„Ohne dich bin ich gar nichts“ flüsterte er damals — Katharina sitzt nun allein am gedeckten Tisch und merkt, dass aus ihrem gemeinsamen Unternehmen sein Eigentum geworden ist

Diese stille Ungerechtigkeit ist unerträglich.
Geschichten

Der Ermittler habe bereits angekündigt, die Sicherstellung des Vermögens zu beantragen, fuhr Sebastian hastig fort. „Du musst die Wohnung sofort verkaufen und mir das Geld für den Anwalt geben.“

„Verkaufen?“ Theresa schnappte nach Luft. „Das ist meine Wohnung! Du hast sie mir geschenkt! Meine Sachen sind schon dort! Ich verkauf gar nichts!“

„Stellst du dich blöd oder bist du es wirklich?!“, fuhr er sie an. „Wenn sie die Wohnung beschlagnahmen, ist sie ganz weg. So retten wir wenigstens noch einen Teil vom Geld. Verkauf sie meinetwegen um die Hälfte, aber schnell. Ich brauch den besten Strafverteidiger, den ich kriegen kann, sonst sitzen wir beide ein. Und glaub mir, Schwesterherz, in einer Frauenhaftanstalt wird’s dir nicht gefallen.“

Theresa legte auf. Sebastian hörte nur noch das abgehackte Tuten, dann schleuderte er das Handy mit voller Wucht gegen die Wand. Das Gehäuse sprang auf, das Display wurde schwarz. In seinem Büro breitete sich eine Stille aus, die fast in den Ohren schmerzte. Auf einmal war niemand mehr da. Nur er.

Noch am selben Abend saß Katharina in einem kleinen Kaffeehaus am Ufer, vor sich ein Häferl grünen Tee, und blickte hinaus aufs Wasser. Sie wusste, was inzwischen in der Firma geschah. Sie wusste, dass die Ermittler bereits die Mitarbeiter befragten. Sie wusste auch, dass die Geschäftskonten gesperrt worden waren. Florian Petrovic hatte sie kurz angerufen und nur gesagt: „Es läuft alles wie geplant. Du hast das gut gemacht. Warte ab.“ Also wartete sie. Und sie war sich sicher, dass Sebastian früher oder später jemanden zu ihr schicken würde, um zu verhandeln.

Genau so kam es.

Die Tür des Kaffeehauses ging auf, und eine ältere Dame in einem strengen Mantel trat ein. Das Haar war sorgfältig frisiert, doch ihre Haltung verriet, wie sehr sie sich zusammennehmen musste. Es war Elisabeth Sergejewna, Katharinas Schwiegermutter, Sebastians Mutter und auf dem Papier die Geschäftsführerin der Firma. Sie sah elend aus: dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, ihre Lippen bebten, und die Hände zitterten so stark, dass sie sie in den Manteltaschen vergrub. Ohne zu fragen, setzte sie sich an Katharinas Tisch.

„Katharinchen“, begann sie mit einer gepressten, brüchigen Stimme, „ich bitte dich… ich flehe dich an. Zieh die Anzeige zurück. Sag ihnen, du hast dich geirrt. Sag, es war Rache wegen der Scheidung. Sag irgendetwas. Du verstehst doch, dass sie mich einsperren können? Mich, eine alte Frau. Ich hab hohen Blutdruck, mein Herz macht nicht mehr mit…“

„Elisabeth Sergejewna“, unterbrach Katharina sie kühl, „haben Sie verstanden, was Sie getan haben, als Ihr Sohn Ihrer Tochter von meinem Geld eine Wohnung gekauft hat? Haben Sie begriffen, dass man mich bestohlen hat? Dass man mich gedemütigt, aus meinem Zuhause gedrängt und mir ins Gesicht gesagt hat, ich sei niemand? Sie kommen jetzt her, um für sich selbst zu bitten. Aber wer von Ihnen hat mich um Verzeihung gebeten für das, was Sie mir angetan haben?“

„Katharinchen, so grausam darf man doch nicht sein! Wir sind doch eine Familie!“ In den Augen der Schwiegermutter schimmerten Tränen.

Katharina lachte leise, aber es lag keinerlei Wärme darin. „Eine Familie? Ihre Tochter trägt den Anhänger meiner verstorbenen Mutter. Sie haben mir eine Woche gegeben, um aus der Wohnung auszuziehen, die mir meine Eltern hinterlassen haben. Sie haben mich einen Fremdkörper genannt. Also bekommen Sie jetzt genau diesen Fremdkörper. Die Wahl ist einfach: Entweder ich sage aus, dass alle Anweisungen von Sebastian kamen, während Sie nur nominell Geschäftsführerin waren und von nichts wussten. Dann trägt er die Hauptlast. Oder ich erkläre, Sebastian sei in die Irre geführt worden und Sie hätten in Wahrheit alles gesteuert. Entscheiden Sie selbst. Bis morgen früh haben Sie Zeit.“

Elisabeth öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut heraus. Sie starrte Katharina an, als säße ihr eine Fremde gegenüber. In dieser Frau erkannte sie nicht mehr die fügsame Schwiegertochter, die zehn Jahre lang Sebastians Launen und Theresas Frechheiten ertragen hatte. Katharina erhob sich, legte Geld für den Tee auf den Tisch und wandte sich zum Gehen. An der Tür blieb sie noch einmal stehen.

„Richten Sie Sebastian schöne Grüße aus“, sagte sie ruhig. „Und sagen Sie ihm, dass ich wieder Geld verdienen werde. Aber nicht mehr für ihn.“

Ein Monat verging.

