„Mamas Ring gebe ich nicht ins Pfandhaus. Nicht für einen Tag und nicht einmal für eine Stunde“, sagte Anna, stellte ihr Häferl auf den Tisch und drehte sich wieder zum Herd

Herzzerreißend, zugleich rücksichtslos und zutiefst unverantwortlich.
Geschichten

„Nein, Felix. Ich hab dir alles gesagt. Mamas Ring gebe ich nicht ins Pfandhaus. Nicht für einen Tag und nicht einmal für eine Stunde.“

Anna stellte ihr Häferl auf den Tisch und drehte sich wieder zum Herd. Hinter ihr hörte sie, wie ihr Mann schwer ausatmete. Dieses Gespräch führten sie nun schon den dritten Abend hintereinander, und sie spürte, dass ihr dafür langsam jede Kraft fehlte.

„Anna, du kapierst nicht, wie dringend das ist. Ich brauch das Geld sofort. In einer Woche kommt mein Gehalt, dann hol ich den Ring gleich wieder zurück. Der liegt dort nicht einmal richtig!“

„Ich hab dir andere Möglichkeiten genannt. Frag Elisabeth, nimm einen kleinen Kredit auf oder verkauf irgendeines deiner Geräte. Das hast du alles abgelehnt. Also lehne ich jetzt auch ab. Mamas Ring bleibt, wo er ist.“

„Ein Kredit dauert viel zu lang! Und Elisabeth wirst du dann ein halbes Jahr erklären müssen, wofür wir das Geld gebraucht haben!“

Anna wandte sich zu ihm um. Felix saß am Küchentisch und starrte an ihr vorbei, als wäre an der Wand hinter ihr etwas besonders Wichtiges. Seit Tagen wich er ihrem Blick aus, und gerade das machte ihr mehr Angst als alles andere.

„Wem schuldest du Geld, Felix? Du hast mir noch immer keine Antwort gegeben. Es geht um keine Kleinigkeit, und du druckst herum wie ein Bub, der an der Tafel nichts weiß.“

„Was spielt das für eine Rolle? Ich schulde es eben jemandem. Das ist meine Sache, ich bring das schon in Ordnung. Von dir brauch ich nur den Ring. Für ein paar Tage!“

„Von mir brauchst du“, wiederholte Anna langsam. „Interessant, wie du das sagst. Mama hat ihn mir damals… sie hat ihn vom Finger gezogen und mir in die Hand gelegt. Sie hat mich gebeten, ihn nie zu verkaufen. Diesen Ring hat schon ihre Mutter getragen, und davor ihre Großmutter. Begreifst du überhaupt, was du da von mir verlangst?“

„Ja, das begreif ich! Aber lebende Menschen sind wichtiger als ein Stück Gold!“

Anna verließ die Küche, bevor ihr Worte herausrutschten, die sie später bereuen würde. Im Schlafzimmer öffnete sie das kleine Schmuckkästchen und betrachtete lange den schmalen goldenen Reif mit dem alten Muster. Mamas Hände. Mamas Duft, der ihr manchmal noch immer aus Kleidern und Tüchern entgegenzukommen schien. Eineinhalb Jahre waren vergangen, doch die Wunde wollte einfach nicht verheilen.

Noch in derselben Nacht nahm Anna den Ring aus dem Kästchen und steckte ihn in die Tasche ihrer Winterjacke, die ganz oben im Kasten lag. Es tat ihr weh, etwas vor Felix zu verstecken. Elf Jahre waren sie zusammen, und nie hatte es Geheimnisse zwischen ihnen gegeben. Aber diese Unruhe nagte in ihr und ließ sie nicht einschlafen.

Drei Tage lang war Felix finster und schweigsam. Am vierten Abend taute er plötzlich auf, machte beim Essen Scherze und legte ohne Anlass die Arme um sie. Anna atmete erleichtert auf. Also hatte er eine Lösung gefunden. Vielleicht hatte ihm jemand etwas geborgt, vielleicht hatte er einen Aufschub bekommen.

Wie bitter sie sich getäuscht hatte.

Am Freitag kam Anna früher von der Arbeit heim. Sie wollte fürs Wochenende etwas Gutes kochen. Ohne selbst zu wissen, warum, stieg sie auf einen Sessel und griff nach dem oberen Fach im Kasten. Ihre Hand fand die Winterjacke, dann die Tasche – und darin nichts.

Nichts.

Wie von Sinnen begann sie zu suchen.

Hedis Stube