„Ordnung ändert sich nicht“ — Theresa schnitt ihm das Wort ab und klopfte auf die rote Mappe

Diese selbstgerechte Ordnung ist schmerzhaft, zutiefst ungerecht.
Geschichten

Sie las weiter, und im Raum war es so still, dass man das leise Flimmern des stumm geschalteten Fernsehers fast hören konnte.

— Hier steht noch die alte Katasterangabe, Grundstück Nummer zweiundvierzig, — sagte Katharina schließlich und hob den Blick. — Und als Adresse ist ebenfalls nur „Parzelle 42“ eingetragen.

— Genau so gehört sich das, — Theresa nickte sofort.

— Sie hat nicht gewusst, dass in den aktuellen Unterlagen längst eine andere Adresse aufscheint, — sagte Katharina. Doch sie sprach nicht zu ihrer Schwiegermutter. Ihr Blick galt Maximilian.

Der Notar kniff die Augen leicht zusammen.

— Darf ich? — fragte er ruhig und nahm Katharina das Blatt behutsam aus der Hand.

Er überflog die Zeilen, dann griff er in die Innentasche seines Sakkos, holte eine Brille hervor und setzte sie auf.

— Theresa, — seine Stimme wurde sachlich, beinahe kühl. — Auf welcher Grundlage ist dieser Vertrag erstellt worden?

— Auf dem technischen Ausweis! Auf dem echten! Mit blauem Stempel!

Katharina sah Theresa unverwandt an.

— Diese Katasterangabe ist vor drei Jahren aufgehoben worden. Haus und Grundstück sind damals zusammengeführt worden, die Grenzen wurden neu festgestellt. Jetzt lautet die Adresse Waldstraße 7. Andere Einlagezahl, andere Grundstücksbezeichnung, andere Koordinaten.

Theresa erstarrte. Ihr selbstsicheres Lächeln rutschte ihr langsam aus dem Gesicht, als hätte jemand den Boden unter ihr weggezogen. Der Plan war schon beim ersten Schritt ins Stocken geraten. Aus Überlegenheit wurde Ratlosigkeit.

— Was redest du da für einen Unsinn? — fuhr es aus ihr heraus.

Maximilian legte den Vertrag auf den Tisch.

— Sie haben hier eine Schenkung über ein Objekt errichtet, das in dieser Form rechtlich nicht mehr existiert. Juristisch ist dieses Papier wertlos. Man kann nichts verschenken, was im Grundbuch so nicht aufscheint. Und schon gar nicht kann man etwas verschenken, das einem gar nicht gehört.

— Ich hab das abgeklärt! — Theresas Stimme kippte. — Anna aus dem Archiv hat mir alles bestätigt!

— Anna hat in eine alte Datenbank geschaut, die seit Jahren nicht ordentlich aktualisiert worden ist, — sagte Katharina und stand vom Tisch auf. — Sie hat Ihnen einen Auszug zu einem Phantom gegeben.

Johanna blickte abwechselnd zu ihrer Mutter und auf das Blatt.

— Mama? — fragte sie leise. — Wolltest du mir wirklich ein fremdes Haus mit solchen Papieren schenken?

— Die Papiere sind nicht falsch! — schrie Theresa. — Da ist ein Stempel drauf!

Sie riss den Vertrag an sich. Ihre Hände zitterten, während sie die Zeilen wieder und wieder las, als könnte sie sie mit bloßer Willenskraft in etwas Echtes verwandeln.

Dann wurde es still. Die Verwirrung sackte in Schweigen ab. Theresa sagte kein Wort mehr. Sie starrte auf die rote Mappe, als hätte gerade diese Mappe sie verraten.

— Warum hast du das getan? — fragte Florian. Er sah aus, als hätte ihn jemand geschlagen.

Theresa hob endlich den Kopf und sah Katharina an.

— Weil sie nicht dazugehört! — In ihrer Stimme lag keine Wut mehr. Nur die Verzweiflung eines Menschen, dem die Kontrolle entglitten war. — Sie ist eine Fremde. Aber ihr seid meine Familie. Ich wollte, dass wir etwas Eigenes haben.

— Sie haben etwas Eigenes, — sagte Katharina ruhig. — Ihre Wohnung.

Sie ging zu ihrem Sessel und nahm ihre Handtasche.

— Die Feier ist vorbei, — sagte sie und wandte sich an Florian. — Kommst du mit?

Florian saß da, die Finger fest um die Tischkante gekrallt. Erst sah er zu seiner Mutter. Dann zu seiner Frau.

— Ich komm später nach, — sagte er dumpf.

Katharina nickte. Auch das war eine Antwort.

— Katharina, warten Sie, — Maximilian erhob sich ebenfalls. — Ich nehme Sie mit. Ich muss ohnehin in dieselbe Richtung.

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Leere Stelle

Die Fahrt zurück in die Stadt dauerte eine Stunde. Maximilian lenkte den Wagen vorsichtig durch die Dunkelheit. Das Radio blieb ausgeschaltet.

— Ich bin eigentlich nur als Bekannter mitgekommen, — sagte er nach einer Weile. — Und dann sitze ich plötzlich mitten in einem schlechten Theaterstück.

— Es tut mir leid, — murmelte Katharina und sah hinaus in die schwarze Scheibe.

— Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen. Sie haben sich vollkommen korrekt verhalten.

Katharina schwieg.

Korrekt? Sie hatte zugelassen, dass Theresa die Schlüssel an sich nahm. Sie hatte zugelassen, dass in ihren Unterlagen herumgewühlt wurde. Sie hatte zugelassen, dass ihr Schweigen als Schwäche ausgelegt wurde.

Als sie ihre Wohnung betrat, blieb das Licht aus.

Im Vorraum war es still. Kein Fernseher brummte. Keine schweren Schritte von Florian ließen den Boden knarren.

Katharina ging in die Küche. Der Tisch war leer und sauber.

Sie nahm ihr Handy, öffnete den Zugang zum digitalen Grundbuch und beantragte einen aktuellen Grundbuchauszug. Zehn Minuten später war die Datei da.

Sie öffnete das PDF.

Eigentümerin: Katharina Barysheva. Belastungen und Beschränkungen: keine eingetragen.

Ihr Name.

Nur ihr Name.

Katharina legte das Handy auf den Tisch. Genau dorthin, wo zuvor die fremde rote Mappe gelegen hatte. Jetzt war dieser Platz leer. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich diese Leere richtig an.

Würde sie Menschen, die sich Familie nannten, jemals wieder vertrauen können?

Hedis Stube