„Ohne dich bin ich gar nichts“ flüsterte er damals — Katharina sitzt nun allein am gedeckten Tisch und merkt, dass aus ihrem gemeinsamen Unternehmen sein Eigentum geworden ist

Diese stille Ungerechtigkeit ist unerträglich.
Geschichten

Katharina war nicht einfach nur die Buchhalterin gewesen. Sie hatte das dunkle Innenleben dieses Geschäfts entworfen, jenes verborgene Gerüst, das Sebastian so gern als seine ureigene Leistung ausgegeben hat. Jede Konstruktion, jede Überweisung, jede Unterschrift auf Bankpapieren, die er ohne einen zweiten Blick geleistet hatte – alles war dort abgelegt. Rasch überflog Katharina die Endbeträge. In drei Jahren waren beinahe zweiundvierzig Millionen durch die Bücher gelaufen, am Fiskus vorbei.

Abgabenhinterziehung in besonders großem Ausmaß, dazu noch organisiert und wiederholt. Bis zu sechs Jahre Freiheitsstrafe standen im Raum. Und vor Gericht würde nicht nur derjenige erklären müssen, der die Erklärungen unterschrieben hatte, sondern auch der, der die Anweisungen gegeben hatte. Sebastian hat nur allzu oft vergessen, dass manche seiner Befehle als Sprachnachrichten erhalten geblieben waren.

Katharina kopierte die Dateien auf zwei verschlüsselte USB-Sticks. Einen steckte sie in die Tasche eines alten Mantels, der ganz hinten im Kasten hing und den sie seit drei Wintern nicht mehr angezogen hatte. Den zweiten schob sie hinter eine kleine Ikone der heiligen Anna, die auf einem Bord im Vorzimmer stand – das einzige Ding in der Wohnung, das Sebastian aus abergläubischer Scheu niemals angerührt hätte. Danach setzte sie sich wieder an den Tisch, nahm ihr Handy und suchte in den Kontakten nach einem Namen, den sie seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte: Florian Florian.

Er war Sebastians früherer Chef gewesen. Ganz am Anfang seiner Karriere hatte Sebastian ihn hintergangen, ihm einen großen Auftraggeber ausgespannt und ihn vor der halben Branche wie einen Trottel dastehen lassen. Florian war damals knapp am Ruin vorbeigeschrammt, hatte sich aber wieder hochgearbeitet und besaß mittlerweile eine Baufirma, die Steyr bei fast jeder Ausschreibung im Nacken saß. Katharina wusste: Florian hatte mit ihrem Mann noch eine alte, sehr persönliche Rechnung offen.

Sie rief Punkt elf Uhr abends an, obwohl ihr klar war, dass ein älterer Mann um diese Zeit vielleicht schon schlief. Doch Florian hob nach dem zweiten Läuten ab. Seine Stimme klang wach, zugleich aber misstrauisch.

„Herr Florian, hier spricht Katharina Volkova, die ehemalige Buchhalterin Ihres früheren Mitarbeiters“, sagte sie ruhig. „Entschuldigen Sie bitte die späte Störung. Aber ich habe ein Angebot für Sie, das Sie vermutlich nicht ausschlagen werden.“

„Katharina? Sebastians Frau?“ In seiner Stimme lag unverhohlene Verwunderung. „Was ist passiert? Hat er dich mitten in der Nacht hinausgeworfen?“

„Schlimmer“, erwiderte Katharina. „Er hat seiner Schwester eine Wohnung um rund achtzigtausend Euro gekauft. Mit Geld, das ich sechs Jahre lang zusammengespart habe. Danach hat er mir erklärt, ich sei niemand, und die Firma laufe ohnehin auf seine Mutter. Außerdem hat er vergessen, dass ich alles weiß. Wirklich alles. Drei Jahre. Zweiundvierzig Millionen am Fiskus vorbei. Wollen Sie erfahren, wodurch er Sie vor zwei Jahren bei der Ausschreibung ausgestochen hat? Ich habe alle Konstruktionen, alle Kontodaten, sämtliche Sprachnachrichten, in denen er direkte Anweisungen gibt. Ich will Gerechtigkeit. Und ich bin bereit, Ihnen das Material unentgeltlich zu überlassen. Unter einer Bedingung.“

„Welche?“ Jetzt bemühte sich Florian gar nicht mehr, sein Interesse zu verbergen.

„Morgen um zehn Uhr sollen in seinem Büro Leute stehen, die nicht bloß höflich anklopfen. Keine nette Visite vom Finanzamt, sondern eine richtige Hausdurchsuchung. Mit Wirtschaftspolizei, Finanzpolizei, allem, was dazugehört. Sie haben Verbindungen in die Abteilung für Wirtschaftsdelikte. Sagen Sie ihnen, es gibt eine Anzeigeerstatterin, die aussagen und Unterlagen vorlegen wird. Sie sollen mit Beschluss kommen und alles mitnehmen.“

Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Katharina hörte nur Florians schweres Atmen, während er begriff, was sie ihm gerade angeboten hatte.

