Anna hat die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen lassen und sich mit dem Rücken gegen das kühle Metall gelehnt. In der Wohnung lag eine Stille, die ihr fremd vorkam, schwer und beinahe betäubend. An der Garderobe hing Florians graue Jacke nicht mehr, und aus dem Schuhregal waren auch seine geliebten braunen Schuhe verschwunden. Zwölf Jahre Ehe waren an diesem Morgen mit ein paar hastig hingeworfenen Sätzen im Vorzimmer zu Ende gegangen. Florian hat den Blick gesenkt, nervös den Reißverschluss seiner Tasche zugemacht und etwas von erkalteten Gefühlen gemurmelt, davon, dass er seine wahre Liebe gefunden habe und dass sie sich doch bitte vernünftig und zivilisiert trennen sollten.
Anna hat keine Szene gemacht. Sie hat ihn nicht angefleht zu bleiben, hat nicht geschrien, nicht geweint, nicht nach Erklärungen gesucht. Sie ist einfach dagestanden und hat stumm zugesehen, wie der Mensch, dem sie die besten Jahre ihres Lebens geschenkt hatte, feig zu einer anderen Frau davongelaufen ist. Zu genau jener Katharina, dieser jungen, ehrgeizigen Person, mit der Florian angeblich seit einem halben Jahr bloß an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet hatte.
Das schrille Läuten ihres Handys zerschnitt die Stille und riss Anna aus ihren dunklen Gedanken. Auf dem Display erschien der Name: „Theresa“. Ihre Schwiegermutter.
Anna atmete tief durch. Ausgerechnet jetzt mit Florians Mutter zu reden, war so ziemlich das Letzte, wonach ihr der Sinn stand. Theresa war immer schon eine Frau gewesen, die gern bestimmte und Widerspruch schlecht ertrug. Ihre Schwiegertochter hatte sie nie wirklich als eigenständigen Menschen gesehen, sondern eher als praktische Hilfe für alles, was ihr gerade lästig war. Die Betriebskosten für ihre Wohnung einzahlen, am Wochenende schwere Sackerl mit Lebensmitteln vorbeibringen, Geld für die Reparatur des Daches beim Wochenendhaus beisteuern — all das war am Ende regelmäßig an Anna hängen geblieben. Florian hatte sich aus solchen Angelegenheiten meist elegant herausgehalten und auf Arbeit, Stress oder Müdigkeit verwiesen.
„Ja, Theresa“, meldete sich Anna ruhig und nahm den Anruf an.

„Anna, grüß dich“, tönte es lebhaft aus dem Hörer, in diesem Tonfall, der gar nicht erst mit Einwänden rechnete. „Ich rufe wegen einer Sache an. Morgen kommt bei mir am Grundstück eine Partie vorbei, die den neuen Zaun aus Trapezblech aufstellen soll. Den Auftrag haben wir ja schon letzten Monat besprochen. Du musst mir heute Abend noch 450 Euro überweisen, damit ich die Anzahlung leisten kann. Und vergiss bitte nicht: Am Wochenende kommst du vorbei und hilfst mir, die alten Bretter abzubauen.“
Anna schloss für einen Moment die Augen. Vierhundertfünfzig Euro. Genau diese Prämie hatte sie zur Seite gelegt, weil sie sich endlich ein paar Tage in einem Kurhotel gönnen wollte. Drei Jahre lang hatte sie als leitende Administratorin in einem Bürgerservicezentrum fast ohne Urlaub durchgearbeitet, immer pflichtbewusst, immer erreichbar, immer verlässlich.
„Theresa, haben Sie heute eigentlich schon mit Ihrem Sohn gesprochen?“, fragte Anna mit gleichmäßiger Stimme.
Am anderen Ende der Leitung entstand eine schwere Pause. Mit dieser Frage hatte die Schwiegermutter ganz offensichtlich nicht gerechnet.
„Was hat Florian denn jetzt damit zu tun?“, fragte Theresa, und ihre Stimme rutschte sofort eine Spur höher. Gereiztheit mischte sich hinein. „Florian arbeitet, er sorgt für die Familie, der hat keine Zeit, sich um Zäune zu kümmern. Wir zwei haben das doch alles besprochen! Und überhaupt, Anna, was soll dieser Ton?“
„Mein Ton ist ganz normal, Theresa“, sagte Anna und richtete sich langsam auf. In ihr breitete sich eine kühle, feste Klarheit aus. „Florian sorgt nicht mehr für unsere Familie. Weil es unsere Familie nicht mehr gibt. Ihr Sohn hat heute in der Früh seine Sachen gepackt und ist zu seiner neuen Frau gezogen. Zu Katharina.“
Wieder schwieg Theresa. Doch diesmal hatte diese Stille einen anderen Klang.
