Dazu hatte sie auch noch ihren Lieblingssessel mitgebracht. Mit der Suche nach einer eigenen Wohnung ließ Theresa sich Zeit. Der Immobilienmakler „melde sich nicht zurück“, die Gegenden „passten nicht“, die Preise seien „eine Frechheit“. Aus Wochen wurden Monate. Die Koffer verschwanden nach und nach in den Kästen. Der Sessel stand bald am schönsten Platz direkt beim Fenster.
Anna spürte, wie sich die Stimmung in der Wohnung veränderte, sagte aber nichts. Sie redete sich ein, dass sich alles von selbst einrenken würde.
Die Regeln verschoben sich leise, eine nach der anderen, als würde in der Nacht jemand heimlich die Möbel umstellen.
Zuerst bekam Paul eine Ermahnung, weil er durch den Gang gelaufen war.
„Das Kind stampft wie ein Pferd“, sagte Theresa beim Abendessen, ohne jemanden direkt anzusehen.
Lukas wandte sich zu seinem Sohn.
„Paul, bitte ein bissl leiser. Der Oma ist das zu viel.“
Anna schwieg. Danach waren Zeichentrickfilme ohne Kopfhörer nicht mehr erlaubt, weil der Fernseher Theresa „nervös“ machte. Später durften auch Gespräche mit Freunden nicht mehr über Lautsprecher geführt werden. Dann kamen die Freunde selbst an die Reihe: Theresa meinte, fremde Kinder brächten nur Unordnung ins Haus. Spielen durfte Paul nur noch in seinem Zimmer, und das höchstens bis sieben Uhr am Abend. Selbst sein Lachen, wenn es zu hell und ausgelassen war, zog einen missbilligenden Blick aus dem Wohnzimmer nach sich.
„Mama braucht Ruhe“, sagte Lukas jedes Mal, wenn Anna ansetzen wollte, etwas dagegen zu sagen. „Versuch sie zu verstehen. Sie ist nicht mehr jung.“
Anna versuchte es. Wieder und wieder.
Sie sagte sich, es sei nur eine Übergangsphase. Theresa sei eben erschöpft. Lukas wolle bloß keinen Streit. Doch Paul wurde von Woche zu Woche stiller. In der Früh stürmte er nicht mehr ins Schlafzimmer. Seine Bausteine ließ er nicht mehr auf dem Wohnzimmertisch liegen. Immer öfter blieb er in seinem Zimmer, mit dem Tablet oder einem Buch, und traute sich kaum noch hinaus.
Eines Abends schaute Anna bei ihm hinein. Paul lag auf dem Bett und starrte zur Decke.
„Warum schläfst du noch nicht?“, fragte sie leise.
Er schwieg eine Weile. Dann drehte er den Kopf zu ihr.
„Mama … störe ich euch?“
Anna setzte sich zu ihm aufs Bett und zog ihn fester an sich, als sie eigentlich vorgehabt hatte. Eine Antwort fand sie nicht. Und Paul fragte nichts mehr.
Am Sonntag kamen sie gemeinsam von einem Spaziergang heim: Anna, Lukas, Paul und Theresa. Draußen war es schön gewesen, die Herbstsonne hatte geschienen, Paul hatte mit den Füßen Laub aufgewirbelt und gelacht. Anna hatte ihn angesehen und gedacht, genau so sollte es sein.
Daheim machte sie sich gleich ans Abendessen. Paul wuselte neben ihr herum, stellte Teller auf den Tisch und fragte, ob er das Brot schon in den Korb legen dürfe.
