„Diese Schwiegertochter von dir hat sich heimlich eine Villa in Graz gekauft“ — Elisabeth fauchte, während Katharina reglos mit dem Sackerl im Vorzimmer stand

So eine erbärmliche Verdächtigung schmerzt tief.
Geschichten

Sie drückte die Hände an die Brust, als hätte ihr plötzlich das Herz versagt.

— Florian, hörst du das? Sie wirft mir jetzt schon das Stück Brot vor! Ich habe ihr eine Wohnung geschenkt, und sie hält mir ihre Renovierung unter die Nase! Jetzt hat sie ein Geschäft, jetzt ist sie die große Unternehmerin! Und wir sind nur das einfache Fabriksvolk, ja? Das G’sindl vom Werk?

— Mama, jetzt reicht’s aber, — meldete sich Florian endlich. Er stellte sein Häferl ab und sah zu seiner Frau hinüber. — Katharina, warum musst du denn gleich so anfangen? Sie hat dich doch nur gefragt. Du fasst immer alles als Angriff auf. Wenn du willst, entschuldige ich mich halt für dich.

— Du entschuldigst dich für mich? — Katharina wiederholte es langsam. In ihr begann etwas zu klirren, als würde ein Draht bis zum Zerreißen gespannt. — Wofür genau willst du dich entschuldigen, Florian? Dafür, dass deine Mutter mich gerade eine Krämerseele genannt hat? Dafür, dass sie mein Geld als euer Geld betrachtet? Oder dafür, dass sie hinter meinem Rücken erzählt, ich würde euch „nicht für voll nehmen“?

— Du verdrehst ja alles! — kreischte Elisabeth auf. — Ich habe dir immer nur Gutes gewollt, mit offenem Herzen, und du…

— Und ich bin letzten Monat zu Ihnen gefahren, — fiel Katharina ihr ins Wort, zum ersten Mal in diesem Gespräch mit erhobener Stimme, — als bei Ihrem Wochenendhaus das Rohr geplatzt ist. Erinnern Sie sich? Ich habe drei Kunden stehen lassen, bin ins Auto gestiegen und nach Leoben gefahren. Weil Sie am Telefon geweint haben, Florian sei in der Arbeit und bei Ihnen stehe alles unter Wasser. Ich habe den Notdienst organisiert, den dringenden Einsatz bezahlt, eine neue Pumpe um hundertachtzig Euro gekauft und drei Stunden lang bis zu den Knien im eiskalten Wasser gestanden, während das Rohr getauscht worden ist. Daran erinnern Sie sich doch, Elisabeth?

Das Gesicht ihrer Schwiegermutter lief dunkelrot an.

— Habe ich dich etwa darum gebeten? — schrie sie. — Du bist von selber gekommen! Niemand hat dich herbestellt! Und die Pumpe war die billigste, ich habe im Internet nachgeschaut, es hätte welche gegeben, die doppelt so teuer gewesen wären! Und jetzt willst du mir deine Wohltaten aufzählen, als müsste ich dir bis ans Ende meines Lebens dankbar sein?

Katharina lachte auf. Es war kein fröhliches Lachen, sondern ein nervöses, scharfes, böses Geräusch, das ihr selbst völlig unerwartet entfuhr.

— Die billigste? — fragte sie zurück. — Elisabeth, das war eine italienische Pumpe, die beste in ihrer Klasse. Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass ich Ihnen ständig helfe. Monat für Monat. Einmal mit Geld, dann wieder mit Lebensmitteln, dann mit Geräten. Als Sie krank waren, habe ich Ihnen Medikamente gebracht. Als Sie ein Handy gebraucht haben, habe ich Ihnen meines gegeben, obwohl es fast neu war. Und als Florian kein Geld für Ihr Geburtstagsgeschenk hatte, habe ich Ihnen genau den Pelzmantel gekauft, von dem Sie drei Jahre lang geträumt haben. Und kein einziges Mal — kein einziges einziges Mal — haben Sie mir ein ganz normales menschliches „Danke“ gesagt.

In der Küche wurde es so still, dass sogar der Wasserkocher zu verstummen schien.

— Der Mantel… — flüsterte Elisabeth, fing sich aber sofort wieder. — Was soll mit dem Mantel sein? Ein Geschenk ist ein Geschenk und keine Münze zum Verrechnen! Glaubst du, nur weil du Geld hast, kannst du dir alle kaufen? Meinen Respekt? Die Liebe meines Sohnes? Ohne ihn bist du doch niemand! Wer bist du überhaupt? Ein Mädel aus irgendeinem Kaff in der Steiermark, das nach Wien gekommen ist und geglaubt hat, es erobert die Welt! Deine Mutter ist eine Lehrerin an einer Provinzschule, dein Vater ein Säufer, der seine Familie sitzen gelassen hat! Was bildest du dir eigentlich ein?

Das war ein Schlag unter die Gürtellinie. Präzise gesetzt, kalt und bewusst geführt von einem Menschen, der genau wusste, wo die wunden Stellen lagen. Weil Katharina ihr irgendwann, in einem Anfall von Offenheit, erzählt hatte, wie ihre Kindheit gewesen war — damals, als sie Elisabeth beinahe für eine zweite Mutter gehalten hatte.

Katharina wurde schwarz vor Augen. Sie klammerte sich an die Tischkante, damit sie nicht zu Boden ging.

— Schweigen Sie, — sagte sie sehr leise. — Schweigen Sie sofort.

— Was denn? Tut die Wahrheit weh? — Elisabeth war nicht mehr zu bremsen. Sie geriet ins Rollen wie ein schwerer Lastwagen ohne Bremsen. — Glaubst du, ich verstehe nicht, warum du Florian geheiratet hast? Du wolltest einen Wiener Meldezettel! Du wolltest die Wohnung! Du hast meinen Sohn benutzt!

— Mama, hör auf! — schrie Florian plötzlich. Er war kreidebleich geworden, Schweiß stand ihm auf der Stirn. — Was redest du da für einen Unsinn?

— Und du hältst dich überhaupt heraus! — fuhr seine Mutter ihn an. — Sie hat dich eingewickelt, und du bist auch noch glücklich damit! Du sitzt bei ihr unterm Pantoffel wie ein nasser Fetzen!

Katharina richtete sich langsam auf. In ihren Schläfen hämmerte es, doch als sie sprach, klang ihre Stimme beinahe ruhig. Eiskalt. So spricht jemand, der ein Urteil verkündet.

— Elisabeth. Erstens: Den Wiener Hauptwohnsitz hatte ich schon drei Jahre, bevor ich Ihren Sohn überhaupt kennengelernt habe. Ich habe mir ein Zimmer in einer geteilten Altbauwohnung gekauft, von Geld, das ich mir mit drei Jobs verdient habe. Zweitens: Als ich Florian geheiratet habe, hat er in dieser Wohnung gelebt, die eher einer Abstellkammer mit Tapeten aus den Siebzigern und Billigmöbeln geglichen hat. Ich habe daraus erst ein Zuhause gemacht. Und drittens sage ich jetzt etwas über meinen Vater.

Hedis Stube