„Katharina“, sagte er schließlich langsam, „dir ist schon klar, dass du selbst mit unterschrieben hast. Du hast an diesen Vorgängen mitgearbeitet. Wenn sie tief genug graben, bist du ebenfalls Beschuldigte.“

„Das weiß ich“, antwortete sie. „Aber ich habe seine Anweisungen als Aufnahmen. Ich bin bereit, mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren, damit ich als Zeugin behandelt werde und nicht als Mittäterin. Mein Anwalt sagt, das ist möglich. Vor allem, weil ich keine Sondergewinne kassiert habe. Die achtzigtausend Euro, die er mir gestohlen hat, lagen auf meinem Privatkonto und stammen aus meinem offiziellen Gehalt. Das kann ich belegen. Er hingegen kann gar nichts belegen.“

Florian räusperte sich. Dann lachte er kurz, trocken und beinahe bewundernd.

„Na servas. Da hat er sich aber eine ordentliche Schlange an die Brust gelegt. Gut. Schick mir per Mail eine knappe Zusammenfassung: Summen, Daten, Kontonummern. Ich wecke noch heute Nacht ein paar Leute auf. Morgen um zehn null null wird dein Ehemann einen Vormittag erleben, den er nicht so schnell vergisst.“

Katharina beendete das Gespräch und verschickte eine verschlüsselte Nachricht. Danach stand sie auf, ging zum Spiegel im Vorzimmer und betrachtete ihr Spiegelbild. Eine müde Frau sah ihr entgegen, mit dunklen Schatten unter den Augen und streng zurückgebundenem Haar. Sebastian hatte behauptet, sie sei zu einer grauen Maus geworden. Er hatte sich geirrt. Mäuse huschen in ihre Löcher und zittern. Sie war eher eine Ratte – klug, nachtragend und gefährlich, sobald man sie in die Ecke drängte. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu und sagte laut:

„Du wirst schon noch verdienen, Sebastian. Deine Gefängnissuppe.“

Der nächste Morgen begann für Katharina mit einem Besuch, auf den sie gewartet hatte und innerlich längst vorbereitet gewesen ist. Um zehn Uhr, zu jener Zeit, zu der Sebastian im Büro sitzen und seine wöchentliche Besprechung leiten sollte, läutete es an ihrer Wohnungstür. Nicht kurz und zufällig, sondern lang, fordernd und aufdringlich. Dieses Läuten erkannte sie sofort. So läutete nur Theresa.

Katharina öffnete. Vor ihr stand die Schwägerin in ihrer ganzen Pracht: ein knallrosa Trainingsanzug, glänzende Lippen, eine hochtoupierte Frisur, die sie offenbar für modern hielt, und jener überhebliche Blick, den sie vermutlich vor dem Spiegel einstudiert hatte. In der Hand hielt Theresa eine leere Reisetasche.

„Servus, Schwesterherz“, trällerte sie und schob sich ohne Einladung über die Schwelle. „Ich hab mir gedacht: Wenn du jetzt eh kein Geld mehr für eine neue Wohnung hast, wozu brauchst du dann noch den ganzen alten Kram? Bei dir ist doch sowieso alles eng. Ich hab jetzt Platz. Also komm, ich schau mir einmal deine Sachen an. Du hast ja sicher nichts dagegen.“

Katharina trat zur Seite und ließ sie in den Gang. Sie sagte kein einziges Wort. Sie sah nur zu, wie Theresa sich benahm, als gehöre ihr die Wohnung bereits, schnurstracks ins Schlafzimmer ging, den Kasten aufriss und begann, die Kleiderbügel durchzuschieben.

„Ah, schau an, was für ein Pelz!“ rief Theresa und zog den Nerzmantel heraus, den Katharina sich drei Jahre zuvor von einer Prämie gekauft hatte, nachdem ein großer Auftrag erfolgreich abgeschlossen worden war. „Den trägst du ja eh nimmer, oder? Bist schon ein bissl zu alt für so was Feines? Mir passt er genau.“

Sie warf sich den Pelz über die Schultern und drehte sich vor dem Spiegel hin und her. Katharina blieb im Türrahmen stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, und schwieg. Dieses Schweigen hielt Theresa offenbar für Unterwerfung.

„Was bist denn du so still?“ Theresa wandte den Kopf und musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. „Bist beleidigt, oder was? Geh bitte. Sebastian hat völlig richtig gehandelt. Zehn Jahre hast du ihn ausgesaugt, irgendwann ist auch einmal Schluss. Kinder hast du ihm keine geboren, ein richtiges Zuhause hast du nicht geschaffen, du bist nur über deinen Zahlen gesessen. Ich bin sein Blut. Seine Schwester. Er hat mir schon als Bub versprochen, dass er mir immer helfen wird. Und wer bist du? Verbrauchtes Material. Du wirst schon sehen: Er findet sich noch eine richtige Frau, eine, die ihm einen Erben schenkt.“

„Zieh den Pelz aus“, sagte Katharina ruhig.

Hedis Stube