„Meine Mutter ist nach dem Spaziergang müde. Nimm deinen Sohn da weg, er soll keinen Lärm machen!“ sagte Lukas scharf und schlug die Wohnzimmertür vor dem Gesicht des achtjährigen Paul zu

Herzzerreißend, wie ein Kind wortlos entfremdet wird.
Geschichten

„Meine Mutter ist nach dem Spaziergang müde. Nimm deinen Sohn da weg, er soll keinen Lärm machen!“, sagte Lukas scharf und schlug die Wohnzimmertür vor dem Gesicht des achtjährigen Paul zu.

Der Bub blieb mitten im Vorzimmer wie angewurzelt stehen. In den Händen hielt er eine Schachtel mit einem Baukasten — blau, mit einem Feuerwehrauto auf dem Deckel. Ganz allein hatte er es zusammengebaut, ohne Hilfe, ohne Hinweise, und den ganzen Vormittag auf den Augenblick gewartet, in dem er es der Oma zeigen konnte.

Anna stand an der Wand und sah ihren Sohn an. Paul begann nicht zu weinen. Er senkte nur langsam den Blick, drehte sich um und ging wortlos in die Küche.

In ihr zog sich etwas schmerzhaft zusammen. Ihr eigenes Kind war in der eigenen Wohnung zum Fremden geworden. Und sie hatte viel zu lange so getan, als würde sie es nicht bemerken.

Anna war sechsunddreißig. Sie war eher klein, hatte dunkles Haar, das sie fast immer zu einem Pferdeschwanz band, und arbeitete als Einkaufsmanagerin in einem kleinen Großhandelsbetrieb. In der Arbeit galt sie als ruhig, besonnen und beherrscht. Auch daheim bemühte sie sich, Haltung zu bewahren.

Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann hatte sie mehrere Jahre allein mit Paul gelebt. Ihre Dreizimmerwohnung in einer stillen Gegend war ihr wie ein sicherer Zufluchtsort erschienen — hell, geräumig, vertraut und wirklich ihr eigen. In der Früh stürmte ihr Sohn oft in ihr Zimmer und rief: „Mama, ist das Frühstück schon fertig?“, und sie lachte, noch bevor sie die Augen richtig aufgebracht hatte. Sie waren an diese Räume gewöhnt, an das Licht, an die Luft darin, an dieses gemeinsame Leben.

Lukas hatte sie zufällig kennengelernt, bei einer Bekannten, die sie beide eingeladen hatte. Er war ein wenig älter als sie, wirkte ausgeglichen, sprach mit ruhiger Stimme und hatte die seltene Gewohnheit, einem Menschen bis zum Ende zuzuhören.

„Du fällst einem nie ins Wort“, sagte Anna einmal zu ihm.

„Ich will halt wissen, was du als Nächstes sagst“, antwortete er und lächelte.

Mit Paul fand er erstaunlich schnell einen Zugang. Er fuhr mit ihm zum Fußball, half ihm bei Bastelarbeiten, spielte sich nicht als „neuer Papa“ auf, hielt sich aber auch nicht kühl auf Abstand. Nach der Hochzeit zog Lukas zu ihnen. Das erste Jahr verging leicht, beinahe unbeschwert.

Das Unbehagen begann erst später. Eines Abends rief Lukas’ Mutter Theresa an und teilte ihnen mit, sie habe ihre Wohnung verkauft. Ihre Erklärung klang schlicht:

„Ich möchte näher bei meinem Sohn sein. Ich bleibe einstweilen bei euch, bis ich etwas Passendes gefunden habe.“

Anna sah Lukas an. Er zuckte nur mit den Schultern.

„Ist ja nur vorübergehend. Du hast doch nichts dagegen?“

Sie hatte nichts dagegen. Damals nicht.

Theresa kam mit vier großen Koffern und zwei Schachteln voller Geschirr bei ihnen an.

Hedis Stube