Ein Blick, in dem klar zu lesen war: „Siehst du? Das ist eben unser Blut.“
„Ich hab immer gewusst, dass in dir Rückgrat steckt, mein Kind“, sagte sie und strich dabei an der Serviette herum. „Euer Chef, dieser Florian, ist ja keiner, den man mit ein bissl Blendwerk beeindruckt. So jemanden fangt man nicht mit leeren Hülsen. Er hat dein Können erkannt. Unser Können.“
Genau in diesem Augenblick läutete es an der Tür.
„Ah, das wird wahrscheinlich mein Papa sein“, sagte ich und stand auf. „Ich hab ganz vergessen, euch Bescheid zu sagen.“
Draußen auf der Schwelle stand mein Vater. Ich schloss ihn fest in die Arme und führte ihn dann ins Wohnzimmer.
„Darf ich vorstellen: Das ist mein Papa, Florian.“
Katharina, die gerade noch ein Glas in der Hand gehalten hatte, erstarrte mitten in der Bewegung. Das Glas kippte langsam zur Seite, und ein paar Tropfen Sekt landeten auf dem Boden.
Elisabeth, die eben noch selbstzufrieden gelächelt hatte, verlor nach und nach jede Farbe im Gesicht.
„Florian …?“, hauchte Katharina.
„Grüß Gott, Katharina“, sagte mein Vater ruhig und nickte ihr zu. Seine Augen verengten sich kaum merklich. „Mit Ihnen hier hätte ich nicht gerechnet. Aber ja, die Welt ist klein.“
Dann wanderte sein Blick von meiner wie versteinerten Schwägerin zu mir und weiter zu dem Tisch, auf dem meine angeblich so schlichten Teller standen.
„Anna, mein Kind, das schaut wunderbar aus. Genau so, wie ich es gern mag. Unaufgeregt und mit Geschmack.“
Die Stille, die sich daraufhin über den Raum legte, war so dicht, dass man sie beinahe mit den Händen greifen hätte können.
Lukas schaute zuerst mich an, dann seine Schwester, dann meinen Vater. In seinen Augen begann sich langsam etwas zu ordnen, als würde ein fehlendes Stück endlich an seinen Platz fallen.
„Papa, setz dich doch“, sagte ich und nahm ihn unter den Arm. „Wir haben gerade Katharinas Erfolg gefeiert. Sie hat ein beeindruckendes Projekt vorgestellt.“
„Ja, ich weiß“, erwiderte mein Vater, setzte sich an den Tisch und sah Katharina direkt an. „Ein sehr interessantes Projekt. Vor allem die Fassadengestaltung.“
Er machte eine kurze Pause.
„Eine ungewöhnliche Lösung. Sie hat mich, wissen Sie, stark an die Studienarbeiten meiner Tochter erinnert. Sie hatte damals einen ähnlichen Zugang. Diese Leichtigkeit, diese erkennbare Handschrift. Schon damals hab ich mir gedacht, aus ihr wird einmal etwas.“
Er sagte das vollkommen ruhig. Ohne Vorwurf, ohne erhobene Stimme, als würde er lediglich eine sachliche Beobachtung aussprechen.
Für Katharina und ihre Mutter klang es dennoch wie ein Urteil. Das Gesicht meiner Schwägerin wurde flammend rot vor Scham. Sie senkte den Blick und brachte es nicht fertig, weder mich noch ihren eigenen Chef anzusehen.
Elisabeth saß stocksteif da, als hätte sie einen Besenstiel verschluckt. Ihr Gesicht war inzwischen kreideweiß.
All ihre Überheblichkeit, dieses Gerede von Herkunft, Klasse und angeblicher Substanz, zerfiel in einem einzigen Moment zu Staub.
Ich sah zu Lukas hinüber. Er kam zu mir, nahm meine Hand und drückte sie fest. In seinem Blick lagen Liebe, Staunen und etwas wie Stolz.
Und da begriff ich: Von „Codes“ und „Signalen“ würde ich nie wieder etwas hören. Von nun an würden sie lernen müssen, meine zu verstehen.