Draußen fiel feiner, kalter Regen und trommelte gegen den Sims des alten Holzhauses am See. Katharina saß in einem Fauteuil, eine Decke über den Knien, und las zum wiederholten Mal die Meldung auf dem Bildschirm ihres Laptops. Eine Nachrichtenagentur hatte eine kurze Notiz veröffentlicht: „Der ehemalige Geschäftsführer der GmbH ‚Steyr‘, Sebastian Volkov, ist wegen Steuerhinterziehung zu drei Jahren bedingter Freiheitsstrafe sowie zu einer Geldstrafe von 50.000 Euro verurteilt worden. Seine Mutter, die formell als Geschäftsführerin eingetragen war, erhielt aus gesundheitlichen Gründen einen Aufschub der Strafvollstreckung. Die mit Mitteln aus strafbaren Handlungen erworbene Wohnung wurde zugunsten des Staates eingezogen.“

Katharina lehnte sich zurück und schloss die Augen. Bilder aus den vergangenen Wochen glitten an ihr vorbei: die langen Einvernahmen, bei denen sie präzise, ruhig und wohlüberlegt ausgesagt hatte; die Gegenüberstellungen, bei denen Sebastian es nicht geschafft hatte, ihr in die Augen zu schauen; die Gerichtsverhandlung, in der sie als Belastungszeugin aufgetreten war. Der Anwalt, den sie mit dem Geld aus dem Verkauf ihres alten Autos bezahlt hatte, hatte für sie selbst eine lückenlose Verteidigung aufgebaut. Das Gericht berücksichtigte ihre tätige Reue und die umfassende Mithilfe bei der Aufklärung der Straftaten. Für Katharina endete das Verfahren ohne Strafe. Sie verließ den Gerichtssaal als freie Frau.

Theresa musste sich letztlich nicht vor Gericht verantworten. Im letzten Moment hatte Katharina ihre Aussage angepasst und dem Ermittler erklärt, die Schwester ihres Mannes habe nicht gewusst, woher das Geld stammte, und bloß auf Anweisung ihres Bruders gehandelt. Man beließ es bei einer Verpflichtung, den Wohnort nicht zu verlassen, und bei der Einziehung der Wohnung. Katharina wusste genau, warum sie das tat. Eine Haftstrafe hätte Theresa von ihrem Kind getrennt, und der Bub konnte nichts für die Schuld der Erwachsenen.

Doch das Leben ohne neue Wohnung, ohne den Glanz der bevorzugten Schwester und ohne Sebastians Geld wurde für Theresa zu einer Strafe, die härter war als manches Urteil. Die stolze Frau, die sich an leicht verdientes Geld gewöhnt hatte, blieb mit einem kleinen Kind zurück – allein, verbittert und mit dem Ruf, in eine Straftat verwickelt gewesen zu sein.

Der Diamantanhänger kehrte eine Woche nach der Hausdurchsuchung zu Katharina zurück. Man hatte ihn unter den Gegenständen gefunden, die bei Theresa sichergestellt worden waren. Anhand eines alten Fotos, auf dem Katharinas Mutter ihn zur Maturafeier ihrer Tochter getragen hatte, konnte der Schmuck eindeutig als Katharinas Eigentum erkannt werden. Der Ermittler übergab ihr persönlich das kleine Samtetui. Katharina legte sich den Anhänger um den Hals und nahm ihn seither nicht mehr ab.

Ihr Handy begann zu läuten. Die Nummer war ihr unbekannt, trotzdem wusste sie sofort, wer anrief. Sie hob ab und hörte Sebastians Stimme. Sie klang dumpf, fremd, als käme sie aus einem Raum, in dem kein Licht mehr brannte.

„Danke, dass du Theresa nicht ins Gefängnis gebracht hast.“

„Ich wollte einem Kind nicht die Mutter nehmen“, antwortete Katharina gleichmäßig. „Im Gegensatz zu dir.“

Am anderen Ende blieb es einen Moment still.

„Du hast alles zerstört“, sagte er schließlich, und Bitterkeit lag in jedem Wort. „Das Geschäft, die Familie, mein Leben.“

„Dein Leben ist an dem Abend zerbrochen, an dem du beschlossen hast, ich sei nichts wert“, erwiderte Katharina. „Ich habe nichts zerstört. Ich habe nur aufgehört, für dich aufzubauen. Leb wohl, Sebastian. Versuch in deinem neuen Leben, nicht mehr zu stehlen.“

Sie beendete das Gespräch und sperrte die Nummer. Draußen trieb der Wind feine Kräuselwellen über den See. Katharina trank den letzten Schluck Tee, stand aus dem Fauteuil auf und ging zum Tisch, auf dem der Laptop noch eingeschaltet war. Auf dem Bildschirm war das Unternehmensserviceportal geöffnet. Sie hatte eine neue Firma angemeldet – klein, sauber, ehrlich. Ihre eigene.

Noch stand nur ein einziger Name in den Unterlagen: ihrer. Aber Katharina wusste, dass sie mit der Zeit junge Frauen einstellen würde, denen jemand eine Chance geben musste. Sie würde ein Unternehmen aufbauen, das nicht in schwarzen Tabellen versteckt werden musste. Eines, für das sie sich nicht schämen würde.

Sie lächelte, berührte den Anhänger an ihrem Hals und eröffnete ein neues Geschäftskonto. Von null weg. Auf einem leeren Blatt. Und diesmal war sie vollkommen sicher, dass dieses Blatt weiß bleiben würde.

Hedis Stube