Ich bin mittlerweile fast fünfunddreißig und hab mir eingebildet, das Leben könne mich nicht mehr groß überraschen. Man meint ja irgendwann, man habe schon genug gesehen, genug ausgehalten und wisse ungefähr, wie Menschen ticken. Nur stellt sich dann plötzlich heraus, dass selbst ein ganz normaler Familienvater in eine Lage geraten kann, die gleichzeitig lächerlich, schmutzig und kaum zu fassen ist.
Meine Frau ist schwanger. Auf den ersten Blick müsste das eine erfreuliche Nachricht sein. Viele würden wahrscheinlich sagen: „Was willst du denn? Freu dich doch!“ Nur gibt es für mich daran nicht besonders viel zum Freuen. Denn wie sich herausgestellt hat, bin ich nicht der Vater dieses Kindes. Es muss jemand von dort gewesen sein, irgendein Einheimischer, vermutlich einer aus ihrem Umfeld in Podersdorf. Passiert ist das alles nach ihrer Reise dorthin, zu der sie ohne mich aufgebrochen ist – nur mit unserem Sohn Lukas.
Wäre unsere Ehe schon länger zerrüttet gewesen, hätten wir dauernd gestritten oder uns längst wie Fremde benommen, könnte man vielleicht noch irgendeine Erklärung finden. Aber so war es eben nicht. Wir haben immer gut miteinander können. Ich hab ihr vertraut, wirklich blind vertraut. Und dann war ausgerechnet ich derjenige, der sie allein zur Erholung fahren hat lassen. Später ist es Lukas gewesen, der ganz nebenbei etwas gesagt hat, das mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Jetzt klingt die ganze Geschichte nicht nur traurig, sondern fast schon wie eine absurde Provokation. Wenn ihr also solche Wendungen mögt, dann macht es euch bequem. Ich hab einiges zu erzählen.
Damit man versteht, wie alles angefangen hat, kurz zu mir. Nichts Spektakuläres: ein ganz gewöhnlicher Österreicher, mein Name ist Florian. Das erste Mal hab ich ziemlich jung geheiratet, gleich nach dem Bundesheer. Nach ein paar Jahren war aber klar, dass meine damalige Frau und ich eigentlich nicht zusammenpassen. Kinder hatten wir keine, die Scheidung ist rasch und ohne großes Theater über die Bühne gegangen.
Lange allein bin ich danach trotzdem nicht geblieben. Schon ein paar Monate später hab ich jene Frau kennengelernt, mit der ich wieder an Familie, Zukunft und ein gemeinsames Leben glauben wollte. Sie hieß Anna – und genau sie ist die Hauptperson in dieser Geschichte. Wir waren nicht ewig zusammen, bevor wir geheiratet haben, aber es hat sich damals richtig angefühlt. Drei Jahre später ist Lukas geboren worden. Von da an ist unser Alltag ganz normal dahingelaufen: Wohnkredit, Kredit fürs Auto, Arbeitstage, Wochenende, Einkäufe, Schwiegermutter, Kindergarten. Ab und zu bin ich mit Freunden zusammengesessen, ab und zu ist Anna mit ihren Freundinnen fortgegangen. Alles im Rahmen eines gewöhnlichen Familienlebens. An Seitensprünge hab ich bei mir nie gedacht, und bei Anna wäre mir so ein Verdacht nicht einmal im Traum gekommen. Bis zu jenem Zeitpunkt eben.

Der Urlaub, der alles verändert hat
Im Sommer wollten wir ursprünglich alle gemeinsam wegfahren, ein bisschen ausspannen, Sonne, Wasser, Strandgefühl. Podersdorf war das Ziel, darauf hatte sich Anna festgelegt. Ich selbst hätte auch gegen Kärnten oder einen anderen See nichts einzuwenden gehabt, dort ist es ja ebenfalls schön. Aber Anna wollte unbedingt nach Podersdorf, weil sie dort ihre Schulfreundin Katharina besuchen wollte. Katharina lebt schon länger dort mit ihrem Mann, einem Mann aus der Gegend.
Kurz vor der Abreise ist dann alles anders gekommen. In der Arbeit hat man plötzlich verlangt, dass ich bleibe. Die Leitung hat einen außerplanmäßigen Abgabetermin für ein Projekt angesetzt, und sämtliche Urlaube wurden gestrichen. Meine eigene Buchung musste ich ebenfalls stornieren.
Ich bin an diesem Abend ziemlich niedergeschlagen heimgekommen und hab Anna alles erzählt. Sie hat kurz überlegt und dann gemeint:
„Na gut. Dann fahren Lukas und ich eben allein. Deine Sachen müssen wir halt absagen.“
„Wie bitte, allein? An einen Ort, wo du dich nicht wirklich auskennst, mit einem kleinen Kind? Ich weiß nicht, ob das so gescheit ist“, hab ich eingewendet.
„Was sollen wir denn sonst machen? Du sagst doch selbst, dass du nicht wegkannst. Und Erholung brauchen wir trotzdem. Katharina ist ja dort, sie hilft mir schon“, hat sie beharrt.
Wir haben mehrere Abende darüber gestritten. Ich wollte nicht, dass sie ohne mich fährt, aber am Ende hab ich nachgegeben. Heute denke ich mir: Was für ein blinder Trottel ich gewesen bin. Warum hab ich nicht einfach darauf bestanden, dass wir alle daheimbleiben oder später gemeinsam fahren?
Kurz vor der Abreise hat Anna ihre Sachen gepackt, Unterlagen kontrolliert, die Tasche für Lukas hergerichtet. Und ich, wie halt ein Ehemann, hab sie wenigstens für die Nacht vor der Fahrt noch um Nähe gebeten. Ihre Antwort war knapp:
„Geht nicht. Ich hab meine Tage.“
„Na herzlichen Dank auch“, hab ich beleidigt gemurmelt.
Da ist sie sofort aufgefahren.
„Jetzt bist du auch noch gekränkt? Ich soll mich freuen, dass ich allein mit dem Kind fahren darf, während du daheimbleibst, und du kommst mir noch mit so etwas?“
Damit war das Thema erledigt. Sie sind gefahren. Drei Wochen Erholung waren geplant. Ich hab sie verabschiedet und nicht den geringsten Verdacht gehabt, dass sie völlig anders zurückkommen würde, als sie weggefahren war.
Eigentlich hätte alles ganz harmlos sein sollen: ein bisschen ausruhen, braun werden, baden, gut essen, mit frischer Laune heimkommen. Stattdessen ist Anna später mit einer Nachricht zurückgekehrt, die meine ganze Welt auf den Kopf gestellt hat. Erfahren hab ich die entscheidenden Dinge aber nicht von ihr, sondern von Lukas. Kinder reden manchmal einfach drauflos, ohne zu begreifen, was ihre Worte auslösen. Genau so ist es passiert: Er hat beiläufig einen Satz fallen lassen, und danach ist alles zerbröselt.
Ungefähr drei Tage vor ihrer geplanten Heimfahrt hat Anna mich plötzlich angerufen.
