„Ohne dich bin ich gar nichts“ flüsterte er damals — Katharina sitzt nun allein am gedeckten Tisch und merkt, dass aus ihrem gemeinsamen Unternehmen sein Eigentum geworden ist

Diese stille Ungerechtigkeit ist unerträglich.
Geschichten

Der Abend hätte eigentlich behaglich werden sollen. Katharina hatte für zwei gedeckt: im Rohr gebratenes Fleisch mit Rosmarin, ein leichter Salat und eine bereits entkorkte Flasche Rotwein, die sie sich für einen besonderen Anlass aufgehoben hatte. Genau heute waren zehn Jahre vergangen, seit sie und ihr Mann ihre eigene Baufirma angemeldet hatten. Kein fertiges Unternehmen hatten sie übernommen, nichts geerbt, nichts geschenkt bekommen. Sie hatten alles aus dem Nichts aufgebaut, damals in einer gemieteten Einzimmerwohnung, in der nachts der alte Computer gesurrt hatte und auf dem Fensterbrett löslicher Kaffee kalt geworden war.

Katharina erinnerte sich noch an den scharfen Geruch frischer Farbe in ihrem ersten Büro. Sie erinnerte sich an Sebastians Hände, die nach Diesel gerochen hatten, wenn er von den Baustellen heimgekommen war. Und sie hörte noch immer sein Flüstern von damals: „Kathi, wir schaffen das. Du musst nur rechnen. Du bist die Gescheite von uns. Ohne dich bin ich gar nichts.“ Also hatte sie gerechnet. Sie hatte die Buchhaltung geführt, Kosten gedrückt, mit Lieferanten verhandelt und jeden einzelnen Cent gekannt, der in ihr Geschäft hineingeflossen oder wieder hinausgegangen war. In all den zehn Jahren hatte sie nie mehr Gehalt verlangt als ein gewöhnlicher Angestellter. Sie hatte geglaubt, alles gehöre ihnen gemeinsam: alles für die Familie, alles für später, alles für ihre gemeinsame Zukunft. Und irgendwann hatte sie nicht einmal bemerkt, wann aus diesem „gemeinsam“ nur noch sein Eigentum geworden war.

Sie strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht, schaute auf die Uhr und lächelte leise. Sebastian war spät dran, doch in den vergangenen Monaten war das nichts Ungewöhnliches mehr gewesen. „Geschäft, Kathi“, hatte er immer gesagt. „Ich renn wie ein Hamster im Rad, wir wachsen.“ Katharina hatte ihm geglaubt. Nun sass sie dem leeren Sessel gegenüber und ging in Gedanken noch einmal das Gespräch vom Vortag durch, bei dem es um eine Wohnung gegangen war. Noch immer lebten sie in den alten Räumen, die Katharina von ihren Eltern geblieben waren.

Sebastian hatte ihr unzählige Male versprochen, dass sie sich endlich ein eigenes Zuhause kaufen würden: hell, grosszügig, mit einem richtigen Ankleideraum und Blick ins Grüne. „Wenn wir diese Ausschreibung abgeschlossen haben“, hatte er gesagt, „suchst du dir aus, was du willst. Von mir aus ein Penthouse.“ Gestern hatte er angekündigt, er werde am Abend eine Überraschung mitbringen. Katharina hatte an Schlüssel gedacht.

Um halb neun klickte das Schloss. Sebastian kam lautstark herein, in der Hand einen Strauss weisser Lilien. Katharina mochte diese Blumen nicht; ihr süsslicher, schwerer Geruch erinnerte sie immer an Friedhöfe. Gesagt hatte sie es ihm nie, weil sie ihn nicht kränken wollte. Unter dem anderen Arm trug er eine Ledermappe. Katharina stand ihm entgegen, und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Doch Sebastian sah nicht aus wie ein Mann, der seiner Frau gleich ein Geschenk machen würde. Er wirkte eher wie jemand, der einen Streit bereits gewonnen hatte, bevor er überhaupt ausgesprochen hatte, worum gespielt worden war. Ohne den gedeckten Tisch auch nur richtig anzuschauen, warf er die Mappe neben die Vorspeisen, setzte sich hin und schlug ein Bein über das andere.

„Na, Kathi, Überraschung“, sagte er mit einem Grinsen, das ihr sofort unangenehm in den Ohren schnitt. „Ich hab deine stille Reserve aufgelöst. Die, die du für schlechte Zeiten zur Seite gelegt hast. Bis auf den letzten Cent ist alles weg.“

Katharina erstarrte, die Serviette noch in der Hand, bevor sie sie auf den Tisch legen konnte. Sie sah ihn an und wartete darauf, dass er lachen, alles als blöden Scherz abtun und vielleicht doch ein kleines Samtkästchen aus der Tasche ziehen würde. Aber Sebastian lachte nicht. Er öffnete die Mappe und schob ihr die Unterlagen hin. Ein Kaufvertrag für eine Wohnung in einer neuen Wohnanlage am Stadtrand. In der Zeile „Käuferin“ stand der Name seiner Schwester Theresa.

