„Diese Schwiegertochter von dir hat sich heimlich eine Villa in Graz gekauft“ — Elisabeth fauchte, während Katharina reglos mit dem Sackerl im Vorzimmer stand

So eine erbärmliche Verdächtigung schmerzt tief.
Geschichten

„Die Wohnung, die ich aus den Erträgen meiner Firma bezahlt habe“, erwiderte Katharina gefasst. „Eine Zweizimmerwohnung in Liesing. Sie läuft auf meinen Namen. Noch steht sie leer, ich wollte gerade mit dem Renovieren anfangen. Offenbar richte ich sie jetzt eben für mich selbst her.“

Im Vorraum breitete sich eine Stille aus, so scharf, dass sie beinahe in den Ohren geklungen hat. Aus der Küche war nur das regelmäßige Tropfen des Wasserhahns zu hören. Florian starrte seine Frau an, als hätte er sie zum ersten Mal gesehen. Elisabeths Blick dagegen war voller Misstrauen, und darunter kochte blanke Wut.

„Du … du hast dir eine Wohnung gekauft und uns kein Wort davon gesagt?“, brachte Florian heiser hervor.

Katharina hob nur leicht die Schultern. „Wozu denn? Damit deine Mutter gleich überlegen kann, wie man sie am besten auf dich überschreibt? Ich habe schon lange begriffen, dass ich einen Ort brauche, der wirklich mir gehört. Einen Platz, an dem ich mich nicht wie eine geduldete Besucherin fühle, der man gnädig erlaubt, da zu sein.“

„Du hast uns die ganze Zeit belogen!“, zischte Elisabeth. „Du … du falsche Schlange! Du bist nie in diese Familie gekommen, um dazuzugehören. Du hast dir von Anfang an dein eigenes Nest gebaut!“

„Nein“, sagte Katharina und griff nach der Wohnungstür. „Ihr habt mich die ganze Zeit nur für einen Bankomaten gehalten. Ich wollte bloß mit dem Mann leben, den ich geliebt habe. Aber eure Zuneigung zu mir war offenbar genau in dem Moment vorbei, in dem ich nicht mehr bequem für euch gewesen bin.“

Sie trat hinaus ins Stiegenhaus. Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss und schnitt Elisabeths schrillen Aufschrei ebenso ab wie Florians klägliche Versuche, noch irgendetwas zu erklären.

Katharina ging die Stiege hinunter, setzte sich in ihr Auto und legte beide Hände auf das Lenkrad. Drinnen war es still und dunkel. Draußen zog ein grauslicher Novemberregen über die Scheiben. Sie schaute auf ihre Finger, die noch immer zitterten, und plötzlich brach sie in Tränen aus — zum ersten Mal an diesem endlosen Abend. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie machte keine Anstalten, sie wegzuwischen.

Sie weinte nicht um Florian. Nicht wirklich. Sie weinte um zwölf Jahre, die sie einem Menschen gegeben hatte, der nie ihr Halt geworden war. Um all die Jahre, in denen sie geglaubt hatte, Familie bedeute einfach, beisammen zu sein. Jetzt hatte sie verstanden: Beisammen ist man erst dann, wenn jemand da ist, der einen schützt. Und sie hatte niemanden gehabt, der sich vor sie gestellt hätte.

Einen Monat später saßen sie einander beim Notar gegenüber, um die Unterlagen zu unterschreiben. Florian sah schlecht aus: eingefallen, müde, mit dunklen Schatten unter den Augen. Offenbar war es nicht gerade leicht, wieder mit einer Mutter unter einem Dach zu leben, die ihn nun rund um die Uhr dafür zurechtwies, dass er so eine „Goldgrube“ hatte ziehen lassen.

„Katharina“, begann er leise, als der Notar kurz hinausging, um die Dokumente auszudrucken, „können wir nicht doch noch einmal in Ruhe darüber reden? Ich habe mit Mama gesprochen. Sie hat versprochen, dass sie sich nicht mehr so aufführt.“

„Es ist zu spät, Florian“, antwortete Katharina erschöpft. „Und es geht nicht nur um sie. Eigentlich geht es vor allem um dich. Du hast dich kein einziges Mal vor mich gestellt. Nicht ein einziges Mal in zwölf Jahren. Und als du begriffen hast, dass ich wirklich gehe, hast du nicht um unsere Liebe Angst bekommen, sondern um deine Bequemlichkeit. Du hast keine Ehefrau gebraucht. Du hast jemanden gebraucht, der dafür sorgt, dass man dich in Ruhe lässt.“

Florian senkte den Kopf. Er wusste, dass sie recht hatte. Und diese Wahrheit war vermutlich das Bitterste, was er je hatte schlucken müssen.

Sie unterschrieben schweigend. Als Katharina aus der Kanzlei kam, stieg sie in ihr Auto, drehte den Schlüssel um und blickte hinauf in den grauen Himmel. Es regnete noch immer. Trotzdem kam es ihr vor, als könne sie plötzlich leichter atmen. Als hätte man ihr eine tonnenschwere Last von den Schultern genommen, die sie Tag für Tag getragen hatte, ohne ihr Gewicht überhaupt noch zu bemerken.

Ein halbes Jahr später war die Renovierung ihrer Wohnung abgeschlossen. Hell war sie geworden, großzügig, eine Zweizimmerwohnung, in der alles nach ihr eingerichtet war — nach ihrem Geschmack, nach ihrem Rhythmus, nach ihrem Leben. Keine faulen Kompromisse mehr. Kein „Mama gefällt diese Wandfarbe nicht“. Kein Rechtfertigen, kein Zurückstecken.

Katharina stand mitten im neuen Wohnzimmer, trank Kaffee aus einem großen Keramikhäferl und sah zu, wie draußen der Morgen langsam hell wurde.

Da vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von ihrer ehemaligen Schwägerin — jener Frau, die früher gemeint hatte, Katharina sei „nicht gut genug“ für ihren Bruder:

„Katharina, servus. Hör, ich hab in letzter Zeit viel nachgedacht … Vielleicht könnten wir uns irgendwann auf einen Kaffee treffen? Ich sehe heute manches anders. Ehrlich gesagt war Florian ein Trottel, dass er dich verloren hat. Seine Mutter ist noch immer außer sich, aber ich … weißt du, an deiner Stelle wäre ich wahrscheinlich schon viel früher gegangen. Du kannst stolz auf dich sein, dass du die Kraft dazu gehabt hast.“

Katharina trank den letzten Schluck Kaffee, stellte das Häferl auf das Fensterbrett und lächelte. Nicht, weil sie auf die Anerkennung irgendeines Menschen angewiesen gewesen wäre. Sondern weil ihr nun endgültig klar geworden war: Der Grund für die Scheidung war nicht ein Streit gewesen. Auch nicht die Wohnung. Nicht einmal die gehässige Schwiegermutter. Der eigentliche Grund war, dass sie jahrelang fremde Gleichgültigkeit für Liebe gehalten und dabei beide Augen zugedrückt hatte.

Was an jenem Abend passiert war, war nur der letzte Tropfen gewesen.

Sie steckte das Handy in die Tasche und machte sich für die Arbeit fertig. Ihre Firma wuchs, ihre Pläne wurden größer, und ihr Leben fühlte sich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wirklich wie ihr eigenes an. Nicht geliehen. Nicht geschenkt. Nicht von anderen geduldet.

Sondern ihres.

Hedis Stube