Florian ist ebenfalls zu ihr ans Fenster getreten.
„Sie hat angerufen“, sagte er leise. „Sie hat gemeint, sie wird uns vermissen.“
Lena hat darauf nichts erwidert. Ihr Blick ist über die Lichter der Stadt gewandert, während ihr bewusst geworden ist, dass sie morgen zum ersten Mal seit einem Jahr in wirklicher Ruhe aufwachen würde. Ohne Bemerkungen über das Frühstück. Ohne gut gemeinte Belehrungen, wie man das Bett „ordentlich“ macht.
„Lena“, Florian legte ihr die Arme um die Schultern, „es tut mir leid. Ich hätte mich viel früher vor dich stellen müssen.“
„Ja“, sagte sie ruhig und blieb in seiner Umarmung. „Das hättest du. Aber du hast es nicht getan. Du hattest mehr Angst davor, deine Mutter zu verletzen, als davor, mich zu verletzen.“
„Ich hab geglaubt, du hältst das schon aus …“
„Hab ich ja auch. Bis heute.“ Lena drehte sich zu ihm um. „Aber als sie meine Sachen weggeworfen hat, war Schluss. Das war nicht nur ein Überschreiten von Grenzen. Das war eine Demütigung.“
Florian senkte den Blick und nickte.
„Jetzt versteh ich es.“
Der folgende Monat ist in einer ungewohnten Stille vergangen. Theresa hat ihren Sohn weiterhin täglich angerufen, doch mit Lena hat sie kein Wort gewechselt. Lena begann nach und nach, der Wohnung wieder ihr eigenes Gesicht zu geben. Sie entfernte fremde Dekostücke, hängte Bilder um und stellte die Möbel wieder so, wie es ihr gefiel.
Als Florian die übrigen Sachen seiner Mutter aus dem Zimmer holte, half Lena ihm beim Einpacken. Sie sprachen kaum miteinander, doch es lag kein Hass in der Luft. Es war einfach eine Arbeit, die schon längst hätte erledigt werden müssen.
„Und wenn Mama jetzt überhaupt nichts mehr mit uns zu tun haben will?“, fragte Florian, während er ihre Wolldecken in einen Karton legte.
„Das wird sie nicht“, antwortete Lena gelassen. „Sie wird nur lernen müssen, dass es Grenzen gibt.“
Und tatsächlich stand Theresa zwei Monate später zum ersten Mal wieder vor ihrer Tür. Sie brachte einen Kuchen mit und benahm sich beinahe übertrieben höflich. Sie kritisierte Lenas Essen nicht, gab keine Ratschläge und rückte nicht einmal die kleinste Schale auf dem Tisch zurecht.
Beim Essen fragte sie irgendwann vorsichtig:
„Lena … diese rote Bluse … meinst du, man könnte irgendwo zufällig noch so eine kaufen?“
Lena sah ihre Schwiegermutter ruhig an.
„Man hätte sie auch einfach nicht wegwerfen müssen.“
Theresa nickte langsam.
„Ich bin damals vielleicht ein bisserl zu weit gegangen. Ich hab doch nur gedacht, ich mach es besser.“
„Besser ist es, wenn man vorher fragt“, sagte Lena. Ihre Stimme war nicht scharf, aber fest.
Nachdem Theresa gegangen war, blieb Florian eine Weile im Vorzimmer stehen und sagte schließlich:
„Sie ist anders geworden.“
Lena schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie hat nur begriffen, dass ich mich wehren kann. Und dass ich sie sehr wohl in ihre Schranken weisen werde, wenn es nötig ist.“
Sie standen mitten in ihrer Wohnung und hielten einander fest. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich dieser Ort wieder wie ihr Zuhause an. Lena begriff, dass man manchmal die Zähne zeigen muss, damit andere aufhören, einen für wehrlos zu halten. Und dass Liebe zur Familie nicht bedeutet, sich selbst darin restlos aufzugeben.
Theresa rief von da an seltener an. Und wenn sie kommen wollte, fragte sie zuerst, ob es gerade passe. Sie hatte gelernt, an der Tür zu läuten, statt einfach mit dem eigenen Schlüssel hereinzukommen. Lenas Dinge rührte sie nie wieder ohne Erlaubnis an.
Denn sie hatte verstanden: Jeder Mensch braucht seine Grenzen. Auch innerhalb der Familie. Gerade dort.
