„Ich habe meine wahre Liebe gefunden“ murmelte Florian, während er mit gesenktem Blick davonging und Anna fassungslos zurückließ

Die Stille war grausam, ungerecht und verräterisch.
Geschichten

„Sag einmal, Florian, bist du noch ganz bei Trost?“ Ihre Stimme wurde schneidend. „Ich habe dich in meine Wohnung gelassen, weil du mir ein angenehmes Leben, Zuwendung und Verlässlichkeit versprochen hast. Und kaum bist du da, soll ich schon für die Launen deiner Mutter aufkommen? Mein Geld gehört mir. Deine Mutter ist dein Problem. Wenn sie es gewohnt war, deiner Exfrau auf der Tasche zu liegen, heißt das noch lange nicht, dass sie jetzt auf meinen Nacken übersiedeln kann.“

Florian blinzelte fassungslos, als hätte er nicht verstanden, was sie eben gesagt hatte. In all den Jahren war er es gewohnt gewesen, dass Anna sämtliche Geldfragen mit seiner Mutter regelte. Anna hatte irgendwo immer eine Lösung gefunden, Anna hatte Spannungen abgefedert, Anna hatte Theresa beruhigt, wenn diese wieder einmal mit Vorwürfen und Forderungen angerückt war. Katharina hingegen war aus einem völlig anderen Holz geschnitzt. Sie zog eine messerscharfe Grenze zwischen den eigenen Interessen und den Schwierigkeiten anderer Leute.

„Aber Kathi, es ist doch meine Mama … Die Arbeiter kommen morgen. Was soll ich ihr denn sagen?“

„Sag ihr, sie soll die Arbeiter abbestellen“, erwiderte Katharina kalt und erhob sich aus dem Fauteuil. „Und richte ihr gleich aus, dass sie meine Privatnummer nicht mehr anrufen soll. Ich habe nicht vor, mir ihre Beschwerden anzuhören. Wenn du mich nicht vor deiner Verwandtschaft abschirmen kannst, dann müssen wir uns sehr ernsthaft überlegen, wie diese Beziehung überhaupt weitergehen soll.“

Florian blieb wie festgenagelt auf dem Sofa sitzen. Unter seinen Füßen schien plötzlich der Boden wegzusacken. Der Traum von einem schönen, sorglosen Leben an der Seite einer jungen, attraktiven Frau hatte den ersten tiefen Riss bekommen.

Am nächsten Tag, nachdem Theresa weder Anna noch ihren Sohn erreicht hatte, griff sie zu einer Methode, die sich in ihren Augen immer bewährt hatte: Sie wollte einen Auftritt hinlegen, und zwar vor Publikum. Also machte sie sich direkt auf den Weg in jenes Bürgerservicezentrum, in dem Anna arbeitete.

Der helle, weitläufige Saal war gut gefüllt. Menschen warteten auf den Sesseln, manche starrten auf die Anzeigetafel, andere hielten ihre Unterlagen fest in den Händen. Da flogen die Eingangstüren mit lautem Schwung auf, und Theresa trat herein, als gehöre ihr der ganze Raum. Zielstrebig marschierte sie zum Informationsschalter, hinter dem Anna gerade einem älteren Herrn ruhig erklärte, welche Unterlagen er für die Ausstellung eines Pensionsausweises benötigte.

„Anna!“, rief Theresa so laut, dass sich sofort mehrere Köpfe zu ihr umdrehten. „Warum hebst du nicht ab? Glaubst du wirklich, du kannst mich einfach aus deinem Leben streichen?“

Anna schenkte dem Kunden ein höfliches Lächeln, bat ihn, einen Augenblick zu warten, und wandte sich dann ihrer früheren Schwiegermutter zu. Ihr Gesicht blieb vollkommen kontrolliert, obwohl sich in ihr alles zusammenzog.

„Grüß Gott, Theresa“, sagte sie in einem gleichmäßigen, sachlichen Ton, wie sie ihn auch bei schwierigen Parteien verwendete. „Ich bin im Dienst. Wenn Sie ein Anliegen wegen Dokumenten haben, ziehen Sie bitte beim Terminal eine Nummer. Wenn es sich um eine private Angelegenheit handelt, ersuche ich Sie, das Gebäude zu verlassen. Sie stören hier den Arbeitsablauf.“

„Dokumente?“, fuhr Theresa empört auf und hob die Stimme noch weiter. „Bei mir stehen die Arbeiter beim Gartenhaus und warten auf ihr Geld! Und du sitzt da mit diesem steinernen Gesicht! Du hättest mir die vierhundertfünfzig Euro überweisen müssen! Zwölf Jahre lang habe ich dich ausgehalten, habe versucht, dir Vernunft beizubringen, und jetzt, nach dem ersten Streit mit deinem Mann, lässt du es an einer armen älteren Frau aus!“

Im Saal wurde es schlagartig still. Sogar das leise Rascheln von Papieren verstummte. Die wartenden Besucher beobachteten gebannt, wie sich die Szene vor ihren Augen entfaltete.

Anna senkte den Blick nicht. Sie sah der Frau direkt in die Augen, die sie jahrelang mit großen Worten über Familie, Pflicht und Dankbarkeit unter Druck gesetzt hatte.

„Theresa“, begann Anna ruhig, und in ihrer Haltung lag eine Festigkeit, die nun jeder im Raum bemerkte.

Hedis Stube