„Natürlich“, sagte Anna und fuhr ihm zärtlich durchs Haar.
Der Tisch sah am Ende richtig einladend aus. Anna hatte sogar Kerzen hingestellt, kleine in schlichten Glasständern. Sie hatte sich gewünscht, dass dieser Abend warm, ruhig und ein bissl feierlich werden würde.
Theresa kam ins Wohnzimmer, ließ sich schwer in den Sessel sinken und seufzte, als hätte sie einen ganzen Tag Lasten geschleppt.
„Ich bin furchtbar erledigt“, sagte sie gedehnt. „Paul, musst du denn so mit den Tellern scheppern?“
Der Bub erstarrte sofort. Behutsam stellte er den letzten Teller ab und trat einen Schritt zurück.
Lukas wandte sich zu Anna.
„Bring ihn bitte in die Küche“, sagte er. „Er kann dort essen. Wir möchten einmal in Ruhe zu Abend essen.“
Für einen Moment war es, als hätte jemand die Luft aus dem Zimmer gezogen. Paul widersprach nicht. Er nahm nur seinen Teller in beide Hände und ging langsam Richtung Küche, so, als wäre das alles ganz selbstverständlich.
Anna sah ihm nach. Auf seinen schmalen Rücken. Auf die hängenden Schultern. Auf den Teller, den er mit seinen kleinen Händen so vorsichtig festhielt.
Zum ersten Mal seit langer Zeit begann sie nicht, Lukas irgendetwas zu erklären. Sie sagte nicht „passt schon“ und bat Paul auch nicht, „nur ein bisschen Geduld“ zu haben. Sie blieb einfach stehen und sah zu, wie ihr Sohn in der eigenen Wohnung in die Küche geschickt wurde, um dort allein zu essen.
Noch einen Herzschlag lang schaute sie auf Pauls Rücken. Dann ging sie wortlos zu ihm, nahm ihm den Teller aus der Hand und stellte ihn ruhig wieder auf den Tisch zurück, genau dorthin, wo er hingehörte.
„Setz dich“, sagte sie leise zu Paul und zog ihm den Sessel zurecht.
Der Bub setzte sich, völlig verunsichert, weil er nicht verstand, was gerade geschah. Anna nahm neben ihm Platz.
Lukas starrte sie an, zuerst überrascht, dann zunehmend verärgert.
„Anna, was soll denn dieses Theater? Meine Mutter ist müde, und ich bitte nur um etwas ganz Einfaches …“
„Das hier ist meine Wohnung“, unterbrach sie ihn mit ruhiger Stimme. „Und die Wohnung meines Sohnes. Wenn es jemandem hier zu eng ist oder ein Kind am gemeinsamen Tisch zu laut ist, dann könnt ihr gern selbst in der Küche essen.“
Theresa schnappte empört nach Luft und presste eine Hand an die Brust.
„Aha. So weit ist es also gekommen. Eine alte Frau wird vom Tisch verjagt. Das muss man auch erst erleben.“
„Niemand verjagt Sie“, antwortete Anna gelassen. „Sie sitzen am Tisch. Mein Sohn sitzt ebenfalls am Tisch. Und genau so wird es bleiben.“
Lukas wurde lauter. Er redete von Respekt, von Undankbarkeit und davon, dass man so nicht miteinander umgehe. Anna ließ ihn ausreden. Dann stand sie auf, ging zum Regal, nahm aus einer Lade die Mappe mit den Wohnungsunterlagen und legte sie vor Lukas auf den Tisch.
„Wenn es nötig ist, erinnere ich dich gern daran, wem diese Wohnung gehört.“
