„Deine Teller sind aber erstaunlich schlicht, Anna,“ sagte meine Schwiegermutter und drehte das schneeweiße Porzellan prüfend zwischen den Fingern

Schlichtheit ist befreiend, Spießigkeit ist erbärmlich.
Geschichten

Für mich selbst. Meine Entwürfe waren das genaue Gegenteil von dem, was Lukas beschrieben hatte: filigrane Träger, grosse Glasflächen, Räume, die nach draussen offen waren, als würden Haus und Garten ineinander übergehen. Genau diese Leichtigkeit, die mein Vater immer so geliebt hatte.

Als Lukas am Abend heimkam, sass ich am Esstisch. Vor mir lagen alte Zeichenmappen, vergilbte Transparentpapiere und Kartons mit Skizzen, die ich seit Jahren nicht mehr hergezeigt hatte.

„Na, kramst du in alten Zeiten?“ Er trat hinter mich und legte mir die Arme um die Schultern.

„Ich sortiere nur ein bisserl aus“, sagte ich beiläufig und schob ein paar Blätter scheinbar zufällig ganz nach oben. „Da hat sich so viel angesammelt. Einiges gehört endlich weg.“

Dann tippte ich auf eine Mappe am Rand des Tisches.

„Könntest du die morgen vielleicht in die Garage mitnehmen? Stell sie irgendwo hin, wo man sie sieht. Sonst vergesse ich wieder, dass ich sie später holen wollte.“

Lukas nickte, ohne weiter darüber nachzudenken. Für ihn war es bloss eine Mappe mit altem Papier. Ich aber wusste, dass Katharina, wenn sie sich elend fühlte und niemanden sehen wollte, oft in die Familiengarage fuhr. Dort hatte sie sich in einer Ecke eine kleine Werkstatt eingerichtet.

Ich legte ihr nichts in den Mund. Ich drängte sie zu nichts. Ich liess ihr nur eine Möglichkeit da. Einen Rettungsring für jemanden, der gerade das Gefühl hatte, nirgends dazuzugehören. Was sie damit machte, lag nun bei ihr. Sie konnte ihn aus Stolz liegen lassen. Oder sie konnte ihren Groll hinunterschlucken und zugreifen.

Drei Tage vergingen. Drei Tage, in denen die Stille fast hörbar war. Ich stellte Lukas keine Fragen, und er schien selbst davor zurückzuschrecken, das Thema auch nur anzuschneiden. Am vierten Tag stürmte er in die Wohnung, als hätte er unterwegs Flügel bekommen.

„Du glaubst nicht, was passiert ist! Katharina! Ihr Projekt ist angenommen worden!“

Er packte mich, hob mich hoch und drehte mich mitten im Zimmer im Kreis.

„Der Chef war völlig begeistert! Er hat gesagt, genau so etwas habe er sich vorgestellt. Frisch, mutig, genial! Er hat sie sogar als Glücksgriff fürs Büro bezeichnet. Als Glücksgriff! Kannst du dir das vorstellen?“

Ich lächelte, während sich in meiner Brust eine warme, ruhige Erleichterung ausbreitete. Mein Plan war aufgegangen.

„Sie ist ganz ausser sich vor Freude“, redete Lukas weiter. „Sie meint, es sei ihr plötzlich wie eine Eingebung gekommen. Sie hat sich in der Garage eingeschlossen, und auf einmal war die Idee da.“

„Das hat sie gut gemacht“, sagte ich leise. „Ich freu mich wirklich für sie.“

Elisabeth liess sich natürlich keine Minute Zeit und organisierte sofort ein Festessen. „Katharinas Triumph muss gefeiert werden!“, verkündete sie am Telefon. Mir war klar, dass das kein gewöhnlicher Abend werden würde.

Es würde ein Auftritt werden. Eine Feier ihrer Familie, ihrer Stärke, ihrer besonderen Art, Dinge an sich zu reissen. Und mir war die Rolle zugedacht, still daneben zu sitzen und höflich zu lächeln.

Diesmal bestand ich darauf, dass das Essen bei uns stattfand. Und ich bat Lukas, noch einen Gast einzuladen.

„Deinen Papa?“ Er schaute mich überrascht an. „Du weisst doch, dass er solche Runden nicht besonders mag.“

„Bitte“, sagte ich. „Sag ihm, dass ich ihn vermisse. Und dass ich sein Lieblingsrisotto mache.“

Katharina strahlte an diesem Abend. Sie schwebte beinahe durch unser Wohnzimmer und nahm die Glückwünsche entgegen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Elisabeth betrachtete ihre Tochter voller Verzückung; zwischendurch glitt ihr Blick immer wieder zu mir.

Hedis Stube