Mein Vater ist nie ein Säufer gewesen. Er ist an Lungenkrebs gestorben, weil er jahrelang in einem gesundheitsschädlichen Betrieb gearbeitet hat. Ich war damals zwölf. Und ich werde niemandem erlauben, sein Andenken in den Dreck zu ziehen.
Dann wandte sie sich ihrem Mann zu. Florian stand da, den Kopf gesenkt, wie ein Schulbub, der beim Schummeln erwischt worden war.
„Und du?“, fragte sie leise. „Hast du dazu auch etwas zu sagen? Sie hat gerade meine Eltern beleidigt. Meine Familie. Mich. Willst du das einfach schlucken? Stehst du auf ihrer Seite?“
Florian hob den Blick. In seinen Augen lag so viel Verlorenheit, dass Katharina für einen winzigen Moment Mitleid mit ihm empfand. Aber wirklich nur für diesen einen Moment.
„Kathi, du kennst doch meine Mama“, murmelte er. „Sie meint es nicht so. Sie ist halt aufgebraust. Sie ist schon alt. Jetzt tu nicht wie ein kleines Kind, nur weil ein paar Worte gefallen sind. Ja, sie hat etwas Blödes gesagt. Das passiert doch jedem einmal.“
„Etwas Blödes gesagt“, wiederholte Katharina langsam. „Seit Jahren zersetzt sie mich Stück für Stück, als wäre ich kein Mensch, und du nennst das ‚etwas Blödes‘. Hinter meinem Rücken schmiedet sie Pläne, wie man mein Geld verteilt, und du sagst: ‚Passiert halt.‘ Sie tritt mir und meinen Eltern mitten in die Seele, und du erwartest von mir, dass ich mich nicht gekränkt fühle.“
„Was willst du denn von mir? Soll ich mich mit ihr prügeln?!“, platzte Florian heraus. In seinem Aufschrei lag so viel Hilflosigkeit, dass Katharina in diesem Augenblick endgültig begriff. „Soll ich sie vor die Tür setzen?! Das ist meine Mutter, verstehst du? Meine Mutter!“
„Und ich bin deine Frau“, sagte Katharina. „Seit zwölf Jahren bin ich deine Familie. Nur hast du das offenbar bis heute nicht kapiert.“
Sie drehte sich um und verließ die Küche. Im Schlafzimmer holte sie vom obersten Fach des Kastens eine kleine Reisetasche herunter und begann, Gewand hineinzulegen. Ihre Hände zitterten so stark, dass ihr die Blusen immer wieder aus den Fingern rutschten.
Nach einer Minute erschien Florian in der Tür.
„Was machst du da?“, fragte er erschrocken.
„Ich packe. Fürs Erste bleibe ich bei Lena.“
„Kathi, bitte, mach jetzt keinen Unsinn! Wegen einem normalen Streit willst du gleich davonlaufen? Willst du deinen Wert steigern oder was? Mama bereut es sicher schon, ich bin mir ganz sicher!“
Aus dem Vorzimmer drang Elisabeths Stimme herüber:
„Soll sie doch gehen! Soll sie sich schleichen, wohin sie will! Bräute finden wir genug, so eine ist uns auch schon untergekommen! Eine Prinzessin glaubt sie zu sein!“
Katharina verzog den Mund zu einem kurzen, bitteren Lächeln und warf ihre Kosmetiktasche in die Reisetasche.
„Hörst du?“, fragte sie ihren Mann. „Deine Mutter bereut gar nichts. Es ist ihr völlig egal. Und dir anscheinend auch. Dir ist nur wichtig, dass alles so bleibt wie früher. Dass sie jederzeit hereinspazieren kann, sich an mir die Schuhe abputzt, und du so tust, als wäre nichts. Dass ich schweige, lächle und weiter zahle.“
„Dann reden wir halt morgen darüber!“, rief Florian und griff nach der Tasche, als wollte er sie ihr wegnehmen. „Du bist jetzt aufgewühlt. Du sagst Sachen, die du nachher bereust!“
Katharina zog den Zipp mit einer scharfen Bewegung zu und klemmte ihm dabei beinahe die Finger ein.
„Zwölf Jahre“, sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. „Zwölf Jahre lang habe ich auf irgendetwas gehofft. Und du hast die ganze Zeit nur daneben gesessen und gewartet, dass deine Mutter und ich das irgendwie unter uns ausmachen. Du bist kein Ehemann. Du bist ein Mitbewohner. Ein Mensch, der mit mir in derselben Wohnung lebt und sich an meinem Gehalt bedient.“
„Das stimmt nicht!“, schrie er. „Ich liebe dich! Das weißt du doch!“
„Du liebst mich?“, fragte Katharina zurück, während sie ihren Mantel anzog. „Warum hast du deiner Mutter dann kein einziges Mal gesagt: ‚Hör auf, das ist meine Frau, ich bin ihr dankbar‘? Warum hast du ihr nie erklärt, dass ich den Kredit zahle, während du dein eigenes Gehalt für dich behältst? Warum hast du nie erwähnt, dass ich es bin, die sie zu den Ärzten bringt und ihre teuren Medikamente kauft, wenn ihre Pension wieder nicht reicht? Warum hast du zugelassen, dass sie mich jedes Mal ‚Krämerseele‘ und ‚Emporkömmling‘ nennt, während du mich im selben Atemzug um Geld fürs Benzin bittest?“
Florian schwieg. Sein Mund öffnete und schloss sich, wie bei einem Fisch, den man ans Ufer geworfen hatte.
„Eben“, sagte Katharina. „Du hast keine Antwort.“
Sie nahm die Tasche und ging Richtung Ausgang. Schon bei der Wohnungstür drehte sie sich noch einmal zu ihrer Schwiegermutter um. Elisabeth stand im Küchenrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr Gesichtsausdruck war triumphierend.
„Na, was ist?“, spottete sie. „Gehst du jetzt wirklich? Nur zu. Reisende soll man nicht aufhalten. Aber merk dir eines: Die Wohnung gehört uns. Wenn du zurückkommst, lebst du nach unseren Regeln.“
Katharina betrachtete sie lange, fast prüfend. Dann wanderte ihr Blick zu Florian.
„Weißt du, Florian“, sagte sie ruhig, beinahe alltäglich, „ich gehe tatsächlich. Aber nicht für ein paar Tage. Ich reiche die Scheidung ein. Und keine Sorge: Auf eure Wohnung werde ich keinen Anspruch erheben. Ich habe Gott sei Dank meine eigene. Genau die, die ich im Vorjahr gekauft habe, während ihr hier überlegt habt, wie ihr mich am geschicktesten ausnehmen könnt.“
Elisabeths Gesicht entgleiste. Mit so einer Wendung hatte sie ganz offensichtlich nicht gerechnet.
„Welche Wohnung?“, fragte sie scharf.
