. In der Zeile „Beschenkte Partei“: Johanna Osipova.
Katharina ließ den Blick weiter nach unten wandern, bis zu dem Abschnitt „Vertragsgegenstand“.
