— Deine Teller sind aber erstaunlich schlicht, Anna, — sagte meine Schwiegermutter und drehte das schneeweiße Porzellan prüfend zwischen den Fingern. — Nach so einer Renovierung hätte ich gedacht, ihr richtet euch ein bissl großzügiger ein.
Elisabeth ließ ihren Blick langsam durch unsere Wohnküche wandern, die Lukas und ich gerade erst fertig eingerichtet hatten. Sie schaute alles an, als müsste sie ein neu übergebenes Objekt abnehmen.
Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
— Mir gefallen sie, — antwortete ich und zwang mich zu einem möglichst freundlichen Lächeln. — Sie sind klar, ruhig und ohne unnötigen Schnickschnack.
— Schlichtheit ist ja schön und gut, solange man es nicht übertreibt, — mischte sich Katharina ein, meine Schwägerin. Sie lehnte bequem am Stuhl zurück und stocherte gelangweilt mit der Gabel im Salat herum. — Sonst landet man irgendwann beim völligen Verzicht. In unserer Familie hat man immer Wert gelegt auf… Substanz.

Neben mir ist Lukas kaum merklich steif geworden. Genau so reagierte er jedes Mal, wenn seine Mutter und seine Schwester mit ihren belehrenden kleinen Angriffen begannen.
— Ich finde, Anna hat einen sehr sicheren Geschmack, — sagte er ruhig und legte seine Hand über meine.
— Das bestreitet ja keiner, — schnaubte Katharina. — Wir sind halt anders geprägt. Uns hat man von klein auf beigebracht, uns mit Dingen zu umgeben, die Bedeutung haben. Dinge mit Geschichte.
Weißt du noch, Mama, diese Garnitur von der Urgroßmutter? Das war ein Möbelstück! Nicht so wie euer… — sie machte eine vage Handbewegung in Richtung unseres neuen Sofas, — diese gesichtslose Geometrie.
Ich sagte nichts und holte tief Luft. Eine Diskussion hätte ohnehin keinen Sinn gehabt. In ihrem Weltbild war ich ein Fremdkörper.
Ein Mädchen aus einer ganz gewöhnlichen Familie, ohne antike Kommoden, ohne Familienlegenden über industrielle Vorfahren und ohne geerbte Kostbarkeiten. Mein einziges „Vermögen“ war meine Liebe zu ihrem Sohn und Bruder. Und selbst dieses Vermögen galt in ihren Augen offenbar als fragwürdig.
Dann glitt das Gespräch zu Katharinas Arbeit hinüber. Sie war in einem großen Architekturbüro beschäftigt und erzählte nun mit sichtbarer Begeisterung von einem neuen Projekt, das man ihr anvertraut hatte.
— Unser Chef ist natürlich ein Viech. Alte Schule, eiserne Disziplin, null Nachsicht — aber ein Genie! — Katharinas Augen leuchteten. — Wenn ich dieses Projekt sauber über die Bühne bringe, wird das mein Durchbruch. Er schätzt keine Schmeichelei, nur Ergebnisse. Ich hab ihm schon zwei Entwürfe gezeigt, und er hat so… gebrummt. Und wenn er brummt, ist das bei ihm fast schon ein Lob!
Ich hörte ihr zu und musste mir ein Lächeln verkneifen. Diese Art zu brummen kannte ich nur zu gut. Mein Vater, Florian, hat sein Leben lang genau so reagiert, wenn ihm etwas gefallen hat, er es aber noch nicht zu früh zeigen wollte.
— Ja, zu solchen Leuten vorzudringen, ist wirklich nicht leicht, — bestätigte Elisabeth mit der Miene einer Kennerin. — Das ist etwas anderes, als Annas Blumentöpfe umzustellen. Da braucht man Biss. Bei uns zählt eben der richtige Biss.
