„Ihr werdet das jetzt ordentlich regeln!“ knallte Johanna und marschierte ohne die Schuhe auszuziehen in die Wohnung

Diese unerhörte Ungerechtigkeit ist zutiefst empörend.
Geschichten

Florian gab nur ein heiseres, unverständliches Brummen von sich und zog den Kopf wieder in die Küche zurück.

Am Abend meldete sich seine Mutter. Theresa hatte damit gerechnet. Johanna war ganz bestimmt nicht heimgegangen, ohne sich irgendwo auszuweinen.

„Theresa, was führst du denn da auf“, setzte Elisabeth sofort an, ohne Begrüßung, ohne irgendein Vorgeplänkel. „Es geht doch um ein Kind. Gib ihr halt irgendeine Ecke, ein kleines Zimmer, irgendwas. Sie wird sonst keine Ruhe geben. Der Bub kann einem leidtun. Eigenes Blut bleibt eigenes Blut.“

„Wessen Blut, Elisabeth?“, fragte Theresa ruhig.

„Na wessen schon? Florians natürlich!“

„Eben. Florians. Nicht meines und schon gar nicht das meiner Wohnung. Die Wohnung gehört mir, Elisabeth. Seit vor der Ehe. Florian ist hier höchstens ein Gast mit Meldezettel.“

„Jetzt fang nicht schon wieder mit deiner Wohnung an! Wohnung, Wohnung, immer nur Wohnung! Ich rede davon, was menschlich wäre.“

„Menschlich ist, Alimente zu zahlen und mit dem Kind ins Kino zu gehen. Florian zahlt und geht mit ihm hin. Damit ist das Menschliche erledigt.“

Elisabeth seufzte noch eine ganze Weile ins Telefon, dann versuchte sie es von einer anderen Seite: Theresa habe ja selber keine Kinder, sie könne gar nicht wissen, wie einem als Mutter zumute sei, und Johanna stecke doch auch in einer schwierigen Lage. Der Hinweis auf die Kinderlosigkeit traf genau dorthin, wo es wehtat. Das wussten sie beide.

Theresa nahm das Handy für einen Moment vom Ohr, stellte ihr Häferl auf den Tisch und atmete einmal durch. Dann hob sie es wieder an.

„Nein, das verstehe ich wohl nicht“, sagte sie. „Dafür kann ich Verträge lesen. Gute Nacht, Elisabeth.“

Dann beendete sie das Gespräch.

Drei Wochen vergingen.

Maria, die Nachbarin aus dem vierten Stock, der Theresa manchmal beim Lift begegnete, erzählte ihr eines Tages nebenbei, es sei eine Frau im Haus gewesen. Ganz fahrig, in einem glänzenden Lackmantel. Sie habe sich im Stiegenhaus durchgefragt, ob jemand einen guten Anwalt für Wohnrecht kenne, möglichst günstig. Irgendwer habe ihr offenbar einen empfohlen. Sie sei auch dort gewesen, aber der habe, wie man hörte, nur die Schultern gehoben: Da gebe es nichts, woran man sich festhalten könne.

„Nichts zum Festhalten“, meinte Theresa. „Kommt vor.“

Auch über den Buben sickerte etwas durch, wieder auf Umwegen über Maria, deren Schwiegertochter ausgerechnet an jener Schule arbeitete. Lukas wurde am Ende doch von der Schule abgemeldet, wegen der der ganze Wirbel überhaupt begonnen hatte. Gemeldet wurde er schließlich am Wohnsitz seiner Mutter. Es stellte sich heraus, dass gleich gegenüber von Johannas Wohnung ebenfalls eine ordentliche Schule war; bisher hatte sich nur niemand die Mühe gemacht, genauer nachzuschauen. Die ganze Geschichte mit der fremden Wohnung war also weniger für das Kind gewesen als für eine Klausel in einer Vereinbarung, die es gar nicht gab.

Florian sprach nach jenem Abend nicht mehr von seiner Ex. Nur einmal ließ er fallen, sie habe ihn angerufen und sich beklagt. Er habe nicht abgehoben. Theresa nickte bloß und fragte nicht nach.

Die Mappe mit den Unterlagen räumte sie aus dem Vorzimmer weg. Zusätzlich bestellte sie sich noch einen aktuellen Grundbuchsauszug, mit frischem Datum. Nur für alle Fälle.

Hedis Stube