— Ich bitt dich, Katharina, welche fünfhundert Euro denn? Hast du dir ihre Abrechnungen überhaupt einmal angeschaut? — Elisabeths Stimme durchschnitt die abendliche Stille in der Küche wie ein scharfes Messer weiche Butter. Katharina blieb im Vorzimmer stehen, den zweiten Schuh hatte sie noch gar nicht ausgezogen. — Diese Schwiegertochter von dir hat sich heimlich eine Villa in Graz gekauft, während ihr daheim von Nudeln lebt. Ich sag dir: Die hält uns beide nicht einmal für richtige Menschen.
Katharina stand reglos da und drückte das Sackerl mit den Einkäufen an die Brust. Diät-Knäckebrot, magerer Topfen, frische Kräuter — das Übliche für ein gemeinsames Abendessen. Ganz unten lag auch eine Schachtel teurer Pralinen für Elisabeth, die Katharina jedes Mal „einfach so, zum Tee“ mitnahm, weil sie längst wusste, wie gern ihre Schwiegermutter diese Sorte mochte. Jetzt wirkte diese Schachtel, die sie ehrlich in der Absicht gekauft hatte, ihr eine Freude zu machen, plötzlich wie eine lächerliche Almosengabe.
In der Küche entstand ein kurzes Schweigen. Nur das helle Klirren eines Löffels am Rand einer Tasse war zu hören. Florian rührte nervös Zucker um. Genau das tat er immer, wenn seine Mutter wieder mit ihrem Lieblingsthema anfing.
— Mama, bitte, hör auf, — sagte Florian schließlich. Seine Stimme klang müde, aber nicht wirklich widersprechend. So bittet man jemanden nicht, zu schweigen, sondern höchstens, ein bissl leiser zu sein. — Was für eine Villa? Sie hackelt seit zehn Jahren wie verrückt. Wenn sie sich etwas aufgebaut hat, dann mit eigener Arbeit.
— Mit eigener Arbeit! — Elisabeth schnaubte verächtlich. — Und wessen Rücken machst du auf deiner Baustelle kaputt? Du bist mein Ingenieur! Und sie? Eine Krämerin! Sie hat keinen Finger gerührt, ist nur ins Fertige hineingefallen. Sitzt in ihrem Salon, feilt Nägel, und du darfst hinter ihr die Reste aufklauben.

Katharina schloss für einen Moment die Augen. Also so war das. Dass sie in zehn Jahren aus dem Nichts eine kleine Kette von Kosmetikstudios aufgebaut hatte, angefangen mit einem winzigen gemieteten Kellerlokal, war also „Nägel feilen“. Und ihr Mann, der seit zwölf Jahren auf derselben Stelle in einem Architekturbüro saß, mit einem sicheren Gehalt von rund siebenhundert Euro, „rackerte sich den Rücken krumm“.
Mit voller Absicht zog sie die Wohnungstür kräftig ins Schloss, damit man ihre Anwesenheit nicht überhören konnte.
— Ich bin daheim, — sagte sie laut, ging ins Wohnzimmer weiter und schaute nicht in Richtung Küche. — Will irgendwer essen?
Sofort schwebte Elisabeth aus der Küche heraus. Kräftig, würdevoll, mit einer hochgesteckten Frisur, die sie wie eine pensionierte Operndiva aussehen ließ. Theatralisch schlug sie die Hände zusammen.
— Ach, Katharinchen, wir haben gerade von dir geredet! Nur Gutes natürlich. Ich hab dem Flori gesagt, was er doch für ein Glück mit seiner Frau hat. Hübsch bist du, gescheit bist du, und verdienen tust du auch ordentlich.
Katharina sah ihr direkt in die hellen, leicht hervortretenden Augen. Tief darin schwamm etwas Dunkles, Zähes. Keine Zuneigung. Nicht einmal echter Hass. Neid.
— Danke, Elisabeth, — erwiderte Katharina trocken und ging in die Küche. — Ich bin müde. Sparen wir uns die Höflichkeiten. Ich hab gehört, was Sie gesagt haben.
Florian stand mit der Tasse in der Hand beim Fenster wie festgenagelt. Er hatte den Gesichtsausdruck eines Menschen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als plötzlich sehr weit weg zu sein. In der Antarktis vielleicht. Oder tief unten in einem Bergwerk.
— Was genau willst du denn gehört haben? — fragte Elisabeth herausfordernd und änderte augenblicklich ihre Taktik.
— Von der Villa in Graz, — sagte Katharina und begann, die Einkäufe auf den Tisch zu legen. Ihre Bewegungen waren ruhig, nur ihre Finger zitterten leicht vor Anspannung. — Von den Nudeln. Davon, dass ich Sie angeblich nicht für Menschen halte.
— Ist es leicht nicht wahr? — Elisabeth stemmte die Hände in die Hüften.
Das war der Augenblick, in dem etwas kippte. Vor einer Sekunde hätte man alles noch als dumme Bemerkung abtun können, als ein „Ach, so hab ich das doch nicht gemeint“. Katharina wartete. Sie sah zu Florian hinüber. Er schwieg. Er starrte in seine Tasse, als läge darin mindestens eine Schatzkarte.
— Was davon soll nicht wahr sein? — fragte Katharina leise.
— Alles ist wahr! Glaubst du, du bist etwas Besonderes? Meinst du, nur weil du ein bissl mehr Geld hast, bist du jetzt die Königin? Und dass Florians Vater und ich unser ganzes Leben in der Fabrik geschuftet haben, damit wir ihm diese Wohnung kaufen konnten — das hast du bequem vergessen? Wo würdet ihr denn heute wohnen, wenn es uns nicht gegeben hätte?
Katharina drehte sich zu ihr um. Langsam, sehr langsam, wie eine gespannte Feder, die nur unter strengster Kontrolle nachgibt.
— Ich habe es nicht vergessen, Elisabeth. Diese Wohnung haben Sie und Josef gekauft. Und ich war Ihnen dafür wirklich unendlich dankbar. Genau deshalb habe ich vor fünf Jahren, als wir die Generalsanierung gemacht haben, meine gesamten Ersparnisse hineingesteckt — fünfzehntausend Euro. Ich habe aus einer abgewohnten alten Wohnung ein modernes Zuhause gemacht. Damals haben Sie „danke“ gesagt und es am nächsten Tag schon wieder vergessen. Den Kredit für die Renovierung habe ich nach zwei Jahren zurückgezahlt. Allein. Ohne Ihre Hilfe.
Elisabeth war für einen Moment sprachlos. Sie war es nicht gewohnt, dass ihr jemand widersprach. In ihrer Familie galt seit jeher das Prinzip: Wenn Mama etwas sagt, haben alle zuzustimmen. Florian sagte weiterhin kein Wort.
— Aha, so redest du also jetzt mit mir! — Elisabeths Stimme bekam sofort diesen beleidigten, dramatischen Klang.