„Sebastian, das muss ein Irrtum sein“, sagte Katharina leise, während ihre Finger taub wurden. „Dort waren 80.000 Euro. Wir haben sechs Jahre dafür gespart. Von meinen Gehältern, von deinen Projekten. Ich hab mir beim Zahnarzt sogar die Betäubung verkniffen, wenn es irgendwie gegangen ist, nur damit wir sparen. Du hast gesagt, das wird unser Zuhause.“

„Theresa hat ein Kind bekommen, sie braucht es dringender“, fuhr Sebastian sie an und griff nach dem Weinglas, das Katharina für sie beide eingeschenkt hatte. „Sie ist allein mit dem Buben. Wir zwei sind eh versorgt. Du bist doch eine gescheite Frau, Kathi, du verdienst das schon wieder. Was stellst dich so an? Gleich ein Haus, oder was? Wenn wieder Geld da ist, gibt’s auch für uns etwas. Bis dahin soll Theresa einmal ordentlich wohnen. Sie hat es verdient.“

„Sie hat es verdient?“ Katharina hörte ihre eigene Stimme, als käme sie von weit weg. „Sie hat in ihrem ganzen Leben keinen einzigen Tag wirklich gearbeitet. Vor einem Jahr hast du ihr ein Auto gekauft. Danach hast du ihr den Urlaub an der Adria bezahlt. Und jetzt eine Wohnung. Mit Geld, das wir beide verdient haben. Merkst du überhaupt noch, was du da tust?“

„Ich merke was?“ Sebastian beugte sich vor, und sein Lächeln wurde hart, beinahe tierisch. „Du bist diejenige, die hier etwas verwechselt, meine Liebe. Die Firma läuft auf meine Mutter. Ich bin der Geschäftsführer. Und du bist eine angestellte Buchhalterin, die ihr Gehalt bekommen hat und nicht das Recht hat, ihre Nase in meine Entscheidungen zu stecken. Du hast offenbar vergessen, wo dein Platz ist. Wenn du weiter auf meine Kosten leben willst, dann sei still und lächle. Passt dir das nicht, steht dir die Tür offen. Aber merk dir eines: Ohne mich bist du niemand. Wer braucht dich schon mit achtunddreissig, ohne Mann und mit ein paar Euro auf der Karte?“

Er leerte das Glas in einem Zug, stand auf und warf die Serviette mitten in den Salat. Katharina blieb am Tisch stehen und starrte auf die verstreuten Dokumente, auf den fett gedruckten Namen ihrer Schwägerin, auf die Weintropfen, die sich über das weisse Papier gezogen hatten. Sie weinte nicht. In ihr riss nur etwas ab und sank wie ein kalter, schwerer Stein tief hinunter. Sebastian nahm sein Sakko von der Garderobe und drehte sich an der Tür noch einmal um.

„Ich fahr zu Theresa. Wir feiern Einzug. Und du lüftest hier ein bissl durch und denkst über dein Benehmen nach. Keine Dummheiten, gell? Du bist ja eine gescheite Frau.“

Die Tür fiel krachend ins Schloss. Katharina blieb allein zurück. Langsam liess sie sich auf den Sessel sinken und sass wohl zehn Minuten reglos da, den Blick auf einen Punkt gerichtet. Dann stand sie auf, nahm ihr Handy und sah eine neue Nachricht. Theresa hatte ein Foto geschickt: ihre fleischige Hand mit grell lackierten Nägeln umklammerte einen Schlüsselbund vor einer nagelneuen Wohnungstür. Darunter stand: „Danke für das Geschenk, Schwesterherz.“

Katharina legte das Handy weg und trat ans Fenster. Draussen brannten gelbe Strassenlaternen, vereinzelt hupten Autos. Die Stadt lebte weiter, als wäre nichts geschehen, ohne zu ahnen, dass in genau diesem Augenblick eine Frau aufgehört hatte, einfach nur die geduldige Ehefrau zu sein.

Sie ging nicht ins Schlafzimmer. Sie rief keine Freundinnen an, um sich über ihr Schicksal zu beklagen. Sie sank nicht auf die Knie und begann auch nicht laut zu schluchzen. Katharina ging in die Abstellkammer, wo hinter alten Schuhkartons ein kleiner Safe stand, den ihr Mann längst vergessen hatte. Er war überzeugt gewesen, darin lägen nur alte Tagebücher von ihr. Sie tippte den Code ein — ihr Hochzeitsdatum, an das Sebastian sich nicht einmal mit einer Pistole an der Schläfe erinnert hätte — und nahm einen Laptop heraus.

Es war ein kleiner grauer Laptop mit dunklem Bildschirm, offiziell längst als unbrauchbar abgeschrieben. Sebastian hatte ihn einmal gesehen und gefragt: „Warum arbeitest du noch mit diesem Klumpert? Wir haben doch neue Geräte.“ Sie hatte nur geantwortet: „Ich bin daran gewöhnt, er ist praktisch.“ Er hatte die Schultern gezuckt und das Thema vergessen. Sebastian vergass immer alles, was ihn nicht interessierte.

Katharina klappte den Laptop auf, gab das Passwort ein und öffnete eine Datenbank, die auf keinem Server der Firma existierte. Hier lag die echte Buchhaltung der letzten drei Jahre. Nicht jene Version, die mit geglätteten Zahlen und bescheidenen Gewinnen an das Finanzamt gegangen war, sondern die wirkliche. Tabellen, Rechnungen, Zahlungsaufstellungen, Kontakte von Scheinfirmen, Bankverbindungen kurzlebiger Gesellschaften, über die Beträge in zweistelliger Millionenhöhe geschleust worden waren.

Hedis Stube