angespannt und berechnend. In diesem Augenblick hat Anna begriffen: Ihre Schwiegermutter hat längst Bescheid gewusst. Sie hat alles gewusst — und trotzdem angerufen, um Geld zu verlangen.
„Anna, jetzt mach doch bitte kein Theater daraus“, setzte Theresa an, scheinbar versöhnlich, doch in ihrer Stimme lag dieser herablassende Unterton, den Anna nur zu gut kannte. „Ein Mann ist halt einmal gestrauchelt. Das kommt vor. Das ist nichts Endgültiges. Er wird sich austoben und wieder zurückkommen. Du musst klüger sein, darfst nicht gleich alles zerschlagen. Eine Familie muss man zusammenhalten. Männer sind manchmal wie Kinder, denen muss man ein bisserl Luft lassen, damit sie merken, wo sie es eigentlich gut haben. Wart einfach ab. Und bis dahin müssen wir die Sache mit dem Zaun regeln. Die Arbeiter werden nicht warten, bis ihr zwei euch wieder einkriegt.“
Anna hörte ihr zu, und mit jedem Wort löste sich ein weiterer Schleier vor ihren Augen. All die Jahre hatte sie ehrlich geglaubt, sie hätten eine halbwegs normale Familie. Ja, es hatte Schwierigkeiten gegeben. Ja, Theresa war oft fordernd, manchmal sogar unverschämt gewesen. Aber Anna hatte sich immer gesagt: Das sind nun einmal die eigenen Leute. Familie eben.
Jetzt aber stand plötzlich alles in einem anderen Licht. Sie war für diese Menschen nichts anderes gewesen als eine praktische Geldquelle und eine unbezahlte Hilfskraft. Und selbst den Verrat ihres Sohnes war Theresa bereit, kleinzureden, solange nur ihre Bequemlichkeit nicht gefährdet wurde.
„Ich werde Ihnen nicht mehr helfen“, sagte Anna schließlich, und jedes einzelne Wort kam hart und klar über ihre Lippen. „Ihr Sohn ist zu einer anderen gegangen. Dann soll diese Dame sich ab jetzt um Sie kümmern.“
„Was redest du denn da für einen Unsinn?!“, schnappte Theresa empört nach Luft. „Welche Dame? Katharina ist ein feinfühliger Mensch, die ist für solche Dinge überhaupt nicht geschaffen! Und außerdem sind wir miteinander verwandt. Du kannst mich nicht einfach so behandeln! Ich habe den Leuten bereits zugesagt!“
„Sie haben zugesagt, also zahlen auch Sie“, erwiderte Anna. „Alles Gute, Theresa. Rufen Sie mich nicht mehr an.“
Sie beendete das Gespräch und sperrte die Nummer sofort. Danach ging sie in die Küche, nahm ein Glas aus dem Kasten und ließ kaltes Wasser hineinlaufen. Ihre Hände zitterten noch ein wenig von der Anspannung, doch in ihrer Brust wurde es auf einmal ungewohnt leicht. Als wäre ein schwerer Stein, den sie jahrelang mit sich herumgeschleppt hatte, endlich von ihren Schultern gefallen.
Zur selben Zeit saß Florian am anderen Ende der Stadt auf einem teuren Ledersofa in Katharinas großzügiger Wohnung. Das neue Leben, von dem er so lange geträumt hatte, begann deutlich anders, als er es sich ausgemalt hatte. Katharina hatte sich ihm gegenüber in einen Sessel gesetzt und tippte mit langen Fingernägeln ungeduldig auf das Display ihres Smartphones.
„Flo, erklär mir bitte, warum deine Mutter mir pausenlos das Handy heißlaufen lässt“, fragte sie kühl, ohne den Blick zu heben.
Florian schluckte nervös.
„Weißt du, Mama hat bei ihrem Wochenendhaus eine Renovierung angefangen. Sie will den Zaun austauschen lassen. Anna hat ihr bei solchen Sachen sonst immer geholfen, hat alles organisiert und das Geld überwiesen. Und jetzt, na ja, du verstehst schon, Anna hat sich geweigert. Mama ist völlig aufgebracht und bittet um Hilfe.“
Katharina legte das Handy langsam zur Seite und sah Florian lange an, mit einem Blick, der unangenehm tief ging.
„Anna hat geholfen. Anna hat Geld überwiesen“, wiederholte sie gedehnt. „Und jetzt möchtest du, dass ich das übernehme?“
„Nein, nein, Kathi, so meine ich das doch nicht!“, rief Florian hastig und hob beschwichtigend beide Hände. „Mama braucht nur vierhundertfünfzig Euro als Anzahlung für die Arbeiter. Ich hab mir gedacht, vielleicht nehmen wir einen Teil von dem Geld, das wir für den Urlaub am Meer zurückgelegt haben. Mit dem nächsten Gehalt gebe ich es sofort wieder hinein.“
Katharinas Gesicht verzog sich vor Empörung.
