„Florian, Katharina hat gemeint, wir könnten noch zwei Wochen dranhängen. Meinst du, ich kann die Fahrt umbuchen? Lukas ist ganz aus dem Häuschen – er ist braun geworden, war dauernd im Wasser und hat sich an Obst sattgegessen. In der Arbeit hab ich es auch schon abgeklärt.“
„Passt“, hab ich knapp gesagt, obwohl mir innerlich sofort etwas zusammengeschnürt hat.
Diese zusätzlichen zwei Wochen sind dann genauso rasch vergangen wie die erste Zeit. Ich hab mich schon richtig auf ihre Rückkehr eingestellt: die Wohnung zusammengeräumt, Abendessen vorbereitet, sogar Blumen besorgt. Mir hat mein Bub gefehlt, mir hat unser Zuhause gefehlt, dieses normale Familienleben, selbst mit Wäschebergen und schmutzigen Socken. Und natürlich hat mir auch Anna gefehlt – ihre Nähe, ihre Art, sich um Kleinigkeiten zu kümmern, all das, was man für selbstverständlich hält, bis es plötzlich nicht mehr da ist.
Lukas ist tatsächlich heimgekommen wie ausgewechselt: braungebrannt, ein Stück größer wirkend, voller Geschichten und Eindrücke. Anna dagegen… sie war irgendwie nicht mehr dieselbe. Sie hat meinen Blick gemieden, nur kurz angebunden geredet und kaum gelächelt. Zuerst hab ich mir eingeredet, sie sei einfach erledigt. Die Fahrt, das Baden, die Hitze, der ganze Trubel – eh klar, dachte ich. Daheim wird sie schon wieder zu sich kommen.
Aber genau das ist nicht passiert.
Im Gegenteil. Sie ist noch kühler geworden, noch weiter weg. Und irgendwann hat es in mir regelrecht geklickt, als hätte jemand einen Schalter umgelegt: Da stimmt etwas nicht.
Die ersten Tage hab ich nur beobachtet. Ich hab nichts gesagt, hab geschaut, wie sie sich verhält. Doch je länger ich gewartet hab, desto deutlicher ist mir geworden: Sie geht mir aus dem Weg. Sie will nicht in meiner Nähe sein. Das war keine Müdigkeit mehr. Das war etwas anderes.
Einmal bin ich im Wohnzimmer gesessen und hab am Handy herumgewischt, als Lukas in die Küche zu Anna gegangen ist und ganz harmlos gefragt hat:
„Mama, bleibt Maximilian jetzt in Podersdorf? Kommt er nicht zu uns?“
Ehrlich gesagt hab ich gar nicht richtig mitbekommen, was Anna darauf geantwortet hat. Ich hab nur gespürt, wie mir das Blut in den Kopf geschossen ist. Fast automatisch bin ich aufgestanden und in die Küche gegangen. Sie stand mit dem Rücken zu mir beim Herd und tat so, als wäre sie furchtbar mit dem Kochen beschäftigt.
„Wer ist dieser Maximilian?“, hab ich gefragt. Meine Stimme war ruhig, aber darunter hat schon etwas gebrodelt.
„Welcher Maximilian denn?“, hat sie schwach zurückgegeben, ohne sich umzudrehen.
„Der, von dem unser Sohn gerade geredet hat!“, bin ich lauter geworden.
„Ach… ein Nachbar von Katharina. Nichts Besonderes“, hat Anna gesagt und weiter am Topf herumhantiert.
Genau in diesem Moment ist sie plötzlich wie versteinert stehen geblieben. Dann hat sie sich die Hand vor den Mund geschlagen, mich beinahe zur Seite gestoßen und ist ins Bad gelaufen.
Da haben sich in meinem Kopf die ersten dunklen Puzzleteile zusammengesetzt. Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung.
Ich hab begonnen, im Kopf die Tage durchzurechnen. Wann sie weggefahren sind. Wann ihre Tage hätten anfangen müssen. Wenn sie ungefähr am ersten Tag ihrer Monatsblutung abgereist ist und inzwischen mehr als fünf Wochen vergangen waren… dann konnte man eine Schwangerschaft nicht einfach ausschließen.
Später hat Anna daheim gemeint, ihr sei nur wegen der Umstellung schlecht, vielleicht habe sie sich auch den Magen verdorben. Ich bin an diesem Abend mit einem Knoten im Bauch schlafen gegangen – ohne Gewissheit, aber mit einem Verdacht, der sich nicht mehr abschütteln ließ.
Am nächsten Tag bin ich völlig neben mir gewesen. In der Arbeit hab ich mich auf nichts konzentrieren können. Jeder Gedanke ist wieder zu derselben Frage zurückgekehrt. Am Abend hab ich dann all meinen Mut zusammengenommen und beschlossen, das Schweigen zu beenden.
„Bist du schwanger?“, hab ich sie direkt gefragt, als ich in die Küche gekommen bin.
„Nein“, hat sie geantwortet, ohne mir in die Augen zu schauen.
„Anna, hältst du mich für einen Trottel?“, hab ich gesagt und den Test hervorgeholt, den ich im Bad gefunden hatte. „Dann erklär mir bitte, warum da zwei Striche drauf sind.“
„Oh…“, ist es ihr nur hilflos herausgerutscht.
Danach war es still. Diese Stille hat sich zwischen uns ausgebreitet wie ein klebriges Netz. Schließlich ist mir zuerst der Geduldsfaden gerissen.
„Anna, sag es gerade heraus. Bist du schwanger?“
Sie hat den Blick gesenkt. Dann hat sie doch genickt.
„Ja. Und was ist jetzt daran so schlimm?“
„Von wem?“, hab ich gefragt, und dabei ist mir eine eiskalte Welle durch den Körper gegangen.
„Von dir natürlich! Was redest du denn da für einen Unsinn?“, hat sie versucht, sich zusammenzureißen und empört zu wirken. Aber ihre Stimme hat sie verraten. Sie hat gezittert.
„Wirklich? Dann rechnen wir das jetzt einmal gemeinsam durch!“ Ich konnte die Spannung nicht mehr zurückhalten. „Zwei Wochen vor eurer Abfahrt waren wir nicht miteinander, weil ich beruflich weg war. Danach haben bei dir die Tage begonnen, und die hätten genau vor dem Urlaub vorbei sein müssen. Ihr wart fünf Wochen weg. Wie sollst du da bitte von mir schwanger sein? Erklär es mir, wenn ich so blöd bin!“
Ich hab gespürt, wie sich die Wut langsam in meiner Brust ausgebreitet hat. Die Lüge stand viel zu deutlich zwischen uns.
