„Deine Teller sind aber erstaunlich schlicht, Anna,“ sagte meine Schwiegermutter und drehte das schneeweiße Porzellan prüfend zwischen den Fingern

Schlichtheit ist befreiend, Spießigkeit ist erbärmlich.
Geschichten

Elisabeth hat mich von oben herab gemustert, und genau in diesem Augenblick ist in mir etwas kalt geworden. Es war nicht einmal Kränkung. Eher eine Müdigkeit, die sich tief in die Knochen legt.

Diese endlose Erschöpfung davon, dauernd beweisen zu müssen, dass ich nicht einfach irgendwer bin.

— Darum geht es doch gar nicht, Mama, — hat Katharina plötzlich gedehnt gesagt und ihren Teller ein Stück von sich weggeschoben. Dann hat sie mich direkt angesehen. Ihr Blick war scharf, fast wie eine Glasscherbe. — Es ist nur… Anna ist anders.

Sie sei gewiss eine gute Frau für Lukas, fügte sie hinzu. Aber man müsse eben ehrlich sein: In unsere Familie passe ich nicht ganz hinein. Bei ihnen gebe es andere Zeichen, andere ungeschriebene Regeln, andere Codes.

Sie hat das ganz ruhig ausgesprochen, beinahe beiläufig, und gerade deshalb haben ihre Worte so laut in mir nachgehallt. Lukas hat scharf Luft geholt, bereit, sofort loszulegen, doch unter dem Tisch habe ich seine Hand nur fester gedrückt.

Nicht jetzt.

Der restliche Abend ist steif und verkrampft verlaufen. Kaum war die Wohnungstür hinter den Gästen ins Schloss gefallen, ist Lukas explodiert.

— Das geht endgültig zu weit! Was sollen das bitte für „Codes“ sein? Was redet sie da für einen Unsinn? Ich rede mit ihnen. Gleich morgen!

— Lass es, — habe ich gesagt und den Kopf geschüttelt, während ich die Teller zusammengestellt habe. Meine Hände haben leicht gezittert. — Es würde nichts ändern. Im Gegenteil. Sie würden sich nur bestätigt fühlen und behaupten, ich würde dich gegen sie aufbringen und mich bei dir ausweinen.

— Aber das kann man doch nicht einfach schlucken!

— Werden wir auch nicht, — habe ich ihn angesehen. — Wir müssen nur anders vorgehen.

Die nächsten zwei Wochen ist es verhältnismäßig ruhig geblieben. Trotzdem hat die Spannung in der Luft gehangen wie ein Gewitter, das noch nicht losbricht. An einem Abend hat Lukas angerufen. Schon an seiner Stimme habe ich gemerkt, dass etwas nicht gestimmt hat.

— Anna, es geht um Katharina… sie hat massive Schwierigkeiten in der Arbeit.

— Was ist passiert? — habe ich gefragt und mein Buch zur Seite gelegt.

— Dieses Projekt, von dem sie dauernd geredet hat. Ihr Chef hat sämtliche Entwürfe abgeschmettert. Er hat gemeint, das sei ein „Mottenkistl voller Ideen“, und ihr drei Tage gegeben, um etwas völlig Neues vorzulegen. Sonst ist sie weg. Sie ist komplett fertig.

Mir ist das Herz einen Schlag lang stehen geblieben. Ich kannte meinen Vater. Wenn Florian solche Worte verwendete, dann stand es wirklich schlecht. Er war keiner, der leichtfertig mit Ultimaten um sich warf.

— Sie gibt natürlich allen anderen die Schuld, — hat Lukas weitergesprochen. — Der Chef sei ein Tyrann, ihre Ideen seien großartig, er habe sie nur nicht verstanden… und Elisabeth gießt selbstverständlich noch Öl ins Feuer.

— Und was glaubst du? — habe ich vorsichtig gefragt.

— Ich glaube, Katharina klammert sich viel zu sehr an „Beständigkeit“ und „Tradition“. Sie wollte offenbar etwas Wuchtiges, Monumentales schaffen. Der Auftraggeber hat aber wahrscheinlich Leichtigkeit gewollt. Luft. Offenheit.

In diesem Moment ist in meinem Kopf ein Gedanke aufgeblitzt. Kühn, riskant — und zugleich der einzige, der Sinn ergab.

Ich bin schließlich selbst Architektin, auch wenn ich später nie in diesem Beruf gearbeitet habe und in die Gartengestaltung gewechselt bin. Aber aufgehört zu zeichnen habe ich nie.

Hedis Stube