Stattdessen hatte ich Angst.
Denn am Abend davor war Theresa in unsere Wohnung gekommen — in jene Wohnung, die ich seit acht Monaten mit Lukas geteilt hatte — und hatte gleich in der Tür gesagt:
„Ich glaub nicht, dass diese Hochzeit morgen stattfinden wird.“
Lukas stand gerade bei der Kaffeemaschine. Er hat sich langsam umgedreht.
„Mama, bitte. Nicht heute.“
„Mein Bub, ich sag dir nur, wie es ist. Dieses Mädchen passt nicht zu dir.“
„Mama, ich liebe sie. Wir sind verheiratet.“
„Noch nicht“, hat sie ihn verbessert. „Bis jetzt ist das nur ein Papier. Morgen kommt erst die Feier, der ganze Auftritt. Und ich sag dir: Überleg es dir noch einmal.“
Ich stand in der Küche und brachte keinen Atemzug heraus.
Lukas schaute zu mir. Dann wieder zu seiner Mutter.
„Mama, darüber diskutieren wir nicht. Das Thema ist erledigt.“
„Schon gut, schon gut“, seufzte Theresa. „Aber komm mir später nicht damit, ich hätte dich nicht gewarnt.“
Dann ist sie gegangen.
In dieser Nacht hab ich kein Auge zugemacht. Irgendwann legte ich den Kopf an Lukas’ Schulter und flüsterte:
„Was, wenn sie recht hat?“
„Hat sie nicht“, sagte Lukas sofort. „Katharina, meine Mutter ist halt … du weißt, wie sie ist. Sie wird sich daran gewöhnen.“
„Seit acht Monaten versucht sie, sich an mich zu gewöhnen“, murmelte ich. „Und trotzdem gibt sie mir ständig das Gefühl, nicht gut genug zu sein.“
„Weil sie gewohnt war, dass ich nur zu ihr gehöre. Ich war immer ihr Muttersöhnchen. Aber jetzt bin ich dein Mann. Und morgen werden es alle sehen.“
Er ist eingeschlafen. Ich nicht.
Am Morgen half mir meine Mama ins Kleid. Weiß, schlicht, wunderschön. Im Spiegel sah ich aus, als wäre ich aus einem Märchen gefallen.
„Du bist so schön, Katharina“, sagte Mama, und ihre Augen glänzten vor Tränen.
„Mama, ich hab Angst.“
„Wovor denn, mein Schatz?“
„Dass Theresa die Hochzeit ruiniert.“
Mama schüttelte entschieden den Kopf.
„Das kann sie nicht. Dein Papa lässt das nicht zu. Das ist unser Tag. Dein Tag. Und dein Vater weiß genau, was das bedeutet.“
Mein Vater besaß das Restaurant „Zur Goldenen Gans“ — das beste Lokal in unserer Stadt. Hochzeiten, Geburtstage, Firmenfeiern: Alles wurde dort ausgerichtet. Jeder kannte ihn. Jeder respektierte ihn.
Und heute richtete er die Hochzeit seiner Tochter aus.
Als wir im Restaurant ankamen, war der Saal voll. Hundert Gäste. Überall Blumen. Musik. Die Tische waren so schön gedeckt, als hätte man sie direkt aus einer Zeitschrift genommen.
Mein Vater führte mich zum Trauplatz. Ich ging neben ihm. Lukas wartete schon. Er lächelte.
Die Zeremonie fand statt. Wir gaben einander unser Versprechen. Wir küssten uns. Alle klatschten.
Dann nahmen wir an den Tischen Platz.
Dann kam der erste Trinkspruch.
Und dann erhob sich Theresa. Sie nahm das Mikrofon.
Und sagte diese Worte.
Jetzt stand mein Vater beim Mikrofon. Sein Blick ruhte auf Theresa, die an ihrem Tisch saß und noch immer dieses selbstgefällige Lächeln im Gesicht hatte.
„Guten Abend“, sagte mein Vater ruhig. „Ich bin Sebastian. Der Vater der Braut. Und der Eigentümer dieses Restaurants.“
Theresa stockte. Ihr Lächeln fiel ihr aus dem Gesicht.
„Theresa“, fuhr mein Vater fort, „Sie haben soeben meine Tochter gedemütigt. An ihrem Hochzeitstag. Vor hundert Gästen. In meinem Lokal.“
„Sebastian, ich habe doch nur die Wahrheit gesagt …“
„Schweigen Sie“, unterbrach er sie.
Nicht laut. Nicht grob. Nur so fest, dass kein Widerspruch möglich war.
Theresa klappte den Mund zu.
„Das hier ist mein Restaurant“, sagte mein Vater. „Ich entscheide, wer hier bleiben darf. Und Sie, Theresa, haben dieses Recht gerade verloren.“
„Was soll das heißen?“ Theresa sprang auf.
„Das heißt, dass ich Sie bitte, diesen Saal zu verlassen. Sofort.“
Hundert Menschen verstummten. Niemand rührte sich. Es war, als hielte der ganze Raum den Atem an.
Theresa lachte auf — dünn, unsicher, viel zu schrill.
„Das meinen Sie doch nicht ernst? Mein Sohn hat hier gerade geheiratet!“
