„Ihr Sohn“, entgegnete mein Vater und sah zu Lukas hinüber, „hat soeben meine Tochter geheiratet. In meinem Lokal. Bei einer Feier, die ich bezahlt habe. Und Sie haben sie vor allen Leuten gedemütigt.“
„Lukas!“ Theresa fuhr zu ihrem Sohn herum. „Sag doch etwas!“
Lukas blieb sitzen. Sein Blick klebte am Teller, die Hände hatte er im Schoß ineinander verkrampft.
„Lukas!“, rief Theresa noch einmal.
Keine Antwort.
Mein Vater wandte sich nun direkt an ihn.
„Lukas“, sagte er ruhig, „stehst du zu deiner Mutter? Oder zu deiner Frau?“
Langsam hob Lukas den Kopf. Er schaute meinen Vater an, dann Theresa, dann mich.
„Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Sag, dass deine Mutter gehen soll“, sagte mein Vater.
„Aber sie ist doch meine Mama …“
„Und Katharina ist deine Frau. Der du vor einer Stunde versprochen hast, sie zu lieben und zu beschützen.“
Lukas öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus.
Da drehte sich mein Vater wieder zu Theresa.
„Theresa. Sie verlassen jetzt mein Restaurant.“
„Sie können mich doch nicht hinauswerfen!“, schrie sie.
„Doch. Ich bin der Eigentümer. Und ich darf jede Person des Hauses verweisen, die hier Unruhe stiftet. Die Überwachungskamera zeichnet alles auf. Hundert Gäste haben gehört, was Sie gesagt haben. Gehen Sie freiwillig, oder ich rufe den Sicherheitsdienst.“
Theresa wurde zuerst puterrot, dann kreidebleich. Schließlich riss sie ihre Handtasche an sich.
„Lukas, wir gehen!“
„Nein“, sagte mein Vater scharf. „Lukas ist mein Schwiegersohn. Er ist hier willkommen. Sie nicht.“
„Lukas!“, kreischte Theresa. „Kommst du jetzt mit mir oder nicht?“
Lukas sah mich an. Danach seine Mutter. Dann meinen Vater.
„Ich … ich muss mit Mama mitgehen.“
„Nein“, sagte mein Vater. „Das musst du nicht.“
„Aber sie ist allein …“
„Sie ist eine erwachsene Frau“, erwiderte mein Vater. „Sie wird heimfinden.“
Lukas stand auf. Er ging zu seiner Mutter.
„Tut mir leid, Katharina“, sagte er über die Schulter. „Ich muss schauen, ob bei ihr alles in Ordnung ist.“
Und dann ging er.
Mit ihr.
Hinaus aus dem Restaurant.
Weg von seiner eigenen Hochzeit.
Hundert Gäste saßen da wie erstarrt. Niemand wusste, wohin mit sich, niemand wagte auch nur zu flüstern.
Mein Vater kam zu mir, nahm meine Hand und drückte sie fest.
„Katharina, mein Schatz. Kannst du aufstehen?“
Ich nickte und erhob mich. Meine Knie zitterten so stark, dass ich mich kaum halten konnte.
Mein Vater führte mich zum Mikrofon.
„Liebe Gäste“, begann er. „Ich bitte Sie alle um Entschuldigung für diesen Vorfall. Mein Schwiegersohn hat beschlossen, seine eigene Hochzeitsfeier zu verlassen. Gemeinsam mit seiner Mutter. Das ist seine Entscheidung.“
Er hielt inne, zog ein Taschentuch hervor und wischte sich über die Augen.
„Aber meine Tochter ist noch hier. Und wir werden weiterfeiern. Weil sie es verdient hat. Sie verdient einen schönen Abend. Mit Menschen, die sie lieben. Und die sie achten.“
Irgendwo begann jemand zu klatschen. Dann noch jemand. Und noch einer.
Nach wenigen Augenblicken applaudierte der ganze Saal.
Ich stand beim Mikrofon. Im Brautkleid. Ohne Bräutigam.
Mein Vater legte die Arme um mich.
„Wollen wir heimfahren, Schatz?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Wir bleiben. Wir feiern weiter.“
„Bist du dir sicher?“
„Ja. Weil du recht hast. Ich habe mir das verdient.“
Die Hochzeit ging weiter. Ohne Bräutigam. Ohne Schwiegermutter.
Ich tanzte mit meinem Vater. Danach mit meinem Cousin. Dann mit meiner Cousine. Ich aß Torte, lachte über die Schmähs meines Onkels und trank Sekt.
Und trotzdem wartete ich jede einzelne Minute darauf, dass Lukas zurückkam.
Er kam nicht.
Um Mitternacht ging ich hinaus. Vor dem Restaurant setzte ich mich auf eine Bank. Der Mond stand hell am Himmel, und rundherum war es still.
Kurz darauf kam mein Vater nach. Er setzte sich neben mich.
„Wie geht’s dir?“
„Ich weiß es nicht, Papa.“
„Hat er angerufen?“
„Nein.“
Mein Vater nickte. Eine Weile sagte er gar nichts. Dann sprach er leise:
„Katharina, darf ich dir etwas sagen?“
„Ja.“
„Lukas hat heute eine Entscheidung getroffen. Nicht seine Mutter für ihn.“
